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29. Juni 2009
Bauern mit Power
Die kanadischen Saatgut-Rebellen Percy und Louise Schmeiser lehren den Chemiemulti Monsanto das Fürchten
Gefährlichster Feind der Mächtigen ist die eigene Überheblichkeit. Heute wird sich der Agrochemieriese Monsanto aus St. Louis, USA, deshalb dreimal fragen, ob es eine gute Idee war, vor zehn Jahren einen namenlosen Bauern im Westen Kanadas zu verklagen. Dadurch sind dieser Bauer und seine Frau heute selbst so weltbekannt wie Monsanto – und höchstwahrscheinlich um einiges populärer. Mehr noch: Was der Mann sagt und tut, ist global geschäftsschädigend für den Konzern. Und darauf ist er auch noch stolz.
Man merkt den beiden nicht an, dass sie Superstars der Weltökoszene sind. Louise und Percy Schmeiser, beide 78, aus Bruno in der kanadischen Provinz Saskatchewan, sitzen im Schatten der Mittagsschwüle im Hof des Biowinzers Reinhold Pix in Ihringen und lassen sich Brotzeit samt Silvaner schmecken. Sie wirken wie ein eher biederes Touristenpaar aus der neuen Welt, das den Ruhestand mit einer Europareise auflockert. Sie erzählen von den Kindern und Enkeln, vom langen kanadischen Winter und dem Liebreiz Luxemburgs, aus dem Louises Vorfahren stammen, während Percys Familie Wurzeln im bayerischen Rosenheim hat.
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Nur zwischendurch macht Percy Schmeiser mit knappen, präzisen Sätzen klar, dass er nicht zum Vergnügen hier ist, sondern eine Mission hat: die Praktiken des weltgrößten Herstellers von gentechnisch verändertem Saatgut anzuprangern, am eigenen biografischen Beispiel. "Sie zerstören den nachbarschaftlichen Zusammenhalt, sie fördern Misstrauen und Denunziation, sie nehmen dir Rede- und Wahlfreiheit und machen dich zum Leibeigenen auf deinem eigenen Land." Am Abend wird er dies im Freiburger Audimax bei einem Vortrag wiederholen, so wie in den Tagen davor in Holland und Norddeutschland und demnächst in Österreich.
Es ist elf Jahre her, als Farmer Schmeiser auf seinen Böden erstmals Raps fand, der gentechnisch verändert war. Für eine Stromleitung hatte er Unkraut vertilgen wollen, aber diesen Pflanzen konnte das Herbizid nichts anhaben. Sie stammten von Feldern eines Nachbarn, der bereits Monsanto-Raps anbaute; der Samen war herübergeweht. Auch mit dem Saatgut Schmeisers vermischte sich der Genraps; für europäisches Verständnis der klassische Fall eines Schadenersatzanspruches gegen den Verursacher. Doch das Gegenteil passierte: Monsanto verklagte Schmeiser wegen ungenehmigten Anbaus einer patentrechtlich geschützten Pflanze.
Der lange Instanzenweg, eine zeitweise bizarre Rechtsprechung, Monsanto-Detektive, die auf Schmeisers Gehöft herumschlichen, Drohungen, schlaflose Nächte, die Angst des Ehepaars vor dem wirtschaftlichen Ruin und am Ende ein salomonisches Urteil, das für die Schmeisers faktisch ein Freispruch war – es ist eine moderne Version eines Kampfes David gegen Goliath, an dessen Ende der Riese zwar keineswegs am Boden zerstört liegt, der Zwerg ihm aber empfindliche Blessuren versetzt hat. Der "David" wurde am 7. Dezember 2007 vollends unverwundbar, als sein Kampf in Stockholm mit dem Alternativen Nobelpreis belohnt wurde. Dass gentechnisch veränderte Agrarprodukte in Kalifornien, Mitteleuropa, aber inzwischen etwa auch in Indien so unpopulär sind, daran hat Schmeiser mit seinem Schicksal und seiner Never-ending-Tour mit bis zu 200 Vorträgen pro Jahr erheblichen Anteil. Wären es bloß die bisher nicht bewiesenen Gesundheitsgefahren der Agrargentechnik oder prinzipielle Fragen des Eingriffs in die Schöpfung – das Thema würde nur einen Bruchteil der Menschen mobilisieren. Der filmreife Freiheitskampf eines kleinen Farmerehepaars gegen einen Konzernmulti, dessen arroganter Versuch der Gängelung und Knebelung der Bauern und die offensichtliche Ungleichheit der Waffen – das alles aber ist erst der Stoff, aus dem Mythen sind. Auch Hoffnungen auf eine biologische Lösung des Problems, die der Konzern eventuell mit Blick auf das fortgeschrittene Alter seiner Gegner hegt, könnten trügen: "Mein Vater", sagt Louise Schmeiser stolz und nicht ohne drohenden Unterton, "ist hundertdreieinhalb Jahre alt geworden."
Autor: Stefan Hupka
