... Clemens Bieniger, Bürgermeister der leidgeplagten Gemeinde Winden an der B 294 im Elztal

AM STRASSENRAND MIT...: Es fehlt nur Dobrindts Unterschrift

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Sa, 20. Juni 2015

Südwest

Es ist nur eine Unterschrift, die Clemens Bieniger vom wirklich zufriedenen Ruhestand trennt. Ein Autogramm an der richtigen Stelle – und der Blick zurück auf 32 Jahre als Bürgermeister von Winden würde sich verändern. Dann könnte er gehen mit dem Gefühl, etwas zu Ende gebracht zu haben. Aber Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat die Baufreigabe für die Umgehungsstraße von Nieder- und Oberwinden noch nicht unterschrieben. In zwei Wochen hat Clemens Bieniger seinen letzten Arbeitstag. Unser Redakteur Franz Schmider hat sich mit ihm an der B 294 getroffen.

Wenn Clemens Bieniger einem Besucher vorführen will, wie dringlich die neue Straße ist, dann muss er mit dem Gast nur kurz vor das Rathaus treten. Einmal um die Ecke, und schon steht man an jener Stelle, die selbst Ortsfremden in Erinnerung ist, sofern sie nur ein einziges Mal durch das Elztal gefahren sind: vor der alten Mühle in Oberwinden, wo die vielbefahrene Bundesstraße nur einspurig ist und Lkw-Fahrer ihr Augenmaß beweisen müssen. 16 000 Autos schlängeln sich täglich durch die Engstelle, davon 1600 Lastwagen. Jede Minute einer.

Bieniger geht auf dem schmalen Gehweg voran, was er dabei sagt, bleibt unverständlich. Der Lärm eines Dieselmotors übertönt das Gespräch. Ein Sattelzug rollt durch das Nadelöhr in Oberwinden talaufwärts, der Gegenverkehr in Richtung Waldkirch muss warten. Sobald der Brummi vorbei ist, heulen Pkw-Motoren auf, als müssten die Fahrer die verlorene Zeit aufholen. Clemens Bieniger fällt das gar nicht auf – zu alltäglich.

Als Bieniger mit 29 Jahren erstmals zum Bürgermeister der damals noch jungen Einheitsgemeinde Winden wurde, gab es bereits Pläne für den Bau einer Umgehungsstraße der beiden Teilorte. Für sich hat Bieniger damals eine Zeitleiste mit den Kernaufgaben entworfen: Die Einigung über die Linienführung in der ersten, das Planfeststellungsverfahren abschließen in der zweiten, Bau und Fertigstellung in der dritten Amtszeit. Nach diesem Konzept wäre die Straße, die in Niederwinden nahe der Bahnlinie verlaufen und in Oberwinden kurz in einem Tunnel verschwinden soll, seit etwa zehn Jahren fertig. 25 beziehungsweise 43 Millionen Euro sind für die beiden Bauabschnitte veranschlagt.

Jetzt tröstet sich Bieniger mit dem Gedanken, dass er sich vielleicht in einigen Jahren mit seinen Enkeln als Ruheständler zu jenen Rentnern gesellt, die sich an jedem Bauzaun finden – und zusieht, wie wächst, was er mit auf den Weg gebracht hat. Und er hat ja auch noch ein wenig Hoffnung, dass in seinen letzten Amtstagen der Minister in Berlin die Baufreigabe erteilt. Schließlich liegen seit 2006 alle Genehmigungen vor, das Land hat der Umgehung Winden höchste Priorität eingeräumt, sie ist längst im Bundesverkehrswegeplan verzeichnet. Aber immer wieder wurden andere Projekte vorgezogen. Möglingen nennt Bieniger als Beispiel, wo sich der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete brüstet, er habe seine Kontakte spielen lassen.

Bieniger bemüht sich zu erläutern, dass Winden mehr ist als eine nicht ausgebaute Straße. In seiner Amtszeit sei es gelungen, zu einer Einheit zusammenzuwachsen, was nicht immer einfach gewesen sei. Symbolisch nennt er das Feuerwehrhaus, das die beiden Wehren gemeinsam errichtet haben. Auch die Sportvereine fanden zusammen, die Schulen. Bieniger zieht den Haushaltsplan aus der Schublade: Mehr als 600 000 Euro hat die Verwaltung in den vergangenen elf Jahren bei Personalkosten eingespart – und die Schulden wurden entsprechend getilgt. Umgerechnet steht jeder Windener noch mit 131 Euro in der Kreide. Seine Wahlergebnisse (erste Wiederwahl: 96 Prozent, zweite und dritte Wiederwahl jeweils 95 Prozent) darf er als Bestätigung deuten. Das heißt nicht, dass es nie Debatten gegeben hat um seine Amtsführung und seine Person. Er habe lernen müssen, zu entscheiden. Und damit auch, sich gegen andere zu stellen.

Doch dann kommt er wieder auf die Straße zu sprechen. Von ihrem Bau hängt die Entwicklung der Gemeinde ab. Weil im Ort sonst nicht investiert werde. Gehwege sollen künftig Fußgängern vorbehalten bleiben – und nicht wie in diesem Vormittag immer wieder als Ausweichfläche für sich begegnende Lkw herhalten. Es gebe Pläne für die Umgestaltung des Ortskerns, es soll auch Platz geben für Radler, schließlich sei der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Bieniger führt durch den Ort, zeigt, wo er Nachholbedarf sieht. Es hat fast den Anschein, dass da einer noch voller Ideen und Tatendrang ist. Mit 61 könnte er ja noch...

Nein, sagt Bieniger. Es sei genug. Zumal es noch das Ehrenamt als Vorsitzender des ADAC Südbaden gebe, Bieniger fuhr einmal in Winden Autorennen. Auch spüre er bei sich eine gewisse Ermüdung, was nicht zuletzt an den vielen Vorschriften liege, die die Bürger heute einengten und hohe Hürden seien für das gesellschaftliche Engagement.

Aber die Unterschrift von Verkehrsminister Dobrindt, das wäre ein richtig guter Abschluss.