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09. Januar 2016 00:02 Uhr

Social-Media-Auftritt

Bauern öffnen via Facebook den Blick in den Stall

Wenn Jutta Zeisset ein Foto auf ihre Facebook-Seite stellt, dann sieht man darauf meist ganz einfache Dinge: tiefrote Äpfel und Raureif oder Teigklumpen, Mehl und einen Steinofen.

  1. Reicht die Dokumentation des Alltags aus? Foto: Carlotta Huber

Motive, die etwas von Jahreszeiten erzählen sollen und vom Lauf der Natur. "Man kann auf diese Weise Nähe und Kundenbindung erzeugen", sagt Zeisset. Sie betreibt einen Hofladen in Weisweil und gibt Social-Media-Seminare für Landwirte. 15 bis 20 Menschen sitzen in den Kursen, die sie im Auftrag der Landfrauenbewegung und des Bauernverbandes veranstaltet – 2014 kürten die Landfrauen sie zur "Unternehmerin des Jahres".

Während ein Internet- und ein Social-Media-Auftritt in anderen Branchen längst üblich ist, machen sich viele Landwirte erst jetzt mit der Materie vertraut. Langsam werden ihnen die Chancen bewusst, ihr Image zu verbessern, Verständnis zu wecken oder neue Kundschaft zu erschließen – einige haben bereits die Risiken kennengelernt; etwa, was es bedeuten kann, wenn ein Foto den Geschmack der Nutzer nicht trifft.

Zeissets Seminarteilnehmer sind oft älter als 45 und wissen wenig über soziale Medien. Zu den ersten Dingen, die sie ihnen beibringt, gehört das Posten von Fotos. Ihrer Ansicht nach ist das das wichtigste Werkzeug eines Landwirts im Internet. "Viele Menschen wissen nicht, wie ein Landwirt arbeitet. Mit Fotos kann ich zeigen, wie es im Betrieb läuft." Wichtig sei nur, dass die Fotos authentisch seien. "Dann kann ich mit den Nutzern auch in einen Dialog treten."

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Zu den größeren Facebook-Seiten rund um Landwirtschaft gehört "Frag doch mal den Landwirt", betrieben von mehreren Familienbetriebshöfen. Sie geben realistische Einblicke in die Arbeit der Bauern – da geht es um das Weihnachtskalb genauso wie um die Aufregung der Kühe wegen des Krachs in der Silvesternacht und um die Bemühungen eines Ackerbaubetriebs um Bodenschutz und Nachhaltigkeit. Mehr als 18 000 Fans hat die Seite bereits, es gibt sie seit September 2014.

Der Wanderschäfer Sven de Vries auf der Schwäbischen Alb twittert seit April 2015 regelmäßig über das Leben mit seiner Schafherde – und 3700 Follower begleiten ihn bei jedem Wetter, bei Zwillingsgeburten wie dem Weg zum Schlachthof. Er will darstellen, was es heißt, Schäfer zu sein, erklärt er auf seiner Homepage: "Das Bewusstsein einiger Follower für Tierhaltung und Landwirtschaft schärft sich langsam, aber sicher."

Das ist nicht immer einfach, wie einer von Jutta Zeissets Kursteilnehmern erfahren hat – gerade, wenn es um Tiere geht. Er hatte ein Foto von sich unter dem Sonnenschirm ins Internet gestellt, im Hintergrund waren Kälber in der prallen Sommersonne zu sehen. Es folgte ein Shitstorm. "Die Kälber hatten sogar einen Unterstand, man konnte ihn nur im Bild nicht sehen", erzählt Zeisset. "Das hat der Landwirt aber nicht geschrieben, sondern einfach nicht reagiert."

Aber es geht nicht nur um Missverständnisse – ob Schweine oder Hühner auf einem Foto glücklich sind, liegt immer auch im Auge des Betrachters. Ist der Stall zu voll? Was bedeutet artgerecht? In solchen Punkten reicht die Dokumentation des Alltags nicht aus, weil sich die Wirklichkeit verschieden interpretieren lässt. "Wenn sich in puncto Tierwohl nichts ändert, wird der Blick in den Stall die Verbraucher nur noch mehr schockieren", umschrieb etwa der Agrarwissenschaftler Achim Spiller von der Universität Göttingen einmal das Dilemma, das Landwirte und Verbraucher bisweilen trennt.

Gute Erfahrungen mit sozialen Medien hat man beim Bio-Erzeugerverband Demeter gemacht: "Wir erleben zunehmend breiteres und tieferes Interesse an den Fragen der Nutztierhaltung und freuen uns darüber", sagt Sprecherin Renée Herrnkind. "Nur was ich kenne, kann ich auch schützen – zum Beispiel durch die Bereitschaft, angemessene Preise für tierische Produkte zu bezahlen."

Dass Facebook, Twitter und Co. die Widersprüche zwischen konventioneller Landwirtschaft und den Positionen engagierter Tierschützer oder Veganer nicht immer auflösen können, weiß auch Social-Media-Trainerin Jutta Zeisset. "Ich rate dann immer, Diskussionen nicht ausufern zu lassen, sondern die Leute schlicht und einfach mal auf den Hof einzuladen."

Autor: epd