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18. Januar 2012
Arabisch in der Alma Mater
Die Worte des Propheten aus deutschem Beamtenmund: In Tübingen ist die erste Islamisch-Theologische Fakultät nördlich von Bosnien eröffnet worden.
Hayal Adeni wartet im Erdgeschoss des neuen Zentrums für Islamische Theologie in Tübingen. Gleich wird die 31-jährige Studentin ein Referat halten über den ägyptisch-schweizerischen Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, einen Gelehrten, der die Partizipation der Muslime an der westlichen Gesellschaft propagiert. Eine Stunde lang will sie über ihn vortragen. Am Treppenaufgang hängt eine gerahmte Folie, auf der in kunstvoller arabischer Schrift die 99 Namen von Allah stehen.
Die junge Frau aus dem oberschwäbischen Riedlingen zählt zu den ersten 38 Studenten des Zentrums, das in der Villa Köstlin untergebracht ist, einem zweigeschossigen, klassizistischen Bau gegenüber dem Alten Botanischen Garten. Adeni belegt an der Uni Tübingen bereits das Fach Islamwissenschaft, aber sie hat das Bedürfnis, noch mehr über die Geschichte und die theologischen Grundlagen des Islams zu erfahren. Deshalb hat sie sich für das Zweitstudium entschieden.
Adenis Eltern stammen aus der Türkei, sie selbst hat in der neuen Heimat gut Fuß gefasst: Schule, Studium und nach dem Abschluss als Betriebswirtin eine Tätigkeit als selbstständige Unternehmerin. Ihr Mobilfunkgeschäft hat sie jetzt wieder verkauft, um weiter zu studieren und um ihr Wissen über den Islam zu vertiefen. Viele ihrer Kommilitonen wollen Imame werden, die junge Frau träumt davon, muslimischen Kindern die deutsche Sprache beizubringen und Religionsunterricht zu geben. Adeni ist modisch gekleidet, trägt kein Kopftuch. Sie sagt: "Ich muss kein Kopftuch tragen, um Religiosität zu zeigen."
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Ihre Kommilitonin Yasemin Ergin trägt eines, sie kam im Alter von sieben Jahren nach Deutschland. Auch die 21-Jährige aus Biberach ist begeistert von den Studienbedingungen im neuen Zentrum. Nicht nur im Fach Islam will sie fit werden, auch die anderen Religionen möchte sie kennenlernen – die evangelischen und katholischen Theologen sind gleich in der Nachbarschaft untergebracht.
"Sie sind vom Aufbau fasziniert und mit Feuereifer dabei", lobt Unirektor Bernd Engler die neuen Studenten. Besonders intensiv betreiben die Studienanfänger das Studium der arabischen Sprache – acht Stunden in der Woche. Dazu kommen vier Stunden Begleitübungen und weitere vier Stunden Tutorium. "Islamische Theologie ohne Arabisch – das geht nicht", sagt Professor Omar Hamdan. Der wissenschaftliche Nachwuchs, so der Leiter des Zentrums, müsse in der Lage sein, schriftliche Quellen im Original zu lesen, insbesondere den Koran und den Hadith, die Überlieferungen über Mohammed.
Über originale Schriften verfügt das Zentrum bereits in Fülle. Hamdan hat seine private Bibliothek mit 5000 Bänden nach Tübingen gebracht und ins Zentrum integriert. Ein Teil kam per Schiff aus Israel, der Rest aus Berlin, wo der 48-Jährige bis vor kurzem wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Islamwissenschaft war. Im Erdgeschoss sind zwei Räume mit prächtig gebundenen Büchern gefüllt.
Hamdan, ein polyglotter Mann, ist Palästinenser, arabischer Muttersprachler, besitzt die israelische Staatsangehörigkeit und wurde inzwischen zum Beamten auf Lebenszeit ernannt. Der Inhaber des Lehrstuhls für Koranwissenschaften erhält bald Verstärkung. Die Uni hat drei Professoren und zwei Juniorprofessoren berufen. Ein weiterer Ruf auf eine Professur wurde inzwischen ausgesprochen.
In den nächsten vier Jahren soll der Lehrbetrieb auf 320 Studenten ausgeweitet werden. Dann ist die Villa Köstlin zu klein. Die Uni plant einen Neubau beim Theologikum und den Ausbau des Zentrums als Fakultät. Hamdan bekommt leuchtende Augen. "Wir werden die erste Islamisch-Theologische Fakultät in Europa jenseits von Bosnien sein", sagt er, "Deutschland ist dabei, auf diesem Gebiet führend zu werden. Die EU-Länder werden sich nach dem deutschen Modell richten."
Hamdan will viel nach außen wirken. "Wenn sich Professoren nur um sich und ihre Forschung kümmern und weniger um die Gesellschaft, dann scheitert ihre Arbeit", sagt der Wissenschaftler, der mit dem baden-württembergischen Ministerium für Integration in engem Kontakt steht. Zusammen mit Stuttgart plant er ein Seminar über islamische Feiertage. Durch einen intensiven christlich-islamischen Dialog will er "mehr Verständnis für den jeweils anderen schaffen". Genauso wichtig ist ihm aber auch der Dialog zwischen den verschiedenen islamischen Strömungen. Er sagt: "Es ist Zeit, dass die Muslime ihre Rolle hier in Deutschland wahrnehmen – sehr rational, nicht emotional."
Autor: Raimund Weible
