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22. Januar 2011
Der Rabbi und die schwarzen Kassen
Jüdische Gemeinde Freiburgs trennt sich vom Landesrabbiner.
FREIBURG. Eklat in der jüdischen Gemeinde Freiburg: Rabbiner Benjamin Soussan, der auch Landesrabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden ist, sowie die Sekretärin der Gemeinde sind, wie jetzt bekannt wurde, Ende 2010 fristlos entlassen worden. Es geht um Bargeldentnahmen aus der Kasse, Überweisungen an Unbekannte in Algerien und einen Vorstand, der sich unter massiven Druck gesetzt sah.
Die Eskalation begann im Sommer 2010, als Mikahil Kats, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Freiburgs, nach Auseinandersetzungen mit dem Rabbiner zurücktrat. Jetzt erreichte sie mit dessen Entlassung sowie der der Gemeindesekretärin und Buchhalterin einen vorläufigen Höhepunkt. Ihr werfen die Vorstandsmitglieder Irina Katz und Mikhail Kimerling – beide vor Jahren aus der Ukraine eingewandert – anhand von Bankbelegen vor, in den vergangenen Jahren Bargeldbeträge von jeweils bis zu 1500 Euro an einen ihnen unbekannten Mann nach Algerien transferiert zu haben. Sie seien weder informiert worden noch kennten sie den Zweck oder hätten gar zugestimmt – das gelte auch für frühere Vorstände.Werbung
Dem Rabbiner wird vorgeworfen, er habe den Vorstand unter Druck gesetzt, die Kündigung rückgängig zu machen. Katz und Kimerling verfügen außerdem über beglaubigte Übersetzungen des Oberrabbinats Israels, das – wie auch die Europäische Rabbinerkonferenz – Soussan nicht als Rabbiner anerkennt. Dies hatte auch 1995 das Rabbinatsgericht in Zürich so entschieden.
Die Ära Soussan dürfte damit in Freiburg beendet sein, auch wenn laut Arbeitsgericht fraglich ist, ob die Kündigungen nach dem Vereinsrecht überhaupt rechtsverbindlich sind. Eine Entscheidung in dieser Sache wird Mitte Februar erwartet. In jedem Fall scheint das Vertrauensverhältnis zwischen Rabbiner und Gemeinde nachhaltig zerstört.
Zahlreiche Mitglieder der Gemeinde, von denen gut 90 Prozent ebenfalls aus der Ukraine oder der ehemaligen Sowjetunion stammen, haben geäußert, dass sie die Entscheidung des Vorstands begrüßen – als Befreiung von einem Druck, der all die Jahre auf ihnen gelastet habe. Sie fühlten sich vom Rabbiner arrogant behandelt, häufig falsch informiert und auch in Glaubensfragen nicht unterstützt.
Man erhofft sich für die Zukunft eine gründlichere Einführung in das Judentum, die Soussan nicht habe bieten können, und eine transparente Geschäftsführung des Vorstandes der Gemeinde als die Körperschaft öffentlichen Rechts, die sie von Amts wegen ist. Schon jetzt sei die Stimmung unter den Mitgliedern weit besser als je zuvor. Oder wie es einer formuliert: "Die Luft ist nicht mehr so dick."
Autor: Mechthild Blum
