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29. Januar 2013

Figuren von Julia von Troschke

Strategien der Verstörung

Julia von Troschkes Figuren im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch.

Ein Kopf aus Holz – die rechte Gesichtshälfte von beinahe antikischem Ebenmaß, die linke notdürftig geflickt und getackert – ein fragwürdig grober Entwurf. Julia von Troschke, die in Emmendingen aufgewachsene Künstlerin, deren neueste Arbeiten jetzt zwei Stockwerke des Waldkircher Georg-Scholz-Hauses füllen, beherrscht aufs Beste die Strategien der Verstörung.

In erstaunlich vielseitigen Werken – Bilder, Skulpturen, Holzreliefs – gelingt ihr eine irritierende Balance zwischen spielerischer Ironie und bitterem Ernst, formaler Leichtigkeit und existentieller Tragik. Und ihre Mittel, so scheint es, haben an Subtilität zugelegt.

Der Mensch in seiner prinzipiellen Vereinzelung und in den Koordinaten einer ihn grundsätzlich in Frage stellenden, latent gewaltfreieren Gesellschaft – das Thema bleibt ihr roter Faden. Überhaupt die Fäden: In gezeichneter oder textiler Gestalt verbinden sie, ebenso notdürftig wie zwingend, ihre scharf konturierten Flächengestalten oder zart umrissenen Figuren. Eher Typen als Personen: Stereotypen wachsender Orientierungslosigkeit in der globalisierten Welt.

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Die Künstlerin, lange Zeit in Italien ansässig, experimentiert mit einer Vielzahl von Materialien: Sie malt, druckt, stempelt, näht, stickt und collagiert – in steter Opposition zum klassischen Bildraum, mit betonter Wahlverwandtschaft zu den Dadaisten. Typisch für diese Künstlerin ist auch die stete Spannung zwischen Raum und Fläche. Eine distanzierende, befremdend nüchterne Ästhetik inszeniert sich hier, die auf formale Vereinfachung setzt, Gefühlsregungen aber keinesfalls ausschließt.

Etwa, wenn ihre Figuren sich nur mühsam vor ihrem, oft holzgemaserten, Bildgrund behaupten oder in ornamentaler Pracht ganz verlassen dastehen, wie in den neuen, erstaunlich formvirtuosen Papierarbeiten: Filigrane Scherenschnitte sind es, welche Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen vorstellen. Mit dem Papiermesser hat Julia von Troschke ihren Kleidern ein einheitliches Signet verpasst: das Muster eines ausgeschnittenen Apfels – Hinweis auf das Urweibliche, wie auf das Emblem der digitalen Kommunikation.

Ist aber in der globalen Vernetzung das Bewusstsein der prinzipiellen Fremdheit zwischen den Kulturen geschwunden? Die Frucht der Erkenntnis als Warn- und Hoffnungszeichen – gerade in dieser gekonnten Ambivalenz und in der rätselhaften Offenheit ihrer Bilder liegt die Kunst der Julia von Troschke.
– Georg-Scholz-Haus, Merklinstr. 19, Waldkirch. Donnerstag, Freitag, Samstag 15–19 Uhr, Sonntag 10–13 Uhr.

Autor: Stefan Tolksdorf