Elsass

Drei Tote bei Terroranschlag in Straßburg - Täter auf der Flucht

dpa, afp, Anika Maldacker, Konstantin Görlich

Von dpa, afp, Anika Maldacker & Konstantin Görlich

Mi, 12. Dezember 2018 um 06:46 Uhr

Straßburg

Bei einem mutmaßlichen Terroranschlag sind am Dienstagabend auf dem Weihnachtsmark in Straßburg Schüsse gefallen. Drei Menschen wurden getötet, 12 weitere sind verletzt. Der Schütze ist auf der Flucht von Soldaten angeschossen worden.

Das Wichtigste in Kürze

Frankreich ist erneut von einem schweren Terroranschlag erschüttert worden. Bei dem Angriff mitten in der Weihnachtssaison wurden am Dienstagabend drei Menschen in Straßburg getötet. Zwölf Menschen wurden verletzt, sechs von ihnen sehr schwer. Die Polizei ging von einem terroristischen Hintergrund aus. Der Täter war am frühen Mittwochmorgen noch auf der Flucht.

Frankreichs Regierung ließ nach dem Anschlag die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausrufen. Das bedeute verstärkte Kontrollen an den Grenzen des Landes, sagte Frankreichs Innenminister Christophe Castaner. Auch Weihnachtsmärkte würden stärker kontrolliert. Laut dem Minister war der mutmaßliche Täter bereits wegen Delikten in Frankreich und Deutschland verurteilt worden.

Augenzeugen berichteten, dass gegen 20 Uhr mehrere Schüsse zu hören gewesen seien. Die Menschen in den Gassen hätten die Flucht ergriffen. "Wir haben mehrere Schüsse gehört, vielleicht drei, und dann haben wir Leute rennen sehen", sagte eine Augenzeugin. "Eine von ihnen ist gestürzt - ich weiß nicht, ob sie gestolpert ist oder getroffen wurde."

Zugriff in Neudorf

Der mutmaßliche Schütze soll örtlichen Medienberichten zufolge von Soldaten angeschossen worden sein. Die sogenannte "Operation Sentinelle", die seit den Anschlägen vom Januar 2015 agiert, soll die Militäroperation im Straßburger Stadtteil Neudorf geleitet haben. Dabei sollen Schüsse gefallen und Schreie zu hören gewesen sein. Festgenommen werden konnte der Flüchtige jedoch nicht, er habe sich "verschanzt".

Der mutmaßliche Täter sei von der Polizei mit dem sogenannten "Fiche S" klassifiziert worden, was bedeutet, dass dass der Täter der Polizei dafür bekannt war, einen terroristischen Hintergrund zu haben. Der französischsprachige Nachrichtensender BFMTV schreibt, dass der Täter 29 Jahre alt sein soll und in Straßburg geboren. Nach Angaben des Innenministeriums war der Mann auch wegen gewöhnlicher krimineller Delikte aktenkundig.

Der Straßburger Angreifer sollte Medienberichten zufolge eigentlich am Dienstagmorgen verhaftet werden. Wie der Sender France Info am Dienstagabend unter Berufung auf Polizeiquellen berichtete, war der Mann jedoch nicht zu Hause. Demnach wird ihm versuchter Mord vorgeworfen.

Macron schickt Innenminister

Die Polizei geht mittlerweile von einem terroristischen Hintergrund aus. Der sogenannte "Plan blanc" wurde aktiviert. Diesen Plan rufen die Einsatzkräfte ins Leben, wenn es sich um ein Attentat, eine Epidemie oder eine Naturkatastrophe handelt.

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron schickt nach dem schweren Angriff in Straßburg Innenminister Christophe Castaner in die elsässische Metropole. Das berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP am Dienstagabend unter Berufung auf den Élysée-Palast.

Weihnachtsmarkt als Terrorziel

Nach dem dem Angriff in der Gegend des Straßburger Weihnachtsmarkts haben Anti-Terror-Spezialisten der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. Die Untersuchung wurde unter anderem dem Inlandsgeheimdienst DGSI übergeben, wie Justizkreise der Deutschen Presse-Agentur in Paris bestätigten.

Der Straßburger Weihnachtsmarkt ist einer der ältesten und größten in Europa. Nach Angaben der Stadt gibt es auf dem Markt in der historischen Innenstadt rund 300 Buden. Der Markt zieht viele Besucher in die elsässische Stadt. Er gilt seit längerem als potenzielles Ziel für eine Terrorangriff und wird deswegen verstärkt von der Polizei bewacht.

Täglich sind rund 300 Polizisten und 160 private Wachleute auf dem Weihnachtsmarkt im Einsatz. Die Zufahrt für Autos ist drastisch eingeschränkt, Betonblöcke sollen Auto-Attentäter abhalten.

Innenstadt abgeriegelt, Kontrollen an der Grenze

Nach den Schüssen auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt ist die Polizeipräsenz auch an der nahen Grenze zu Deutschland erhöht worden. Die Bundespolizei ist am Grenzübergang Kehl gemeinsam mit der Offenburger Polizei im Einsatz, der Straßenbahnverkehr über die Grenze ist eingestellt. Es komme weiterhin zu starken Verzögerungen bei der Einreise in die Bundesrepublik.



Wie der Nachrichtensender Franceinfo berichtete, riegelte die Polizei Teile der Straßburger Innenstadt ab. Frankreichs Innenministerium sprach von einem "ernsthaften Sicherheitsvorfall" und forderte die Bewohner auf, zu Hause zu bleiben. Einen ähnlichen Appell hatte zuvor Straßburgs Vize-Bürgermeister Alain Fontanel veröffentlicht.

Schüsse in der Rue des Grandes-Arcades

Die örtliche Tageszeitung Dernières Nouvelles d'Alsace (Dna) berichtet von Absperrungen in einem 200-Meter-Umkreis um den Gutenberg-Platz. Dem ersten Bericht zufolge seien die ersten Schüsse in der Rue des Grandes-Arcades gefallen. Es soll sich um einen einzelnen Schützen gehandelt haben, der anschließend in die Grand’Rue geflohen sei, wo weitere Schüsse fielen.

Weitere Gebäude gesperrt

Nach den Schüssen auf dem Weihnachtsmarkt riegelte die Polizei auch das Gebäude des Europäischen Parlaments in Straßburg ab, wie ein AFP-Reporter berichtete. Dort finden in dieser Woche Plenarsitzungen des Parlaments statt, hunderte Abgeordnete und ihre Mitarbeiter halten sich deshalb in der Stadt auf. Wegen der polizeilichen Absperrung konnten Parlamentarier, Mitarbeiter und Journalisten das Gebäude am Abend zunächst nicht verlassen.

"Meine Gedanken sind bei den Opfern der Schießerei in Straßburg, die ich mit großer Entschiedenheit verurteile", schrieb EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker im Kurznachrichtendienst Twitter. Straßburg sei eine symbolische Stadt für den Frieden und die europäische Demokratie. "Werte, die wir immer verteidigen werden." Die EU-Kommission stehe an der Seite Frankreichs.

Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, hat sich erschüttert über den Angriff in Straßburg geäußert. "Welches Motiv auch immer hinter den Schüssen steckt: Wir trauern um die Getöteten und sind mit unseren Gedanken und Wünschen bei den Verletzten. Hoffentlich gerät niemand mehr in Gefahr", schrieb er am Dienstagabend auf Twitter.



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