Zunft

Streit um die Emmendinger Fasnachtsfigur Kongo-Neger

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Mi, 14. Februar 2018 um 18:40 Uhr

Emmendingen

Dicke Lippe, Nasenring, dunkle Haut: Die Fasnachtsfigur "Kongo-Neger" aus Emmendingen polarisiert seit Jahrzehnten – dabei gibt es sie offiziell eigentlich gar nicht mehr.

Die Narrengruppe der Nieder-Emmendinger "Kongo-Neger" eckt immer wieder an. Rassismusdiskussionen gab es schon in den 70er Jahren – und sie hörten nie auf.

"Wenn in der heutigen Zeit es immer noch eine Zunft geben darf, die Kongoneger heißt #unfuckingfassbar", schreibt die 42-Jährige bei Facebook. Es ist gegen Mitternacht, ein paar Stunden davor steht sie in Reute am Straßenrand – und sieht rund 20 Narren, die Baströckchen tragen und Schokoküsse verschenken. Ihr Name ist der Redaktion bekannt – sie lebt in einem kleinen Ort und befürchtet Anfeindungen; ihr Facebook-Post ist nur für Freunde einsehbar. "Die Bezeichnung Neger", sagt sie, "ist ein ganz klares Schimpfwort, das einfach nicht benutzt werden soll."

"Wir haben jedes Jahr dasselbe Problem" Klaus Fuchs
Sie ist nicht die Erste, die sich beschwert. "Wir haben jedes Jahr dasselbe Problem", sagt Klaus Fuchs, der Vorsitzende der "Kongo-Neger". "Wir haben mit Rassismus aber gar nichts zu tun. Unsere Maske ist freundlich, nicht böse – und wir verwöhnen Kinder am Straßenrand mit Süßigkeiten." Fuchs ist 65. Er erzählt, wie er schon als kleiner Junge bei den Kongo-Negern dabei war – und dass seine Gruppe bei Umzügen sehr gut ankomme. "Wir sind die älteste Fasnachtsgruppe in Emmendingen. Ich kenne viele, die sagen: Lasst alles, wie es ist."

Die Gruppe existiert heute nicht mehr – eigentlich

Eigentlich gibt es die Gruppe nicht mehr. In den 70er Jahren beantragte die Emmendinger Karnevalsgesellschaft die Aufnahme in den Verband Oberrheinischer Narrenzünfte. Der störte sich am Wort Karneval – und sah nichts Fasnächtliches im Kongo-Neger. Außerdem hatte sich "allmählich", wie die BZ zwanzig Jahre danach schrieb, das Bewusstsein durchgesetzt, dass "auf Kosten von Menschen anderer als mitteleuropäischer Hautfarbe eigentlich gar keine Fasnacht gemacht werden sollte."

"Es gab von Anfang an Leute, die das nicht akzeptieren wollten" Hans-Jörg Jenne
1974 wurden die Kongo-Neger zur Narrenzunft der Emmendinger Brunnenputzer. Einige machten als Kongo-Neger weiter. "Es gab von Anfang an Leute, die das nicht akzeptieren wollten", sagt Hans-Jörg Jenne, Stadtarchivar und selbst in im Norden aufgewachsen. "Nicht alle wollten Brunnenputzer werden", sagt Fuchs.

"In der Emmendinger Fasnacht spielen sie keine Rolle, man sieht sie nur bei Umzügen", sagt Gerhard Bürklin, Präsident der Emmendinger Fasnachtsgesellschaft. Ihn störe die Gruppe nicht, er verstehe aber, dass der Name schwierig sein könne. Thomas Schindler, der für die Fellteyfel den Umzug organisiert, spricht von einer "alten, traditionsreichen Zunft". Das Thema Ethnie, sagt Stadtarchivar Jenne, sei ein beliebtes Sujet bei der Fasnacht. "Ich sehe aber auch, dass das heikel ist."

Keine Probleme hat Raphael Kofi. Der Ghanaer organisiert seit 2001 das African Music Festival auf dem Schlossplatz. "Die Leute möchten was anderes darstellen. Für mich ist das nicht rassistisch – wenn es nicht böse gemeint ist", erklärt er. "Ich glaube auch nicht, dass das eine NPD-Zunft ist", sagt die 42-Jährige, die den Umzug in Reute beobachtet hat. "Aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Generell sollte man bei Sachen, die andere Leute schmerzen können, sehr vorsichtig sein."
Kongo & Algier

Wann der Kongo-Neger zum ersten Mal auftaucht, ist unklar. Eine Theorie besagt, dass es im Jahr 1883 war, als Nieder-Emmendingen eingemeindet wurde. "Wir bewegen uns da im Bereich der Legende", sagt Stadtarchivar Hans-Jörg Jenne. "Ich habe keine dokumentarischen Nachweise, auch eine Zunftgründung gab es nie." Was es laut Jenne gibt, ist ein Foto, das in den 20er Jahren entstanden sein dürfte – das zeigt einige Mandolinenspieler und ein Täfelchen mit der Aufschrift Kongo-Neger. Die Afrika-Anspielung könnte von der "Villa Algier" herrühren, in der ein Kaufmann lebte, der mit Kolonialwaren reich geworden war: Die Umgebung soll Algier genannt worden sein – während die andere Straßenseite zum Kongo wurde.

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