21. April 2009
Am Esstisch fürs Leben lernen
Uwe Romeike, 37, traut staatlichen Schulen nichts Gutes zu. Die Flüche, die Hexen- und Zauberergeschichten, die Gotteslästerungen, das könne ein bibeltreuer Christ doch nicht hinnehmen. Uwe Romeike handelte: Er ließ seine drei ältesten Kinder nicht mehr zur Schule gehen und unterrichtete sie zu Hause.
Der Fall ist juristisch klar: Verstoß gegen Paragraf 72 des baden-württembergischen Schulgesetzes: "Die Schulpflicht besteht für alle Kinder und Jugendlichen, die im Land Baden-Württemberg ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt oder ihre Ausbildungs- oder Arbeitsstätte haben." Der Bürgermeister schaltete sich ein. Der Rektor. Die Schulbehörde. Ein Bußgeldbescheid wurde angedroht. Bevor es zum Verfahren kam, packte der Musikpädagoge seine Koffer und zog mit seiner Frau Hanne und den fünf Kindern im Alter zwischen drei bis elf Jahren nach Morristown im US-Staat Tennessee. Dort hat die Familie jetzt Asyl beantragt – sie fühlt sich "politisch verfolgt".
Im amerikanischen Bible Belt ist Homeschooling, Hausunterricht, nichts Ungewöhnliches. Ein bis zwei Millionen Kinder, wird geschätzt, werden in den USA von ihren Eltern unterrichtet. Nicht immer aus religiösen Gründen: Eltern kritisieren starre Lehrpläne oder die hohen Kosten für Privatschulen.
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Die Romeikes stammen aus Bissingen an der Teck, einer 3000-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Stuttgart. Die Familie gehört einer strenggläubigen evangelischen Freikirche an. Interviewanfragen lehnen sie mittlerweile ab. Stattdessen wird auf eine schriftliche Stellungnahme verwiesen. Ihre Kinder hätten in der Schule unter dem Druck und der Gewalt in der Klasse gelitten, ist dort zu lesen. "Wir haben festgestellt, dass in staatlichen Schulen in Deutschland (.. .) traditionell christliche Werte wie Nächstenliebe, Treue, Zuverlässigkeit, Fleiß, Hilfsbereitschaft und Respekt oft nicht mehr die Beachtung finden, die uns persönlich wichtig ist."
streng religiösen und
reformpädagogischen Eltern
Rückblende, Frühjahr 2000: Die Becker-Kinder experimentieren am Esstisch mit Stoffgemischen – Emulsion, Suspension, Aerosol. Die Mutter erklärt. Als Hilfsmittel dienen Zucker, Milch, Wasserkocher und alles, was der Kühlschrank hergibt. Chemieunterricht steht auf dem Stundenplan, Aggregatzustände und Atommodelle sind das Thema. Nur was sie sich zutraue, unterrichte sie auch, versichert Dorothee Becker. Mathematik traut sie sich zu, das Fach unterrichtet sie auf Englisch. Freunde der Familie machen mit: Ein ehemaliger Professor lernt mit dem Ältesten Physik, einmal die Woche kommt eine Französischlehrerin ins Haus.
Legal war dies nicht. Doch die Beckers fanden am Amtsgericht Emmendingen einen milden Richter: Das Verfahren gegen sie wurde eingestellt. Die 50-Mark-Bußgeld mussten sie nicht zahlen. Ihr Sonderweg wurde stillschweigend geduldet.
Vielleicht lag es an ihrer Geschichte. Die Beckers verbrachten als Entwicklungshelfer viele Jahre in Mikronesien. Die Kinder besuchten dort die internationale Schule. Als sie 1996 nach Deutschland zurückkamen, fanden sie sich in der Schule nicht mehr zurecht. "Wir kamen woanders her, wir hatten einen englischen Akzent, wir waren die Außenseiter", erinnert sich Naemi. "Wir Kinder haben gestreikt." Bald hatten sie keine Lust mehr zum Lernen. Ihre Leistungen wurden immer schlechter, alle vier Kinder wurden chronisch krank. Dorothee Becker schob das auf den Frust und den Druck in der Schule. Nach einigen Monaten zog sie die Notbremse – und ließ die Kinder daheim.
Damit die Wissenslücken nicht allzu groß werden, besorgte die studierte Ernährungstechnikerin eine Tafel, eine Menge Bücher und Lehrpläne und beschloss, ihre vier Kinder selbst zu unterrichten. Kuno Becker war erst skeptisch – ließ sich vom Elan seiner Frau und der Begeisterung der Kinder mitreißen. Auch die Hausschüler hatten bei der Unterrichtsvorbereitung ein Wort mitzureden: Sie surften im Internet, probierten Lern-Software aus, suchen Informationen in Bibliotheken und bastelten eine eigene Homepage. Und bei schönem Wetter wurde die Schulstunde einfach in den Garten verlegt. Alle vier vermittelten nicht den Eindruck, unter der Schulflucht zu leiden. Isoliert waren sie auch nicht, sondern mittendrin im Dorfleben – im Fußballverein und Tennisclub, sie machten beim Reiten und Turnen mit. "Wir hatten viele Kontakte", sagt Naemi. "Homeschooler, die ihre Kinder von der bösen Welt fernhalten wollen, sind krank. Kinder müssen auf die Welt vorbereitet werde."
Das Staatliche Schulamt Freiburg sah dies ähnlich, kam aber zu anderen Schlüssen. "Wir müssen schauen, dass die Kinder nicht zum Sozialfall werden", argumentierte der Leiter, der sich damals um eine Hand voll Familien kümmerte, die ihre Kinder – aus unterschiedlichen Gründen – bewusst nicht zur Schule schickte. Keine Schule, keine Zeugnisse, kein Abschluss, keine Ausbildung? Plagten die Beckers nicht manchmal Zweifel?
Dorothee Becker, 48, sitzt an dem Esstisch, an dem vor neun Jahren die Chemiestunde stattfand, und räumt offen ein, die Abschlüsse hätten ihr schon einige schlaflose Nächte bereitet. Ein Diktat der Eltern sei die Entscheidung auch nicht gewesen. Wenn eines der Kinder in die Schule hätte gehen wollen, hätte es dies selbstverständlich gedurft.
Die Küchentür fliegt auf. Rimon, 25, kommt mit einem Bärenhunger von der Arbeit. Der Älteste machte als Externer die Hauptschulprüfung, besuchte die Gewerbeschule und erhielt auf Anhieb einen der begehrten Ausbildungsplätze zum Mechatroniker beim Waldkircher Unternehmen Sick. Hatte der Heimunterricht Nachteile? Rimon schüttelt den Kopf. "Meine Eltern sind nicht den einfachsten Weg gegangen, aber die Entscheidung war in Ordnung." Das selbstständige Lernen habe ihm enorm geholfen. "An meinem Arbeitsplatz wird großen Wert darauf gelegt, dass man sich Dinge selbst erarbeitet und ausprobiert."
Ein Jahr später musste sich Jethro entscheiden. "Ich will das Abitur machen", befand der Zweitälteste. "Abitur – das wollte ich mir nicht antuen", sagt Dorothee Becker. "Aber uns war klar: Wenn er dies will, dann müssen wir ihm das ermöglichen." Mit Bauchschmerzen meldete sie Jethro in Freiburg am Goethe-Gymnasium, ihrer alten Schule, an. Der Junge hat keine Zeugnisse vorzuweisen, aber er kann überzeugen – und wird genommen.
Schule, Klassenverband – das war für ihn eine ganz neue Erfahrung: "Ich fand es super. Vorne stand ein Lehrer, der alles erzählte, was wir uns sonst selbst erarbeiten mussten." Jethro schaffte das Abitur; derzeit macht er eine Ausbildung zum Operationstechnischen Assistenten an der Uniklinik Freiburg. Seine Schwester Naemi, 21, ging in der achten Klasse an die Realschule, heute arbeitet sie als Jugendreferentin bei der Calvary Chapel in Freiburg und ist mit einem Lehrer verheirat. Als die Großen aus dem Haus waren, wollte Nesthäkchen Yael nicht allein daheim unterrichtet werden. Sie besuchte die evangelische Schule in Lahr und machte dort ihren Realschulabschluss. Jetzt wartet die 17-Jährige auf den Beginn ihrer Krankenschwesternausbildung. "Alle vier sind etwas geworden", sagt Kuno Becker, 49, – sein Stolz ist nicht zu überhören.
Die amerikanische "Home School Legal Defense Association", eine stramm rechte Lobbyorganisation, wollte die Beckers vor ihren Karren sparren. Doch die wehren sich gegen jede Vereinnahmung. "Wir kämpfen nicht gegen die Schule, sondern für die Kinder", sagt Dorothee Becker. "Wir behaupten auch nicht, dass der Hausunterricht die beste Idee ist. Viele Kinder mögen in der Schule besser aufgehoben sein. Aber für unsere Kinder war es die beste Lösung." Die anpackende Frau will nicht alles gut heißen, was unter dem Titel Homeschooling praktiziert wird. "Man muss schon genau hinschauen, was in den Familien läuft. "
Thomas Spiegler, Soziologe an der Theologischen Hochschule Friedensau, hat für seine Doktorarbeit "Home Education in Deutschland" hundert deutsche Homeschool-Eltern begleitet und dabei neue Allianzen ausgemacht. Neben streng religiösen Eltern, denen die Schule viel zu liberal und antiautoritär ist, fordern mittlerweile auch reformpädagogisch orientierte Eltern eine Abkehr vom Schulzwang. "Es gibt kein geschlossenes Netzwerk." Spiegler schätzt, dass 500 bis 600 Kinder in Deutschland zu Hause unterrichtet werden. Die Bewegung wachse zwar langsam, aber viele Familien wandern ins Ausland ab. Sein Eindruck: "Es kann gelingen. Es muss aber nicht". Es gibt keine repräsentative Studien, die über Erfolg oder Misserfolg des Hausunterrichts Aufschluss geben könnten. Nach einer Untersuchung der Universität Maryland schneiden Homeschooler bei Tests zwar deutlich besser ab als Schüler, die einen regulären Unterricht besuchen. Die Teilnahme an der Studie war aber freiwillig – schwache Kinder haben vielleicht erst gar nicht teilgenommen. Thomas Spiegler plädiert für eine Legalisierung des Hausunterrichts – mit gleichzeitigen Kontrollen, wie es zum Beispiel in Österreich geschieht. "Mit der Kriminalisierung der Eltern ist keinem geholfen."
Die deutschen Schulbehörden sind ohnehin in der Zwickmühle: Die rechtliche Lage ist zwar eindeutig. Dennoch kommt es regelmäßig zu juristischen Eskalationen zwischen Schulverweigerern und Behörden. Und von der Verhängung von Bußgeld bis zum möglichen Entzug des Sorgerechts, über Gerichtsverfahren und dem Warten auf die Verhandlung in der nächsthöheren Instanz, gehen Jahre ins Land. Sind die Behörden zu tolerant, wird die Gefahr einer Parallelgesellschaft beschworen – Wehret den Anfängen, wer einmal nachgibt, schafft Präzedenzfälle. Werden schreiende Kinder im Streifenwagen zur Schule gebracht, gibt es ebenfalls Kritik.
Dabei wird die Schule als Ort gemeinsamen Lernens immer häufiger in Frage gestellt. So auch im Buch des kanadischen Autors David Gilmour, der über die Idee, seinen schulmüden Sohn aus der Schule zu nehmen, ein Buch geschrieben hat und dabei ins Schwärmen gerät: "Unser allerbestes Jahr." Auch André Stern, 38, Sohn eines deutsch-französischen Kunstpädagogen und einer französischen Grundschullehrerin, hat eine Jugend ohne Hausaufgaben, Klassenarbeiten und Noten verlebt. Möglich war das, weil es in Frankreich keine Schulpflicht gibt. Er kämpfe nicht für die Abschaffung der Schule, er habe auch keine allgemein gültigen Lösungen anzubieten, schreibt er in seinem gerade erschienenen Buch: "Ich möchte nur zeigen, dass man ohne Schule nicht zwangsläufig asozialen, analphabetischen, primitiven und einsamen Wilden heranwächst."
einen neuen Anlauf: Die
Drillinge werden eingeschult.
Autor: Petra Kistler






