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14. Januar 2012 00:06 Uhr
Polizeieinsatz
Stuttgart 21: Aufatmen an der Baustelle
Der erste Großeinsatz der Polizei am Stuttgarter Hauptbahnhof seit dem "schwarzen Donnerstag" ist problemlos verlaufen. Polizei und S-21-Gegner setzten auf Deeskalation.
Das Schlimmste, sagt Myriam Rapp, 47, sei "die Lethargie eines Großteils der Bevölkerung". Sie dagegen kämpft weiter gegen "Stuttgart 21" und für den Erhalt des alten Kopfbahnhofs. Für ihren Widerstand hat sie eine Windel und ein Fahrradbügelschloss gekauft. Das Schloss hängt um ihren Hals, sie hat sich damit an das Gitter eines Fensters am Südflügel des Hauptbahnhofs gekettet. "Die Bahn versucht Dinge zu zerstören, bevor klar ist, ob das Projekt überhaupt gebaut werden kann", sagt die 47-Jährige. Diesen Unsinn wolle sie aufhalten. Sie weiß nicht, wann man sie losmacht. Deshalb die Windel.
Es ist dunkel und kalt, als die Polizei um drei Uhr anrückt. Es ist der erste Großeinsatz seit dem 30. September 2010. Damals hatten die Sicherheitskräfte Wasserwerfer und Pfefferspray eingesetzt, damit im Schlossgarten Bäume gefällt werden konnten. Es gab Verletzte und Bilder blutender Demonstranten. Seitdem hat die Regierung die Farben gewechselt und die Stuttgarter Polizei ihren Chef. Der Volksentscheid hat eine Mehrheit für S 21 gebracht und den Widerstand geschwächt.
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Etwa 800 sind gekommen, um gegen die geplanten Abriss des Südflügels zu protestieren. "Der 30. September wiederholt sich", ruft ein Demonstrant beim Anblick der Polizei. Bläser intonieren die Nationalhymne. Die Stimmung schwankt zwischen Wut und Ironie. Es gibt Sprechchöre gegen Winfried Kretschmann, den grünen Ministerpräsidenten, von dessen Wahl sich die Gegner das Ende des Milliardenprojekts versprochen hatten.
Eine Ordnerin erklärt denen, die sich für eine Sitzblockade entschieden haben, die Folgen. Der Preis fürs Wegtragen, erläutert sie übers Megafon, liege zwischen 50 und 80 Euro. "Das ist wie Falschparken. Wir sitzen hier halt falsch." Am Ende werden es nur 27 Demonstranten sein, die sich wegtragen lassen.
Dass die Strategie der Polizei aufgehen wird, ahnt Thomas Züfle früh. Es ist kurz vor 6 Uhr, hinter dem Stuttgarter Polizeipräsidenten stehen unzählige Einsatzkräfte, direkt vor ihm sitzen keine 50 Demonstranten mehr. Eben hat er sich mit Matthias von Herrmann unterhalten, dem Sprecher der "Parkschützer". Es ist, nach Lage der Dinge und mit den Ereignissen des 30. September 2010 im Hinterkopf, ein entspanntes Gespräch gewesen. "Wir sind die Stärkeren, aber das ist für uns kein Triumph", hat Züfle gesagt. Die Fernsehaufnahmen, die zeigen, wie Polizisten Demonstranten wegtragen, seien "Negativbilder für Grün-Rot, nicht für Sie", hat von Herrmann erwidert. So ist das hin- und hergegangen, bis Züfle die Hand ausstreckt. "Nee, das kommt nicht gut an bei der Bewegung", sagt von Herrmann und lehnt ab. "Feigling", erwidert Züfle da. Er tut es freilich mit einem Augenzwinkern und doch auch ein wenig enttäuscht.
Dabei ist der Ablauf des Einsatzes für alle eine Erleichterung. Es ist früh am morgen, statt Wasserwerfer hat Züfle Antikonfliktteams mitgebracht. Er setzt auf Zeit, Personal und Besonnenheit. "Die machen Schichtwechsel, und unsere Ablösung lassen sie nicht rein", erkennt ein Stuttgart-21-Gegner den Vorteil der abwartenden Polizeitaktik. Als die tatsächliche Räumung anfängt, mit direkten Ansprachen und Wegtragen, sind die meisten Demonstranten schon nach Hause oder zur Arbeit gegangen.
Am längsten hält sich Myriam Rapp. Mit dem Bolzenschneider kommt die Polizei ihrem Fahrradschloss nicht bei. Erst um 8.30 Uhr ist der Einsatz beendet. Stunden später beginnt die Bahn mit den Vorbereitungen für den geschossweisen Abbau des Südflügels. Acht Wochen veranschlagt sie dafür.
Aufatmen kann die Bahn indes noch nicht. Noch immer fehlt ihr die Genehmigung zum Fällen und Versetzen von 176 Bäumen im Schlossgarten. Falls sie dafür in den nächsten Tagen grünes Licht erhält, kommt auf Stuttgart der nächste Großeinsatz zu. Dass die Polizei zweimal mit tausenden Beamten anrücken müsse, sei "keine gute Lösung", rügt Züfle die Bahn. Und wenn es an die Bäume geht, das weiß auch Züfle, wird der Einsatz sehr viel heikler. Die Generalprobe immerhin ist geglückt.
Autor: Roland Muschel
