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21. März 2017

Offen, einfühlsam, humorvoll

Gläubige der Seelsorgeeinheit verabschieden schweren Herzens "ihren" Pfarrer Olaf Winter / Stühlingen wird ihn vermissen.

  1. Letzter Auszug von Olaf Winter aus der Heilig Kreuz Kirche in Stühlingen mit Pfarrer Fabian Schneider, Hans Jürgen Allgaier und Bernd Zimmermann. Foto: Andreas Mahler

  2. Pfarrer Olaf Winter verabschiedet sich von seinen Ministranten. Foto: Andreas Mahler

STÜHLINGEN. Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. So auch bei der Verabschiedung von Pfarrer Olaf Winter. Der Zauber drang bei vielen katholischen Gemeindemitgliedern durch wässrige Augen zum Vorschein. Aber die Abschiedstrauer verwandelte sich schließlich in pure Freude eingedenk der Erinnerungen, die bei der Abschlussfeier im Konradsaal geweckt wurden.

Stühlingen hat fast 15 Jahre lange von Olaf Winter gezehrt – sei es vom katholischen Seelsorger, Priester, Gebäudeverwalter oder Menschen. Die Eucharistiefeier, die Olaf Winter in der Hl. Kreuz Kirche in Stühlingen zum letzten Mal zelebrierte, geriet zur würdigen, festlichen Abschiedsgeste für fast ein halbes Tausend Gläubige.

Aus der Seelsorgeeinheit Stühlingen-Eggingen begleiteten ihn etwa 60 Ministranten mit den Pfarrern Bernd Zimmermann, Hans Jürgen Allgaier und Fabian Schneider beim Einzug in das Gotteshaus. Ein sehr gut gestimmter Gesamtchor unter der Leitung von Emilia Bergmüller gab der Messe musikalischen Glanz. Chöre aus Eggingen und Lausheim sangen zum Abschied im Konradsaal. Tim Fischer, Tobias Malzacher und Regina Rutschmann wechselten sich an der Orgel ab. Fischer zog zur Eröffnung der Messe selten gehörte Register der Orgel und sein Introitus "Hört auf die Stimme des Herrn" war wunderbar rein gelungen.

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In seiner Predigt erinnerte Olaf Winter an die Stühlinger Zeiten mit seinen vielen Pilgerreisen unter dem besonderen Aspekt der Gastfreundschaft. Unvergesslich sei ihm eine Reise im Jahr 2003 in die Ukraine auf den Spuren von Soma Morgenstern, dem jüdisch-galizischen Schriftsteller. Als dort Einwohner eines kleinen bäuerlichen Dorfes vernahmen, dass ein deutscher Priester im Ort weilte, luden sie ihn zum festlichen Mittagessen in ihre niedrige Behausung ein und boten an, er solle doch wieder kommen. Daraus erwuchs bei Winter die Idee zu einer Wallfahrt mit den Stühlingern in die Ukraine. Die erfahrene Gastfreundschaft, in der Bibel im zweiten Buch Könige 4 mit der Geschichte von Elisa und dem Sohn der Schunemiterin versinnbildlicht, sieht Winter nicht nur im Öffnen der eigenen Wohnung für den anderen. Gastfreundschaft könne auch Einblick in die eigenen Gefühle und Gedanken für den anderen sein. Für den Christen etwa sei Jesus als Gast mit am Tisch in Form des Tischgebets höchstes Ansinnen, jemanden in seine innere Gestimmtheit aufzunehmen. Klar sei, so Winter, dass es auch dumm laufen könne. Ohne Risiko keine Gastfreundschaft, kein Geben und Nehmen. Er dankte für die Gastfreundschaft, die er in Stühlingen empfangen durfte, und nehme bewusst das Risiko in Kauf, an seinem neuen Bestimmungsort wieder bei Null anzufangen.

Lange war die Warteschlange an Menschen, die sich nach dem Gottesdienst von Olaf Winter verabschieden wollten. Bürgermeisterin Isolde Schäfer, die im Ausland als Gast weilte, tat es durch ihre Stellvertreterin Marianne Würth. Sie dankte Pfarrer Winter für seine "weltoffene Denkweise" und für das Verständnis und die Mitarbeit bei den verschiedenen Sanierungsprojekten. Heinz Jordan dankte im Namen der evangelischen Gemeinde dafür, dass er Ökumene nicht zelebriert, sondern gelebt hat. Helga Kromer, die Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, ließ die Stationen der Amtsperiode Revue passieren. Eindrücklich waren die Stimmen, die sie zum Abschied gesammelt hat: "Brillante Predigten", "schöne Gottesdienste", "redegewandt und ausdrucksstark", "kennt die Kühe in Halbtrauer auf Stühlinger Gemarkung", "einfühlsame Vorbereitungen bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen", "seine Geradlinigkeit, seinen Witz und Humor" sind nur einige Stichworte, die ihm zugeschrieben wurden. Dass Pfarrer Winter "immer online gewesen sei", erfuhr das herzlich lachende Publikum aus dem Überraschungscoup der Bettmaringer Ministranten. Sie simulierten und persiflierten in einem Sketch die Vorbereitung zum Gottesdienst in der Sakristei und verschonten dabei die Smartphone-Versessenheit des Herrn Pfarrers nicht. Winter kam mit seiner unkonventionellen Art bei der Jugend gut an, ohne an Autorität zu verlieren.

Nach all den Lobesworten, die ihm der Abschied bescherte, merkte Winter aber auch an, dass nicht alles Sonnenschein gewesen sei. Seine direkte Art habe vielleicht manchen brüskiert – dafür entschuldige er sich. Zum Schluss zeigte er eine kleine Auswahl an Erinnerungsbildern, die vor allem seine Jugendarbeit illustrierte. Schliengen im Markgräflerland ist Pfarrer Winters neuer Wirkungsort. Dort wird er sicher den Abend mit Goldrand genießen. In Stühlingen wird sein westfälischer Esprit fehlen.

Autor: Andreas Mahler