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28. Juli 2012

Studie über Tscheulin wird abgelehnt

Die Entscheidung des Gemeinderats ignoriert die Bemühungen, die in ein Konsortium mit Beteiligung der Familie mündeten.

  1. Die Tafel an der Kirche: Ausgangspunkt für eine kontroverse Diskussion, deren Ende nicht abzusehen ist. Foto: Hans-Jürgen Truöl

  2. Umstrittener Ehrenbürger Foto: Hans-Jürgen Truöl

TENINGEN. In seiner jüngsten nichtöffentlichen Sitzung ist die Mehrheit der Gemeinderatsmitglieder nicht dem Vorschlag der Verwaltung gefolgt, die Geschichte um den Fabrikanten Emil Tscheulin wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. "Knapp", so sagt Bürgermeister Heinz-Rudolf Hagenacker, sei die Entscheidung gegen ein derartiges Vorhaben ausgefallen, obwohl es ihm zuvor gelungen sei, ein "Konsortium" aus Vertretern der Familie, der Firma, der Köndringer evangelischen Kirchengemeinde, der Gemeinde und der Universität Freiburg dafür zu gewinnen.

Die Ablehnung kam, wie Hagenacker erläutert, wie aus heiterem Himmel. Denn eigentlich habe er geglaubt, dass die Grundsatzfrage, ob das Leben und Wirken von Tscheulin wissenschaftlich beleuchtet werden soll, längst positiv beantwortet sei. Schließlich habe der Gemeinderat dafür einen Ausgabetitel in Höhe von 5000 Euro im aktuellen Haushaltsplan verankert.

Für den Bürgermeister schien alles in trockenen Tüchern. Nach mehreren Gesprächsrunden mit den möglichen Mitgliedern der Gruppe, die − mit sehr unterschiedlicher Intensität − das Vorhaben (mit Ausnahme der Kirchengemeinde auch finanziell) mitgetragen hätten und der erfolgreichen Kontaktaufnahme mit dem Historischen Seminar der Uni Freiburg, glaubte Hagenacker wohl, es brauche nur noch eine Formalie.

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Die Motive der Gegner bleiben äußerst vage

Doch der Fahrplan des Bürgermeisters geriet völlig durcheinander. Auf welchem Gleis nun der Zug zum Stillstand gekommen ist und ob er überhaupt in der Lage sein wird, wieder Fahrt aufzunehmen, ist momentan für Hagenacker nicht abzuschätzen. Macht es Sinn, erneut und dann öffentlich die Grundsatzfrage zu stellen? Oder muss vielmehr eine Kompromisslinie gesucht werden? Der Bürgermeister bedauert die neue Lage sehr.

Zur Argumentation oder Motivation der Gegner einer historischen Aufarbeitung bleibt Hagenacker nur vage: Es habe unterschiedliche Ansätze gegeben. Jedenfalls sieht er sich nicht in der Lage, das präzise Abstimmungsergebnis und die jeweilige Zuordnung öffentlich kund zu tun. Nur so viel sagt er: Der Versuch, das Thema ein für allemal verschließen zu wollen, sei untauglich. "Ich bekomme doch den Deckel nicht drauf!" Wie bitteschön, so fragt er mehr als rhetorisch, soll im Frühjahr 2014 die Feier in der Köndringer Winzerhalle gestaltet werden, mit der die Nachfolgefirma das 100-jährige Bestehen bejubelt. Hagenacker: "Dann gehen doch die Diskussionen erst richtig los!"

Die Frage, weshalb der Gemeinderat nicht öffentlich über dieses Thema diskutiert hat, rechtfertigt Hagenacker mit mehreren Gründen. Die Familie Tscheulin sei involviert, ebenso das (aktuelle) Unternehmen. Zum anderen sei geplant gewesen, einem Historiker einen Auftrag zu erteilen. Dazu, so Hagenacker, habe es jedoch auch eine personelle Alternative gegeben.

Der Bürgermeister will sich weiter für eine Aufarbeitung einsetzen, zumal er davon überzeugt ist, dass es dabei um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geht: Der Frage, wie Industriebetriebe, die im Dritten Reich selbstredend auch von Rüstungsaufträgen abhängig waren, in das Geflecht der nationalsozialistischen Diktatur verwoben waren.

Günter Stein, zunächst entschiedener Verfechter der Demontage der Tscheulin-Gedenktafel an der Köndringer Kirche, vertritt den Standpunkt, dass die veröffentlichten Fakten längst genügen, um eine erklärende Zusatztafel an der Mauer der Kirche anzubringen. Insbesondere verweist er auf die Ausführungen von Norbert Ohlert. Gleichwohl sei es bedauerlich, dass niemand willens sei, das Thema aufzugreifen. Steins Fazit: "Hier wird der ,Braune Peter’ zwischen der Köndringer Kirchengemeinde und der Gemeinde Teningen hin und her geschoben." Der Gemeinderat habe sich vor der Verantwortung gedrückt. Das sei "äußerst bedauerlich".

Pfarrer Andreas Bordne: Da bin ich platt!

"Da bin ich platt!". So und nicht anders lautet die spontane Reaktion von Pfarrer Andreas Borde zur Frage, wie er das Abstimmungsergebnis der Gemeinderäte kommentiere. Die Aufarbeitung der Rolle Tscheulins hätte er als sehr gut befunden, denn schließlich gehe es ja nicht nur um die Tafel. Allerdings muss Bordne einräumen, dass sich der Beitrag der Kirchengemeinde auf einen ideellen beschränke. Welche Konsequenz wird nun zu ziehen sein? Als "Mauergeber", so Bordne, werde wohl ein weiteres Gespräch mit dem Kirchengemeinderat folgen.

Zwiefach in das Thema involviert ist Herbert Luckmann. Als SPD-Gemeinderat und ehemaliger Personalchef (von 1975 bis 2002) der Firma Tscheulin, der die Aufgabe übernommen hat, für das anstehende Firmenjubiläum Material zu sammeln, das in eine Art Firmenchronik münden soll. Details sind zwar noch offen, Luckmann aber sagt, dass es ihm mit Blick auf die Chronik um die Unternehmensgeschichte und nicht um den Unternehmer Emil Tscheulin gehe. Gleichwohl fände er es wichtig, wenn das Leben Tscheulins historisch aufgearbeitet wird. "Sonst bleibt da immer etwas irgendwo hängen", sagt er mit Blick auf die jüngsten Diskussionen. Gerade die Befragung "indirekter Zeitzeugen", Kinder von ehemaligen Tscheulin-Mitarbeitern beispielsweise, könnte dabei hilfreich sein. Zum Abstimmungsergebnis im Gemeinderat sagt Luckmann: "Ich bin davon ausgegangen, dass die Abstimmung deutlich positiv ausfällt." Die Stimmungslage vor der Sitzung sei eindeutig gewesen. "Ich war sehr überrascht", beschreibt der Heimbacher Ortsvorsteher seine Seelenlage. "Ich verstehe es nicht." Schließlich sei Tscheulin als Ehrenbürger von Köndringen − und damit (nach der Eingemeindung) automatisch auch von Teningen − kein einfacher Bürger, sondern ein Teil des öffentlichen Lebens.

Für Fritz Schlotter ist selbst ein Kompromiss äußerst fraglich

"Ich bin mir nicht im Klaren, wie die Geschichte weiter geht", sagt Fritz Schlotter (FWV). Im Moment setzt Schlotter auch hinter eine denkbare Kompromisslösung ein Fragezeichen. Denn: "Es gibt keine, mit der alle zufrieden sind." Deshalb sei jeder Weg ein äußerst schwieriger. Schlotter weiß durchaus um die Befürchtungen von Menschen nicht nur in Köndringen, die sich darum sorgen, dass womöglich mit dem genaueren Hinsehen unerfreulichere Dinge ans Tageslicht dringen könnten.

Christian von Elverfeldt (CDU) erklärt, dass er selbstverständlich für die Aufarbeitung gestimmt habe. Wenngleich er die Argumentation der Gegner durchaus in Teilen nachvollziehen kann: Tscheulin habe der Gemeinde viel gegeben, er sei im Zuge der Entnazifizierung bestraft worden und so fort. Er, Elverfeldt, sei für eine Aufarbeitung in der Hoffnung, dass die Forschung auch die positiven Seiten des Unternehmers beleuchtet. "Meine Familie hatte auch Kriegsgefangene beschäftigt, die in der Landwirtschaft arbeiteten. Denen ist es vergleichsweise gut gegangen. So gut, dass sich einige Kontakte bis nach dem Ende des Krieges hielten." Historische Forschung könne sich demnach nicht nur mit den negativen Ausprägungen beschäftigen. Doch das leuchte offenbar nicht allen ein.

"Wie soll man sich positionieren?". Diese Frage stellt Hans-Jürgen Bührer (FDP), der sich deshalb bei der Abstimmung enthalten hat. Wie viele anderen Lebensläufe auch, sei der von Tscheulin von positiven und schwierigen Seiten geprägt. Deshalb habe jede Ansicht, die für als auch die gegen eine historische Aufarbeitung, ihre Berechtigung. Wohin die Diskussion führen könnte, ist für Bührer momentan völlig offen.

Autor: Marius Alexander