...mit Pfarrerin Beate Schmidtgen aus Rötteln in Lörrach

BEIM KRIPPENSPIEL...: Schneiderin, Texterin und Regisseurin

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Sa, 23. Dezember 2017

Südwest

Wer auf der Autobahn nach Lörrach unterwegs ist, fährt an der Kirche zu Rötteln vorbei. Überm Wiesental liegt sie mit Blick auf den Schwarzwald, die Stadt, Basel. So schön die Lage des Kirchleins ist, das seinen Ursprung im 8. Jahrhundert hat und nach dem Erdbeben von 1356 aufgebaut werden musste, so prächtig ist sein Interieur: eine uralte Kanzel, Kirchengestühl mit dem Wappen der Hachberg-Sausenberg, eine Gruft, in der eine Mann und eine Frau aus diesem Adelsgeschlecht begraben sind. Jedes Jahr an Heiligabend gibt es in Rötteln ein Krippenspiel, wie vielerorts. Nur, dass Pfarrerin Beate Schmidtgen vielleicht etwas mehr Arbeit in die Vorbereitung steckt als üblich. Annemarie Rösch traf sie im Pfarrhaus und bei den Proben.

Dort, wo das Jahr über der Altar steht, bauen Helfer bis Heiligabend eine Bühne auf. Sie ist fast so breit wie das Kirchenschiff. Noch aber proben die Kinder im Gemeindehaus, 27 an der Zahl. Ein Weihnachtsmann, ein Christbaum-Mädchen, gehüllt in grünen Tüll, dekoriert mit Christbaumkugeln, der Geizhals Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte, ein geflügeltes Christkind und ein Mädchen im Glitzerkleid stehen auf der Bühne. Sie diskutieren über Sinn und Unsinn von Weihnachten. Scrooge, gespielt vom Sohn der Pfarrerin, hält nichts davon, verzieht verächtlich sein Gesicht. Das Christkind, der Weihnachtsmann und der Christbaum streiten, wer am wichtigsten für das Gelingen des Festes ist. Immer wieder greift Beate Schmidtgen (51) ein, mit klarer Stimme spricht sie den Text des Weihnachtsmanns vor, motiviert die Darsteller, deutlicher zu sprechen. Beim nächsten Mal gelingt es. Maria und Josef, die Hirten und die Heiligen Drei Könige folgen gebannt dem Spiel.

"Es ist toll, wenn man sieht, wie sich die Kinder entwickeln", sagt die Pfarrerin mit Doktortitel. "Mein Beruf ist für mich der schönste der Welt." Die ersten Proben fanden nach den Herbstferien bei einem Hüttenwochenende statt. Die Texte hat Beate Schmidtgen selbst geschrieben. "Die Kinder dürfen Wünsche äußern. Wenn jemand mal gerne eine größere Rolle hätte, dann berücksichtige ich das", sagt sie. "Viele Kinder haben sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt und sind selbstbewusst geworden." Zusammen mit ihrem Mann Daniel Völker teilt sie sich seit 2005 die Pfarrstelle. Das Paar hat vier Kinder, drei sind schon aus dem Haus, studieren.

Nach der Probe stapeln sich im Pfarrhaus Körbe mit Kostümen. Der Tüllbaum hängt im Wohnzimmer, seiden glänzen die Gewänder und Pluderhosen der Heiligen Drei Könige. Viele hat Beate Schmidtgen selbst genäht. Auf dem Holztisch im Esszimmer steht eine Holzkrippe, eine Kerze brennt. "Weihnachten ist ein Fest der Kindheit", sagt die Pfarrerin, die in Marburg, Heidelberg und Bern Theologie studierte. Deshalb ist ihr das Krippenspiel so wichtig. "Ich versuche immer, auch Probleme der heutigen Welt zur Sprache zu bringen." Sie beruft sich auf den evangelisch-reformierten Theologen Karl Barth, der einst sagte, dass er zur Vorbereitung der Predigt immer die Zeitung lese.

Wie die Probe schon erahnen lässt, geht es im diesjährigen Spiel darum, ob Geschenke und das glanzvolle Drumherum im Mittelpunkt von Weihnachten stehen sollten, oder ob es eine wichtigere Botschaft gibt. "Der Geizhals Scrooge erkennt, dass es wichtiger ist, angelächelt oder in den Arm genommen zu werden, als viel Geld anzuhäufen oder es in Steueroasen zu schaffen." Das sei für sie die Botschaft der Bibel an die Menschen von heute, das sei der Geist der ursprünglichen Weihnacht, den das Mädchen im Glitzergewand verkörpert. Hier hat sie sich von Charles Dickens inspirieren lassen: Bei ihm gibt es den Geist der vergangenen Weihnacht, der Scrooge zeigt, wie schön dieses Fest gewesen ist, als er noch nicht dem Geld hinterher jagte. "Die ursprüngliche Weihnacht ist für mich die der Bibel mit Maria, Josef und Jesus", erklärt die Pfarrerin.

50 bis 60 Gemeindemitglieder wirken beim Krippenspiel mit, viele hinter den Kulissen. Auch ein Orchester spielt. "Wir müssen die Kirche lebendig halten", sagt die Pfarrerin. "Viele Konfirmanden bleiben bei uns, wenn sie zum Beispiel Verantwortung fürs Krippenspiel übernehmen." Weil der Gemeinde Rötteln die Jugendarbeit so wichtig ist, hat sie extra dafür einen Gemeindediakon eingestellt. "Ich hoffe, dass er das Krippenspiel weitermacht", sagt Beate Schmidtgen. Denn sie wird es in diesem Jahr zum letzten Mal leiten. Am 31. Dezember endet der Dienst des Pfarrerehepaars in Rötteln. Was sie künftig machen wird, weiß sie noch nicht genau. Doch erst einmal werden sich an diesem Sonntag die Besucher in der Kirche drängeln – wie jedes Jahr bei den beiden Aufführungen. "Oft mussten die Leute stehen", erzählt die Pfarrerin. Dabei huscht ein Lächeln über ihr Gesicht.