Der Papst der Verlierer

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 11. März 2018

Südwest

Der Sonntag Seit fünf Jahren ist Franziskus katholisches Oberhaupt und im Erzbistum Freiburg nicht nur Hoffnungsträger.

Zum Oberhaupt ihrer katholischen Kirche wählten die Kardinäle vor fünf Jahren zum ersten Mal einen lateinamerikanischen Jesuiten. Papst Franziskus erfreut sich weltweit einer hohen Popularität, gilt sogar bei Nichtchristen als Hoffnungsträger. Für seine innerkirchlichen Kritiker aber ist der Argentinier eine Provokation.

ZDF -Korrespondent Jürgen Erbacher berichtet seit vielen Jahren aus dem Vatikan, er hat Johannes Paul II. erlebt, Benedikt XVI. kennengelernt und über Franziskus, "Der radikale Papst", ein Buch geschrieben. Auf die Frage, worin sich der Vorgänger, der Deutsche Joseph Ratzinger, und sein Nachfolger, Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires, unterscheiden, findet der Journalist viele Antworten. Eine lautet: "Mit Papst Benedikt XVI. sind wir Korrespondenten oft in die großen Metropolen gereist. Im Tross des Papstes Franziskus führt es uns nach Zentralafrika, nach Bangladesch oder Kuba."

Dies begeistert Thomas Herkert, der vor noch nicht langer Zeit die Freiburger Katholische Akademie leitete und heute als Diözesancaritasdirektor amtiert: "Der Papst führt die Kirche dorthin, wo sie sich Beulen holt, mitten ins Leben, zu den Armen." Auch dem Freiburger Theologieprofessor Magnus Striet fällt zu Franziskus als Erstes ein: "Der Papst der Verlierer. Ich glaube, das trifft es ganz gut."

Seit fünf Jahren vernehmen Katholiken, Christen und Nichtchristen, Religiöse und Atheisten aus dem Vatikan, die Kirche müsse einen "Weg der Armut" gehen. Papst Franziskus besucht die Mittelmeer-Insel Lampedusa, wo Migranten aus Afrika stranden, kritisiert den Kapitalismus und "ungerechte Gesellschaftsstrukturen", die eine "bessere Zukunft" für die Menschheit verhindern, und fordert eine radikale ökologische Wende. Er beschwört die "wahre Freundschaft zum Islam", wäscht Muslimen die Füße, lässt sich in Bethlehem vor der Mauer fotografieren, die Israelis und Palästinenser trennt, oder trifft sich aufsehenerregend mit dem Patriarchen von Moskau. Da bleibt auch einem seiner resoluten Freiburger Kritiker, dem Dogmatik-Professor Helmut Hoping, nichts anderes übrig, als einzuräumen: "Eine charismatische Gestalt."

Doch Franziskus eckt auch gewaltig an: nicht nur im unmittelbaren Umfeld im Vatikan, wo er die Kurie reformieren will "und dabei nur schwer vorankommt", wie Korrespondent Erbacher analysiert. Nicht nur bei Bischöfen und Kardinälen, denen, so wird kolportiert, er sehr autoritär die Leviten zu lesen weiß, und auch nicht nur bei manchem Wirtschaftsexperten, dem bei der franziskanischen Kapitalismus-Kritik die profunde ökonomische Analyse fehlt. Der Papst hat seine entschiedensten Kritiker in den Theologen gefunden, die sich um die Einheitlichkeit der katholischen Lehre ihre Sorgen machen und ein "heilloses Durcheinander" befürchten.

"Der Papst erkämpft Freiräume"

Wer nach fünf Jahren des Franziskus-Pontifikates hoffnungsvoll bleiben will, ist gut beraten, die als Bestseller gehandelte Kirchen-Kritik des Alt-Abtes vom Kloster Einsiedeln, Martin Werlen, zu lesen. Das im Herder-Verlag erschienene Buch "Zu spät" fordert eine dringende Reform und sieht Papst Franziskus dabei, das Ruder in die richtige Richtung rumzureißen. "Der Papst", sagt auch Thomas Herkert, "ist dabei, Freiräume zu erkämpfen." Nicht zuletzt für die Kirche vor Ort. "Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger", behauptet Vatikan-Korrespondent Erbacher, "ist einer, der bereit ist, der Franziskus-Linie zu folgen." Was könnte dies bedeuten? Eine neue spirituelle Kreativität in der Seelsorge? Ein besserer Umgang mit den Dauerbrenner-Themen "Wiederverheiratet Geschiedene" und "Gleichgeschlechtliche Paare"? "Ich bin zuversichtlich, dass im Freiburger Erzbistum die Rolle der Frau in der Kirche sichtbarer wird", hofft Professor Striet.

Wer aber in der bisherigen Bilanz des Papstes Franziskus bereits jetzt eine Tragik durchschimmern sieht, findet genügend Argumente dafür. Was kann ein katholisches Oberhaupt in einer von schier unlösbaren Konflikten gekennzeichneten Weltpolitik bewirken? Eignet er sich als Mitstreiter einer globalen sozial-ökologischen Revolution, deren Aktivisten das von ihm beschworene "Feuer des Heiligen Geistes" kaum verspüren? Innerkirchlich steht der Papst vor einer aussichtslosen Herkules-Arbeit: "Der Reformstau in der katholischen Kirche ist so groß, dass kein Papst es schaffen kann, ihn aufzulösen", behauptet Striet.

Außerdem sind die innerkirchlichen Widerstände nicht zu unterschätzen. Wenn man den entscheidenden Kern des bisherigen Franziskus-Pontifikats auf den Versuch reduziert, einen katholischen Pluralismus zu fördern, wird man registrieren, wie viel Gegenwehr sich formiert. Wenn Herkert und Gleichgesinnte sich freuen, dass der Papst einsieht, dass der Katholizismus zwischen Neuseeland und Irland, zwischen Kanada und Argentinien eine "heilsame Dezentralisierung" braucht, warnt Dogmatikprofessor Hoping: "Es ist heute bereits so, dass in der katholischen Gemeinde in Philadelphia nicht mehr das Gleiche gilt wie in Chicago. Wir könnten Zustände bekommen, dass wie bei den Protestanten, gleichgeschlechtliche Paare im Badischen gesegnet werden, aber im Württembergischen nicht."

Dass in Polen nicht geht, was in Deutschland möglich ist – das ist katholisch noch immer ein Problem: "Schon an der Frage des Priestertums der Frau könnte sich die katholische Kirche spalten", weiß Striet und Hoping warnt ausdrücklich vor dem, was er für ihre "Anglikanisierung" hält: Jeder macht, was er für richtig hält.

Dennoch: Papst Franziskus hat Verkrustungen aufgebrochen, "er beschwört keine Gesellschaft, die es nicht mehr gibt", sagt Herkert. Wie weit kann er es damit bringen? Eine Antwort liegt schon darin, wie er wahrgenommen wird. Die Palette reicht vom "Hoffnungsträger" der Anhänger bis zum "Populisten" der Gegner.
Ein Papst, der verunsichert, Diskussion mit dem ZDF-Vatikankorrespondenten Jürgen Erbacher und dem Kirchenhistoriker Professor Claus Arnold am 15. März, 19 Uhr, in der Katholischen Akademie Freiburg in der Wintererstraße 1