Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
15. Juni 2010 19:29 Uhr
Finger am Abzug
Der Praxistest: Lehrer spielen Killerspiele
Wie fühlt sich an, virtuell zu töten? Was fasziniert Jugendliche an Ballerspielen? Pädagogen haben es bei einer Fortbildung in Freiburg ausprobiert – damit sie mitreden können.
Martina Fischbach und Mechthild Regner haben sich zu einem Killerkommando zusammengetan. Eine bedient die Bewegungstasten W, A, S und D, die andere hat ihre Finger auf der Maus – dem Abzug der Maschinenpistole. Gemeinsam bahnen sich die Lehrerinnen den Weg durch ein Labyrinth. Eine schießt wahllos, die andere läuft unkontrolliert gegen Betonmauern. "Wo ist der Feind?", ruft Martina Fischbach. Ihre Kollegin schießt. "Halt! Nicht auf die eigenen Leute." Zu spät. Der Kamerad überlebt die Verwechslung nicht. Schon knallt es wieder. Blut spritzt. "Jetzt sind wir schon wieder tot." Zum zehntem Mal.
Bis die Realschullehrerinnen aus Oberndorf am Neckar wieder lebendig sind, vergeht eine halbe Minute. "Ich kann schon verstehen, dass man in diesen Pausen aggressiv wird", witzelt Mechthild Regner. Jetzt, da sie selbst geballert habe, würden die Schüler sie sicher ernster nehmen, wenn sie mit ihnen über die Gefahren von Killerspielen reden wird. Das hofft sie zumindest.
Genau wie die anderen 30 Lehrer, die an der Fortbildung "Killerspiele und Amoklauf" der Landeszentrale für politische Bildung teilnehmen. An diesem Abend in Buchenbach bei Freiburg spielen viele der Pädagogen nicht nur zum ersten Mal ein Killerspiel; die meisten sehen überhaupt zum ersten Mal, was ein sogenannter Ego-Shooter ist. Sie haben bisher die Augen vor dem verschlossen, was viele ihrer Schüler täglich oft stundenlang vor den Computer zieht. Am Nachmittag hat Experte Tilo Fierravanti vom Haus der Jugend in Freiburg den Lehrern schon einmal die zehn beliebtesten Killerspiele vorgestellt. Damit sie mitreden können.
Werbung
Vor dem abendlichen Selbstversuch im digitalen Töten kommt Landesinnenminister Heribert Rech (CDU) zu Besuch und spricht eine Stunde lang über seine klare Haltung für ein Verbot von Killerspielen. Mit ruhiger Stimme berichtet Rech, Schieß- und Tötungstraining am Computer seien bei Amokläufen oft Teil der Phase vor der Tat. Die Täter hätten meist Spiele wie Counter Strike "inhaliert, möchte ich sagen, wenn man sich die Zeitspannen anschaut." Immer wieder schlägt der Politiker eine Brücke vom Amoklauf in Winnenden zur Verherrlichung von Gewalt in Computerspielen.
Problematisch sei, so Rech, dass Online-Spiele nicht zu überwachen seien. Das Internet sei als internationaler Raum rechtlich schwer greifbar, daher bringe es nichts, wenn ein Land mit einem Verbot von Killerspielen einen Alleingang unternehme. "Wie wollen wir Kinder vor Killerspielen schützen, wenn in den USA gleichzeitig die Armee mit einem bei Kindern beliebten Online-Killerspiel den Nachwuchs rekrutiert?", gibt Rech zu bedenken. "Ein Verbot von Killerspielen löst nicht das Problem, aber es ist ein Signal", lautet Rechs Botschaft an die Lehrer, die ihm in der Diskussion ausnahmslos zustimmen. Später sagt Rech: "Das war heute ein leichter Auftritt, 30 Leute von der Piratenpartei wären schlimmer gewesen."
Im Pavillon der Fortbildungsstätte ist eine kleine Spielhölle eingerichtet. Das Licht ist gedimmt. An einem der elf Bildschirme gibt sich Lehrer Michael Quast von der Hauptschule Schönau der Niedertracht hin, wie er es nennt. "Wenn man das lange spielt, kriegt man ja einen grauen Star", sagt der Lehrer, der schon graues Haar hat. Nach zehn Minuten Ego-Shooter habe er bei sich ein leichtes, angespanntes Kribbeln gespürt, beteuert Quast. Demnächst werde er sich bei seinen Schülern mal erkundigen, wer von ihnen solche Spiele spielt.
Vor einem anderen Bildschirme sitzt Tilo Fierravanti umringt von einer Gruppe Lehrern. Er berichtet aus der Welt der Ego-Shooter. Es gebe viele professionelle Ligen im Internet. "Damit die Leute in der obersten Liga mithalten können, müssen sie vier bis fünf Stunden am Tag trainieren", erzählt Fierravanti.
Eine Lehrerin schüttelt fassungslos den Kopf. Die Reaktion wirkt wie eine Mischung aus Abschätzigkeit und Verachtung. Kersti Stratz, die seit Jahren als Lehrerin und Schulsozialarbeiterin arbeitet, sagt, sie schüttle den Kopf über sich selbst. "Wenn ich so etwas höre, stelle ich mir sofort die Frage nach dem Sinn", erklärt sie. "Das hindert mich aber daran, mich in diese Spielwelt hineinzufühlen und die Gedanken der jugendlichen Spieler nachzuempfinden."
Dabei sei es Aufgabe der Pädagogen sich auch auf solche Sachen einzulassen, auch wenn sie sich beim Spielen gerade wie in einen Kriegsfilm hineinversetzt fühle. Mit Selbstkritik spart Kersti Stratz nicht: "Wir waren die faulen Ärsche in den letzten fünf bis sieben Jahren und haben nun das Ruder nicht mehr in der Hand." Nun die moralische Keule zu schwingen und auf die Jugend draufzuhauen, bringe Lehrer und Eltern um die Chance eines ernsthaften Dialogs mit den jungen Ego-Shooter-Spielern.
Martina Fischbach und Mechthild Regner haben ihr Killerkommando aufgelöst. Die Lehrerinnen haben sich von ihren zehn Toden nicht die Laune verderben lassen. Es hat ja auch nicht wehgetan. Am nächsten Tag gehen sie zum Paintballspielen. "Wenn ich schon hier bin, dann werde ich da auch eine Runde mitmachen", sagt Martina Fischbach. Dabei könnte es dann blaue Flecke geben und wehtun, wenn die anderen Lehrer auf sie schießen. "Mit meinen Schülern würde ich das natürlich nie machen."
- Stuttgart: Killerspiele in den Müll
- Deutschland: Schärfere Waffen gegen Killerspiele
Autor: Arne Bensiek
