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28. November 2009 10:59 Uhr

Bauer Mild auf Entzug

Jahrzehntelang förderte Europa den Tabakanbau. Bald ist Schluss damit. Doch siehe da: Es geht auch ohne / Von Sebastian Kretz

  1. Im Raucherhimmel: Nach der Ernte werden Tabakblätter zum Trocknen aufgehängt Foto: dpa

  2. „Tabak ist mein Leben“: Bauer Hans Mild Foto: Sebastian Kretz

  3. Getrockneter Tabak der Sorte Geudertheimer: Bei der Industrie begehrt. Foto: Sebastian Kretz

  4. Tödlicher Genuss: Jährlich sterben 500000 Europäer am Blauen Dunst Foto: dpa

  5. Viele EU-Länder verbieten inzwischen das Rauchen in Restaurants und Kneipen Foto: dpa

Das, was Hans Mild sein Leben nennt, ist ledrig braun, duftet herb und hängt in dicken Bündeln von der Decke herab. Mild steht mittendrin, zupft ein unterarmlanges Blatt ab und erklärt, warum der Badische Geudertheimer so vorzüglich schmeckt: Fruchtbarer Boden, mildes Klima – würziges Aroma. "Tabak ist mein Leben", sagt Mild, Tabakpflanzer in dritter Generation – und Nichtraucher.

"Ich bin mit dem Tabak groß geworden", sagt der Bauer aus Dundenheim, Dreitagebart, wettergegerbte Haut, im linken Ohr ein Stecker, der Handschlag ein Prankenhieb. Im Fernsehen könnte er gut den Seebären geben. In Tabak-Orten wie südbadischen Dundenheim steht die Pflanze bei fast jedem Bauern auf dem Feld. Von weitem sind die Höfe zu erkennen am Schopf, dem scheunengroßen Tabakspeicher. Der hat Holzlamellen statt Wänden, damit der Wind durchpfeifen und die runzligen Blätter des Geudertheimers trocknen kann. Die meisten bauen daneben noch Virgin an, der in Öfen getrocknet wird und für Zigarettenmischungen des Typs American Blend nötig ist.

Der Tabakanbau in der Ortenau hat Tradition, seit Jahrhunderten. Auf 560 Hektar pflanzen die Bauern das nikotinhaltige Gewächs an, es ist die größte Anbaufläche in Baden-Württemberg. Mit Roth-Händle war in Lahr auch ein großer Zigarettenproduzent ansässig. Doch 1986 kaufte der Tabakkonzern Reemtsma die Firma und verlagerte die Produktion allmählich an andere Standorte. 2007 schloss das Werk endgültig. Dem Tabakanbau in der Region schadete das nicht, es gibt andere Abnehmer. Hans Mild gehört mit 20 Hektar Anbaufläche zu den größeren Lieferanten des Rohstoffs. Weil die Blätter des Nachtschattengewächses nicht nur duften, sondern auch töten können, sitzt Mild zwischen den Stühlen, seit Jahrzehnten.

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Auf diesen Stühlen sitzen, 380 Kilometer weiter nordwestlich in Brüssel, Androulla Vassiliou und Mariann Fischer Boel. Das sind die EU-Kommissarinnen für Gesundheit und Landwirtschaft. Fischer Boels Behörde, die mächtige Generaldirektion für Landwirtschaft, Jahresbudget über 40 Milliarden Euro, päppelte Europas Tabakbauern jährlich mit dreistelligen Millionenbeträgen – gesundheitliche Erwägungen spielten keine Rolle, es ging um die Erhaltung scheinbar alternativloser Monokulturen. Vassilious Behörde, die Generaldirektion für Gesundheit mit ihrem Zwergenhaushalt von einer Milliarde Euro, kämpfte gleichzeitig mit all seiner bescheidenen Kraft gegen das Tabakrauchen an.

Von 2010 an ist Schluss mit dem Widerspruch. Jedenfalls ein bisschen. Hans Mild bekommt dann kein Geld mehr von der EU. Das heißt, keine an den Anbau der Pflanze gekoppelten Subventionen. In den letzten vierzig Jahren hing die Branche am Tropf der Europäischen Union – auf jeden eingenommenen Tabak-Euro legte Brüssel zuletzt 1,40 Euro drauf. Eine erste Phase der Umstellung begann 2006. Seitdem erhält Mild von 100 Subventions-Euro etwa 40 Euro in Form so genannter entkoppelter Subventionen: Die gab es in jedem Fall, auch wenn er inzwischen Weizen anbaute – ein Anreiz, vom Tabak zu lassen. Die restlichen 60 Prozent gab es als Mengenprämie. Das heißt, Mild musste eine bestimmte Menge Tabak anbauen, um an die vollen Subventionen zu kommen. Nur dieser Teil fällt ab 2010 weg. Die restlichen 40 Prozent bleiben zunächst, werden aber bis 2013 stufenweise abgebaut.

Seit die EU das Ende der Subventionen beschloss, hieß es oft, das sei das Ende des Tabakanbaus in Deutschland. In einem Monat ist es nun soweit – doch statt das Lamento des verlassenen Bauern anzustimmen und gegen den Subventionsabbau auf die Straße zu gehen, vertrauen die meisten badischen Tabakpflanzer auf eine Kraft, die Bauern oft als Feind wahrnehmen: den Markt. "Ich denke, in den nächsten Jahren wird sich ein Preis entwickeln, von dem wir leben können", sagt Mild. In den USA, wo die Tabaksubventionen schon vor vier Jahren gestrichen wurden, ist das bereits passiert. Bislang zahlen die so genannten Erstverarbeiter, die den Rohtabak aufbereiten und an die Zigarren- und Zigarettenindustrie weiterreichen, lediglich 40 Prozent des Preises, den die badischen Bauern nach eigenen Angaben brauchen, um rentabel zu produzieren. Ein Kilo Geudertheimer bringt auf dem freien Markt etwa 1,40 Euro, Frau Fischer Boel in Brüssel legt die fehlenden zwei Euro drauf. In Zukunft sollen die Erstverarbeiter den vollen Preis zahlen.

Offenbar kein reines Wunschdenken: Mit den Hauptkunden, größtenteils Unternehmen aus dem Südwesten, gibt es bereits feste Absprachen. "Die Firma Siemann aus Rottweil hat zugesagt, die Subventionen komplett aufzufangen", sagt Mild.
Bei dem Familienunternehmen, das eigentlich CNT heißt, bestätigt man das. "Wir sitzen mit den deutschen Tabakpflanzern in einem Boot", sagt Geschäftsführer Dirk Siemann. In Ländern wie Polen, wo die Ware möglicherweise billiger sei, hätten sie keine Vertriebsstrukturen. Auch beim Rohtabakhändler Metz in Hayna nahe Karlsruhe will man weiterhin in der Region einkaufen. "Unsere Kunden haben signalisiert, dass sie deutschen Tabak behalten wollen", sagt Geschäftsführer Kurt Metz.

Bleibt es dabei, dürften sich die Marktpreise für Rohtabak mehr als verdoppeln. Selbst Kettenraucher werden davon aber kaum etwas spüren: Von fünf Euro für eine Schachtel Zigaretten – 3,80 Euro gehen übrigens als Tabak- und Mehrwertsteuer an den Staat – kommen bei den Tabakbauern gerade mal zwei Cent an. Angenommen, eine Verdopplung des Rohpreises würde direkt bis zum Verbraucher durchgereicht – die Schachtel kostete dann 5,02 Euro. Das Rauchen wird deswegen kaum einer aufgeben, zum Leidwesen von Gesundheitskommissarin Vassiliou, die den Europäern gern das tödliche Laster austreiben würde.

Fünfhunderttausend Menschen sterben jedes Jahr zwischen Portugal und Finnland an der Sucht. Laut der EU-Generaldirektion für Gesundheit verursacht Rauchen in Europa jeden vierten Krebstod und etwa jeden siebten Todesfall überhaupt. Daher muss die Tabakindustrie seit 2003 auf jede Zigarettenschachtel einen dicken Warnhinweis mit Trauerrand drucken. Vassiliou versucht es außerdem mit Kampagnen gegen das tödliche Laster. Europaweit einheitliche Gesetze, zum Beispiel über ein Rauchverbot, sind aber nicht geplant – zu unterschiedlich sind die Ziele der 27 Mitgliedsstaaten.

Der Zwiespalt auf EU-Ebene spiegelt sich im Kleinen wider – nur, dass Hans Mild ein Rauchverbot auf seinem Bauernhof schon durchgesetzt hat, jedenfalls in der Küche. Auf der hölzernen Eckbank sitzt er bei Kaffee und Butterbrot und sagt: "Es ist schön, wenn man eine Wohnung hat, in der nicht geraucht wird" – vor fünf Jahren, der ältere Sohn war da um die 16, hat er ganz aufgehört. Um ein gutes Vorbild zu sein. "Wenn ich selber rauche, kann ich meinem Sohn nicht sagen, er soll bloß nicht damit anfangen." Hat er kein schlechtes Gewissen zu profitieren, wenn anderer Leute Söhne und Töchter zur Zigarette greifen? Mild keucht ein knappes Lachen hervor und zitiert einen Reim über den Tabak und die Reben, den er von seinem Vater hat und der so endet: Tust Du weise sie gebrauchen / darfst du trinken und auch rauchen. Weise, damit ist gemeint: in Maßen. "Wenn einer drei Päckle am Tag raucht, ist das natürlich nicht gesund. Aber in unserer Gesellschaft muss jeder selber wissen, was ihm guttut und was nicht. Jeder kann sagen: Ich rauche nicht."

Wegen dieses Zwiespalts – von einer Pflanze zu leben, deren Rauch Millionen die Lunge zerfrisst – ist Mild sogar ganz froh über das Ende der Brüsseler Tabakförderung. "Im Moment stehen wir am Pranger: Einerseits empfangen wir Subventionen, andererseits ist unser Produkt schädlich für die Menschheit." Stünde die Branche auf eigenen Beinen, so Milds Annahme, könnte sie mit größerem Selbstbewusstsein Lobbyarbeit betreiben.

Dabei hat der Subventionsabbau für Tabakbauern mit dem hehren Motiv des Gesundheitsschutzes wenig zu tun, sondern ist höchstens eine willkommene Nebenwirkung – zurzeit stellt die EU ihre gesamte Agrarpolitik von den mengenbezogenen Subventionen auf pauschale Betriebsprämien um, auch für unbedenkliche Pflanzen wie Mais oder Weizen. Allzu weit dürfen die Kürzungen sowieso nicht gehen: "Der Tabakanbau in Europa ist eine Tradition. Im Ministerrat würde sich keine Mehrheit dafür finden, den Bauern komplett die Grundlage zu entziehen", sagt Peter Martin, Sprecher der EU-Kommission. Da mag das Kraut noch so tödlich sein: Die Agrarminister der europäischen Schwergewichte – Tabakländer sind neben Deutschland auch Italien, Spanien, Frankreich und Polen – vertreten in Brüssel vor allem die Interessen ihrer Bauern. Spielen sie nicht mit, gibt es keinen vollständigen Subventionsstopp für den Tabakanbau. Deswegen sind die jährlich 484 Millionen Euro künftig auch nicht weg, sondern nur woanders: Die eine Hälfte fließt in neue Betriebspauschalen. Die erzwingen zwar nicht mehr den Anbau des giftigen Krauts, schließen ihn aber auch nicht aus. Stattdessen sollen die Bauern frei entscheiden, was sie mit den Überweisungen aus Brüssel anstellen, statt marktblind anzubauen, was die meisten Subventionen bringt. Allein die für ländliche Entwicklung vorgesehene Hälfte des Gelds dient ausdrücklich dem Ziel, die Tabakbauern dazu zu ermuntern, fernab der Scholle eine ganz neue Tätigkeit zu suchen oder wenigstens auf ungiftige Pflanzen auszuweichen. Wie alle anderen Landwirte können die europäischen Tabakbauern diese Fördermittel anzapfen. Für Deutschland sind 17,7 Millionen Euro vorgesehen – in den Jahren zuvor waren es nur knapp zwei Millionen mehr.

Das Angebot nutzen die Tabakbauern in der Ortenau – kaum einer, der sich in den letzten Jahren kein zweites Standbein aufgebaut hätte. Allein schon, falls die Tabaknachfrage irgendwann von selbst sinkt, weil immer weniger Menschen rauchen. Mild baut, Tabak-Tradition hin oder her, neben Geudertheimer und Virgin seit ein paar Jahren auch Fuji an. Der duftet auch, verursacht aber keinen Lungenkrebs. Fujis müssen auch nicht aufwendig zum Trocknen aufgehängt werden, sondern kullern gleich nach der Ernte tafelfertig in hölzerne Kisten: faustgroße, rotbackige Äpfel.

Autor: Sebastian Kretz