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16. November 2009 19:20 Uhr

Bildungsstreik

Studenten besetzen Uni, Polizei bereitet Demo-Einsatz vor

Kurz vor der großen Bildungsdemo in Freiburg liegt Spannung in der Luft: In der Innenstadt sammelt sich ein großes Polizeiaufgebot, auf dem Campus haben Studenten den größten Hörsaal besetzt.

  1. "Freiburg brennt" - unter diesem Motto haben mehrere hundert Studenten das Audimax in der Freiburger Universität besetzt. Foto: Joachim Röderer

"Freiburg brennt" - unter diesem Motto haben Studenten der Albert-Ludwigs-Universität am Montagabend das Audimax besetzt. Die Hochschulleitung toleriert den Protest. Vorerst. Denn sie legte eindeutige Rahmenbedingungen fest.

Die Vollversammlung der Freiburger Studierenden mündete gegen 19.30 Uhr in dem Beschluss, die Freiburger Universität zu besetzen. Sie folgte damit Vorbildern in Wien, Basel, Potsdam oder auch Heidelberg. Knapp 900 Studenten hatten sich im zentralen Hörsaal der Universität Freiburg versammelt, um sich auf den anstehenden Bildungsstreik einzustimmen, bei dem die Studenten selbstbestimmtes Lernen und Leben sowie die Abschaffung der Studiengebühr fordern wollen.

Eine Videoschalte mit Hilfe des Internettelefondienstes Skype nach Potsdam brachte die Studenten im fast voll besetzten Audimax an der Freiburger Universität so richtig in Fahrt. Denn die Uni Potsdam ist seit dem 4. November besetzt. Ein Beamer warf das Bild eines Hörsaals mit einigen Dutzend Studenten auf die Leinwand. Deren Appell an die Versammelten im Breisgau war klar: "Haut rein, damit auch Freiburg bald brennt!". Beifall, Pfiffe, Begeisterungsrufe - Freiburg in Besetzungslaune.

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"Wollen wir hier bleiben?"

Zwei Megafone und eine rot-weiße Fahne lagen von Beginn an bereit und zeigten, worauf das Ganze hinauslaufen sollte: die Besetzung der Freiburger Uni. Und prompt kam die Forderung aus Potsdam: "Beteiligt euch, zieht ins Audimax – wir fänden das cool." Stuttgart sei just am Mittag besetzt worden, berichtete Potsdam, was in der Frage mündete: "Wollen wir hier bleiben?" "Ja!" schallte es aus den Reihen - und ein Banner wurde entrollt auf dem die Parole der anstehenden Besetzung prangt: "Freiburg brennt".

Zum Zeichen ihres Protestes befestigten einige Studenten ein zehn Meter langes "Besetzt"-Banner an der Fassade des Kollegiengebäudes II. Der Sicherheitsdienst der Uni intervenierte offenbar nicht.

Für die Univerwaltung kam die Besetzung des Audimax’ ohnehin alles andere als überraschend. Gegen 22 Uhr tauchte Vizerektor Heiner Schanz auf und steckte die Rahmenbedingungen für den Protest mit den Verantwortlichen des u-asta ab. "Sofern es zu keiner Sachbeschädigung kommt, tolerieren wir das", sagte Schanz. Zwar wolle man dem Protest entsprechenden Freiraum geben, allerdings müssten klare Regeln gelten. "Es dürfen keine Unifremden an der Besetzung teilnehmen", stellte Schanz klar.

Ein nicht ganz unerhebliches Problem für die Universität: Am Dienstag war ein Tag der Offenen Tür geplant. Rund 9000 Schüler aus der ganzen Region wurden hierzu erwartet. Eine der Veranstaltungen sollte auch im besetzten Audimax stattfinden. "Ich gehe davon aus, dass das auch klappen wird", sagt Schanz. "Beides wird nebeneinander stattfinden."

Bei den Studenten kam die Botschaft indes ganz anders an: "Schanz erwartet von uns, dass wir morgen weg sein werden", sagte einer der Sprecher der Besetzer. "Aber das wird nicht der Fall sein."

Buhrufe für Kritik

Im Lauf des Abends füllte sich das Audimax zusehends, mehr als 400 Studenten schlossen sich der Besetzung an. Ganz unumstritten war die Aktion von Seiten der Studentenschaft jedoch nicht: "Ich finde das ekelhaft, dass über die Köpfe der Anwesenden bei der Vollversammlung hinweg über die Besetzung bestimmt wurde", rief ein junger Mann ins Mikrofon. "Das war der reinste Herdentrieb. Wie viele haben sich gedrängt gefühlt, hier zu bleiben?" fragte er – und wurde prompt ausgepfiffen, Buh-Rufe schallten ihm entgegen. Johannes Waldschütz der die Wortmeldungen leitete, konnte die Menge allerdings wieder zur Ruhe bringen.

Ebenfalls umstritten war die Wahl des Audimax als zentralen Ort der Protestbewegung. "Damit schaden wir doch nur uns selbst", meinte ein Student in einer Wortmeldung. Doch sein Protest verhallte ungehört.

ZYNISCHES MOTTO?

Auf mehr Verständnis traf die Kritik an dem Motto "Freiburg brennt". Eine Studentin sagte, diese Losung sei zynisch in einer Stadt wie Freiburg, die im Zweiten Weltkrieg einen verheerenden Bombenangriff erlebt habe. Die Versammlung setzte daraufhin eine Arbeitsgruppe ein, die über das Thema beraten sollte. Das Motto wurde von anderen Unis übernommen, an denen es schon länger Aktionen zum Thema Bildungsstreik gibt.

Dieser mündet am Dienstag in einer großen Demonstration durch die Freiburger Innenstadt. Von 10 Uhr wollen die Studenten ihren Protest lautstark kund tun. Für die Nacht hatten sie sich noch vor Ladenschluss mit Chips, Karotten und Orangen eingedeckt. Mit Schlafsäcken und Isomatten wurden provisorische Schlafstätten eingerichtet. Rasch machte der ein oder andere Sechserpack Bier die Runde.

"Sollte allerdings die Polizei kommen, möchte ich nicht mit Betrunkenen in einer Reihe stehen", versuchte sich ein Student in Prävention. Mit mäßigem Erfolg. Später versorgte die Fachschaft Chemie die Besetzer mit Glühwein - zumindest so lange der Vorrat reichte.

Autor: Alexandra Sillgitt, Joachim Röderer – aktualisiert am Dienstag um 9 Uhr