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09. Januar 2009

Strickend ins Gespräch verstrickt

Bei "Nadel und Faden" wird einmal im Monat am Abend gestrickt – auch heute Abend / Stricken zum Ausspannen und als Ausgleich

  1. Bis nach Mitternacht kann die „Lange Stricknacht“ im Freiburger Westen dauern. Foto: thomas kunz

Stricken ist wieder schwer angesagt. Die neue Strickwelle hat längst auch die Freiburgerinnen und – ja, auch einige Freiburger mitgerissen. Gestrickt wird oft bis in die Puppen: Im Strickcafé "Nadel und Faden" mit angeschlossenem Handarbeitsladen im Gewerbegebiet Haid treffen sich Handarbeitsfreunde regelmäßig zur "Langen Stricknacht".

Einmal im Monat sperrt Manuela Weikum die Ladentür nicht wie sonst um 19 Uhr zu, sondern schiebt im Café die Tische zusammen – bei der letzten Stricknacht des alten Jahres kurz vor Weihnachten trägt sie noch herzhaftes Gebäck auf. Altbacken kommen die Damen aber nicht daher, die nach und nach Taschen voller Strickzeug und Wollknäuel herein schleppen. Eher flippig wie Weikum selbst: Die 53-Jährige trägt einen kunterbunten Strickpulli über der Jeans, ihr kurz geschnittenes Haar hat lila Strähnen.

"Ich will zeigen, dass Stricken nicht Omamäßig sein muss", erklärt sie. Deshalb hat sie ihren schon seit Mitte der 90er Jahre geführten Handarbeitsladen zu Jahresbeginn von Haslach auf die Haid verlegt, wo sie neben den Ladenräumen ein ebenso großes Strickcafé einrichten konnte. "Ach, das war ein Kampf um die Konzession", sagt sie und winkt ab, "aber jetzt darf ich sogar Alkohol ausschenken."

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Die meisten der ein Dutzend Frauen, die sich inzwischen um den Tisch versammelt haben, trinken aber Tee. Alle haben sie die Nadeln gekreuzt, werkeln an Strümpfen, Schals und Pulswärmern und verstricken sich schnell in lebhafte Gespräche über die Arbeit, die Familie und natürlich über das Stricken selbst. Manche sind bereits per Du – es ist schon die vierte Stricknacht –, andere sind Neulinge und siezen sich höflich. Aber alle wirken sie entspannt und unangestrengt. "Stricken hat was Meditatives", sagt Weikum, "ohne Stricken werde ich unausstehlich." Ihren Gästen geht es nicht anders: "Ich kann so von der Arbeit abschalten", sagt Margret Zehner (52). Die Staufenerin ist schon lange Stammkundin von Weikum, weil die auch Wollarten anbiete, "die nicht jeder Hinz-und-Kunz-Laden hat", freut sich Zehner. Immer wieder schlendern die Gäste daher auch in den Laden hinüber, wo sich Stoffballen türmen und in bis zur Decke reichenden Regalen unzählige Wollknäuel stapeln. Es wird geguckt und Weikum berät. "Hier endet der Service eben nicht mit dem Kauf der Wolle, sondern man kann auch immer kommen, wenn man mal nicht weiter weiß", lobt Kundin Zehner.

Das findet auch Inge Behringer prima. Die 80-Jährige hatte früher selbst einen Handarbeitsladen, vom Stricken kann sie noch immer nicht lassen: "Ein Jahr habe ich nicht gestrickt, Arthrose, jetzt habe ich gesagt – das hat keinen Zweck, ich brauche das, operiert mich." Bei der Stricknacht nimmt sie erstmals wieder Nadeln in die Hand, guckt aber auch immer interessiert, was denn die anderen so treiben. Sie ist glückselig, doch wartet sie noch auf jemanden: "Ich habe gehört, es soll als auch ein Mann kommen?" Kurz nach 22 Uhr kommt der nicht nur von Inge Behringer sehnlich Erwartete: Timo Lorenz aus Freiburg betritt das Café, der strickende Mann. Frau Behringer lässt ihn kaum auspacken: "Na, was machen Sie heute?", fragt sie neugierig. Er sei planlos gekommen, "einfach zum Abschalten", sagt der 35-Jährige. Darum gehe es ihm, deshalb stricke er seit zwei Jahren, erzählt er. Er habe damals mit dem Rauchen aufgehört und "da musste ich irgendwas mit den Händen tun. Es hat geklappt." Schließlich bestellt Lorenz ein "Füpi", ein Bier aus Donaueschingen, wie er der verdutzten Bedienung erklärt, und entscheidet sich, heute Pulswärmer für sein Patenkind zu stricken.

"Aber was rauskommt, ist gar nicht so wichtig", sagt Lorenz. Er suche hier neben Entspannung auch Kontakt unter Gleichgesinnten, "denn in der Straßenbahn gucken die Leute schon oft bisschen komisch, wenn ich mein Strickzeug auspacke, besonders die Männer", erzählt er. In den Stricknächten habe er zudem gehofft, auf ein paar Damen in seinem Alter zu treffen, "aber das kann ja noch kommen", sagt er optimistisch, "schließlich hat die aus den USA herüber geschwappte Strickwelle bei uns gerade erst begonnen." Das kann Gastgeberin Weikum bestätigen: "Die Achternadel zum Beispiel ist in ganz Deutschland ausverkauft", erklärt sie, während sie sich weit nach Mitternacht an den Abwasch macht. "Ich habe jetzt in Indien welche bestellt, die Leute wollen ja stricken, das ist Wahnsinn."
Nächste Stricknacht: Heute, Freitag, ab 18 Uhr, Strickcafé "Nadel und Faden", Sankt Georgener Straße 7.

Autor: Stefan Merkle