Fahndung

Straßburger Anschlag: Weiterer Verdächtiger festgenommen

dpa, Bärbel Nückles, Lena Marie Jörger

Von dpa, Bärbel Nückles & Lena Marie Jörger

Do, 13. Dezember 2018 um 17:37 Uhr

Straßburg

Im Rahmen der Fahndung nach dem mutmaßlichen Weihnachtsmarkt-Attentäter Chérif Chekatt hat es eine fünfte Festnahme gegeben. Zuvor war ein drittes Opfer an seinen Verletzungen gestorben.

Update: Weitere Festnahme

Zwei Tage nach dem Straßburger Anschlag mit drei Toten haben Ermittler einen weiteren Verdächtigen aus dem Umfeld des mutmaßlichen Attentäters Chérif Chekatt in Gewahrsam genommen. Er gehört nicht zur Familie Chekatts. Damit seien insgesamt fünf Verdächtige im Gewahrsam, bestätigte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag in Paris. Chekatt selbst ist weiter flüchtig.
Zahl der Todesopfer steigt auf drei

Chérif Chekatt hatte am Dienstagabend mitten in der Weihnachtssaison das Feuer in der Straßburger Innenstadt eröffnet. Nach Angaben der Präfektur in Straßburg von Donnerstag wurden bei dem Angriff drei Menschen getötet, ein viertes Opfer sei hirntot. Fünf Menschen wurden schwer und acht leicht verletzt.

In Endingen kursiert derzeit das Gerücht, der Attentäter von Straßburg sei in einer Apotheke in Endingen gefasst worden. Polizeisprecherin Laura Riske dementiert das auf BZ-Anfrage. Seitdem mit einem Foto nach dem mutmaßlichen Attentäter Chérif Chekatt gesucht werde, habe es in der Region "einige Sichtungen" gegeben, sagt Riske, zum Beispiel auch in Freiburg. Bei der Meldung aus Endingen handele es sich aber um eine Falschmeldung, betont die Polizeisprecherin.

So kam es bei der Fahndung nach dem Attentäter von Straßburg auch in der Schweiz nahe der Grenze zu einem Polizeieinsatz, aber die Kantonspolizei Aargau gab schnell Entwarnung. Eine Reisende habe am Donnerstagmorgen bei Rheinfelden den Verdacht geäußert, der Gesuchte sei in ihrem Zug, sagte ein Polizeisprecher. Die Polizei habe den Mann an der nächsten Haltestelle in Frick rund zehn Kilometer südlich von Bad Säckingen aus dem Zug geholt und eingehend überprüft. Sie habe schnell festgestellt, dass es sich bei dem Mann nicht um den Verdächtigen handelte. Solche Einsätze nach Hinweisen von Passanten oder Passagieren gebe es alle Tage, sagte der Sprecher.
Ein überstürzter Erklärungsversuch, der aus dem mutmaßlichen Täter mal eben ein Opfer ungerechter Verhältnisse macht, käme nicht weniger reflexhaft daher als das Wutgeheul verkappter Fremdenfeinde. Zum Kommentar von Thomas Fricker

Nach dem schweren Anschlag in Straßburg macht die Polizei in Frankreich und Deutschland Jagd auf den Attentäter. Der polizeibekannte Gefährder Chérif Chekatt war am Dienstagabend auf der Flucht vor der Polizei von Soldaten verletzt worden und schließlich spurlos verschwunden.

Der Täter entkam mit einem Taxi, ließ sich vom Taxifahrer etwa zehn Minuten chauffieren und stieg dann aus, berichtete Heitz. Mit einem Großaufgebot hatten Beamten in und um die elsässische Metropole und an der nahe gelegenen Grenze zu Deutschland versucht, den Angreifer zu stoppen – ohne Erfolg. Chérif Chekatt blieb auch am Mittwoch verschwunden.
Ein Mann schießt auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt um sich, tötet und verletzt mehrere Menschen. Er wird angeschossen und flieht mit einem Taxi. Wie geht es den Menschen vor Ort? Wer ist Chérif Chekatt? Was hat er getan – und: Warum? Zur Reportage von Anika Maldacker, Bärbel Nückles & Annemarie Rösch

Die französische Polizei veröffentlichte ein Fahndungsfoto des Attentäters samt Täterbeschreibung. Auch süddeutsche Bundespolizei-Stationen, das Bundeskriminalamt und die Schweizer Bundespolizei verbreiteten am Mittwochabend auf Twitter den Aufruf der Police National. Die Polizei sucht Zeugen.

In dem Aufruf heißt es: "Der Mann ist gefährlich, bitte nicht selbst eingreifen". Der Gesuchte sei 29 Jahre alt, 1,80 Meter groß, habe kurze Haare, sei vielleicht Bartträger und habe eine Narbe auf der Stirn. Der mehrfach vorbestrafte Angreifer soll sich im Gefängnis radikalisiert haben. Der gebürtige Straßburger mit nordafrikanischen Wurzeln saß wegen schweren Diebstahls auch in Deutschland in Haft.

Die Bundespolizei Baden-Württemberg twitterte am Abend: "Unsere Einsatzmaßnahmen nach der Attacke in #Straßburg werden auch über die Nacht andauern." Das Innenministerium in Paris schloss nicht aus, dass der Täter nach Deutschland geflüchtet sein könnte. Gesucht werde auch der Bruder des Attentäters. Die Schweizer Bundespolizei schrieb per Twitter, die nördliche Grenze werde stärker kontrolliert.

RBB-Inforadio berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, Chekatt sei unmittelbar vor der Tat aus Deutschland angerufen worden. Er habe den Anruf jedoch nicht angenommen. Unklar sei, wer ihn angerufen habe und warum. Dieser Frage gehen deutsche Ermittler nun intensiv nach, wie der Sender weiter berichtete.

Unklar ist, ob der Angreifer sich noch in der Elsass-Metropole aufhält. Laut Präfekt und dem Präsidenten der Stadtgemeinschaft Straßburg Robert Herrmann will man die Schließung des Weihnachtsmarktes aufrechterhalten, bis der Schütze gefunden ist.
Derweil hat die französische Regierung die Protestbewegung der Gelbwesten nach dem Terroranschlag in Straßburg aufgerufen, am Wochenende nicht zu demonstrieren. Mehr dazu

Das kulturelle Leben mit Konzerten und anderen Veranstaltungen solle - soweit wie möglich - wieder anlaufen. Der Weihnachtsmarkt, eine bekannte Touristenattraktion, war bereits am Mittwoch geschlossen.

Die französische Regierung verstärkt außerdem die Soldaten im Anti-Terror-Einsatz - rund 1300 weitere Soldaten sollen sich in den kommenden Tagen der sogenannten Operation Sentinelle (Wache) anschließen, wie Premierminister Édouard Philippe am Mittwochabend ankündigte. Dabei handelt es sich um eine Einsatztruppe, die nach dem islamistischen Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar 2015 ihre Arbeit aufnahm.

Der deutsche Terrorismusexperte Peter Neumann warnte vor der Gefahr weiterer Anschläge auch in anderen Ländern. "Auf einen Anschlag folgt oft ein ähnlicher Anschlag. Das liegt daran, dass eine Tat andere dschihadistische Trittbrettfahrer inspiriert", sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung.