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10. Dezember 2016 12:09 Uhr

Freiburg

Der Stühlinger Kirchplatz ist das Symbol der Probleme der Stadt

Der Stühlinger Kirchplatz in Freiburg ist eine Oase in der Großstadt. Ruhig und grün, doch wenn es dunkel wird, trauen sich viele nicht mehr dorthin. Eine Reportage über einen Park und seine Probleme.

  1. Der Stühlinger Kirchplatz: Hier kulminiert manches, was der Stadt Freiburg derzeit zu schaffen macht. Foto: Thomas Kunz

"Sssst, sssst", zischt einer der beiden Männer, die am Treppenturm zur Stadtbahnbrücke stehen. Einer links, einer rechts, wie ein Spalier. Noch einmal macht es "ssssst, ssssst". Das Signal für Drogenkäufer. Es ist ein eisiger Dezemberabend am Stühlinger Kirchplatz in Freiburg. Der ist jetzt, gegen 21 Uhr, fast leer. Keine Polizei, keine Passanten – nur die Waren-in-Tütchen-Anbieter und ihr Zischen im Dunkeln. Nicht wenige Freiburger – auch langjährige Anwohner – sehen diesen Ort, wenn der Abend kommt, als No-go-Area an.

Andere halten diese Beschreibung einer Breisgau-Bronx für maßlos übertrieben. Doch der Kirchplatz ist über die Stadt hinaus zum Symbol für Freiburgs Problem geworden. Motto: Jeder sieht mit bloßem Auge, was hier los ist, und trotzdem kriegen Polizei und die Stadt die Sache nicht geregelt. (Hintergrund: Gambier dominieren den Marihuana-Markt in Freiburg)

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Besser in der Gruppe gehen

Nach ein paar Erfolgen in der ersten Jahreshälfte wurde die Lage zuletzt wieder deutlich schlechter. Das Unbehagen und die Angst bei vielen sind nicht weg. Die 18-jährige Chiara L., die im Stadtteil wohnt, meidet den Platz – genau wie ihr Freund. "Ich finde es überhaupt kritisch, abends in Freiburg rumzulaufen", so die Studentin. Wenn sie hier abends heimgeht, telefoniert sie sicherheitshalber oder geht in der Gruppe.
Gefährliches Freiburg?

Es war das Thema der Fernsehdebatten dieser Woche und auch der Zeitungen: Was ist los in Freiburg, der Stadt, die bekannt ist für Lebensfreude, Liberalität und schönes Wetter? Und betrifft das alles bloß Freiburg? Nach dem gewaltsamen Tod einer Studentin, der Festnahme eines minderjährigen Flüchtlings und einem ungelösten Fall in der Region sitzt die Verunsicherung tief – und wirft die Frage auf, was sich ändern kann und ändern muss, damit eine Gesellschaft sich sicher fühlt. In loser Folge nimmt sich die Badische Zeitung der Frage an. Heute: Ein Brennpunkt in Freiburg, der Stühlinger Kirchplatz.

Ist der Stühlinger Kirchplatz eine No-go-Area, Herr Oberbürgermeister? "Nein, auf gar keinen Fall", sagt Dieter Salomon am Telefon. Er sitzt im Auto, ist auf dem Weg zum Flughafen und zur ZDF-Sendung von Maybrit Illner. Dort diskutiert er über den Mordfall Maria L., über die Flüchtlinge und die Lage in Freiburg. Freiburg, die Stadt der Verbrecher, die Kriminalitätshochburg – solche düsteren Schlagzeilen über die Green City gibt es längst in allen überregionalen Medien.

Die Müllabführ sammelt Spritzen ein

Manches davon hält nicht nur der OB für überzeichnet. "Es ist doch gerade auf dem Stühlinger Kirchplatz vieles besser geworden", sagt er und verweist auf Rückmeldungen bei Bürgergesprächen. Es gibt, sagen auch die Anwohner, Lichtblicke. Vor einem Jahr tauschte die Stadt die alten schummrigen Lampen gegen hellere aus, ließ Hecken stutzen, damit es weniger dunkle Ecken gibt. Vor den angrenzenden Schulen installierte sie Bewegungsmelder, die Müllabfuhr hat von zweimal wöchentlich auf täglich umgestellt. Zwei Mann sammeln morgens weggeworfene Spritzen ein, bevor die Schulkinder kommen.

Und vor der Hansjakob-Realschule und der Hebelschule, die auch Grundschüler besuchen, patrouilliert ein Sicherheitsdienst. Die Security war erst nur für zwei Tage pro Woche vorgesehen, wurde aber schnell auf fünf Tage aufgestockt. Auch die Polizei zeigte deutlich mehr Präsenz.

Das Sicherheitspaket hatte vor einem Jahr das OB-Büro durchgesetzt. Davor hatten sich jahrelang, man glaubt es kaum, diverse Ämter und städtische Tochterfirmen, die mit dem Platz zu tun haben, gegenseitig blockiert. Erst mit Befehl von oben kam ein neues Konzept. Das lief gut. Doch im Herbst waren die Erfolge erst einmal wieder passé, als die Polizei ihre Präsenz mangels Personal zurückschraubte.

Vor zwei Jahren war die Lage auf dem Kirchplatz schlechter

Dass das Konzept fruchtet, zeigt der Blick in die Polizeiberichte. Der Kirchplatz taucht 2016 nur achtmal auf. Viermal geht es um Drogendelikte, viermal um Körperverletzungen. Vor zwei Jahren sah das schlechter aus. Damals kämpfte die Polizei mit einer Reihe von Intensivtätern, die aus dem nordafrikanischen Straßenmilieu stammten und als Minderjährige nach Freiburg kamen.

Es gab nach einer Serie von Überfällen etliche Verurteilungen mit Haftstrafen. Das wirkte. Doch das schuf eine Lücke im Drogengeschäft. Die füllen nun Flüchtlinge aus Gambia. (Hintergrund: Warum viele Flüchtlinge aus Gambia nach Südbaden kommen) Sie kommen aus der ganzen Region zum Kirchplatz, er ist ihr Treffpunkt. Bei Weitem nicht alle sind Dealer, natürlich nicht. Doch deren Geschäft läuft. Wer sich oben auf die Wentzingerstraße stellt, kann am helllichten Tag zuschauen, wie Käufer und Verkäufer ihre Deals machen.

Landesinnenstaatssekretär Jäger kam nach Freiburg

Ziemlich lässig, ungestört und offen. Führt man eine Strichliste, füllt sich der Zettel schnell. Die Polizei kennt die Lage, sie ist ja nicht blind. Polizeipräsident Bernhard Rotzinger freut sich, dass er vom Innenministerium 25 Leute zusätzlich bekommen hat. Sie sollen an Brennpunkten eingesetzt werden. Vorige Woche hat Rotzinger dem Innenstaatssekretär Martin Jäger bei dessen Freiburg-Visite den Kirchplatz gezeigt.

Rotzinger und Kollegen kamen in Uniform. Schlagartig war es leer in einer bestimmten Ecke. "Das funktioniert wie kommunizierende Röhren", sagt der Präsident. Kommt die Polizei, gehen die Dealer. Geht die Polizei, sind die Dealer wieder da. Und doch ist manches nun anders. Der Polizeichef nennt die Rauschgiftermittlungsgruppe, die Zusatzkräfte und ein Intensivtäterprogramm. Die Herkunft der Täter spiele keine Rolle.

"Wenn es Gambier sind, sind es Gambier", sagt Rotzinger, "und wenn es Kaiserstühler sind, sind es Kaiserstühler." Er sagt aber auch, dass die Gewaltstraftaten auf dem Platz zurückgegangen sind. Die Raubüberfälle, die am Sicherheitsgefühl nagen, gebe es nachts jetzt vermehrt auf den Zu- und Abwegen zur Innenstadt.

Die Gambier gegen ihre Vorgänger aus Nordafrika

Dass diese These stimmt, zeigt ein weiterer Blick in die Polizeimeldungen. In der Umgebung des Kirchplatzes gab es in diesem Jahr vier Raubüberfälle und vier versuchte Raube. Es gab Schlägereien, die auf Revierkämpfe am Platz hindeuten: die Männer aus Gambia gegen ihre Vorgänger aus Nordafrika. Und es gab jüngst die sexuelle Belästigung zweier Frauen. Die Problemverlagerung macht wiederum eine andere Grünanlage zum Hotspot: Im noch zentraleren Colombipark hat es 2016 zwei Schlägereien, fünf Raubüberfälle und eine heftige Messerattacke mit schwerverletztem Opfer gegeben.

Im Stühlinger bleiben die Stadtteilbewohner auf der Hut. Der Platz sei für sie abends tabu, sagt eine Anwohnerin. Morgens bringt sie ihr Kind zur Hebelschule. Andere Eltern haben organisiert, dass ihre Kinder den Schulweg in größeren Gruppen antreten, "Walking Bus", der laufende Bus, nennt sich das. Viele Eltern sind der Empfehlung der Schule gefolgt und haben die Nummer vom Polizeirevier im Handy gespeichert. "Die Polizei kommt immer sofort, wenn es ein Problem gibt. Das klappt gut", sagt die Mutter.

Security an Schulen kommt zurück

Wer auch wiederkommen soll, ist der Sicherheitsdienst an den Schulen. Denn seit den Sommerferien ist die Security weg. Ein städtisches Amt hat den Auftrag storniert – ohne Rücksprache mit dem Oberbürgermeister. Der war über die Panne entsprechend sauer, als er das jetzt erfahren hat. Die Sicherheitsleute kommen zurück, nun auf Dauer, verspricht Dieter Salomon.

Edith Straub, die Leiterin der Hansjakob-Schule, freut sich über diese Zusage. Auch die Direktorin berichtet, dass vieles besser geworden ist. "Aber wir wollen nicht, dass die Schüler den Eindruck haben, dass man sich direkt vor der Schule alles erlauben kann und ganz Freiburg guckt zu." Schulleiterin Straub geht übrigens auch dann über den Platz, wenn es dunkel ist.

Das ist ganz im Sinne von Gabi Rolland. Die SPD-Landtagsabgeordnete wohnt ums Eck und leitet seit 2004 einen runden Tisch, der sich um den Kirchplatz kümmert. Beim Rundgang an einem sonnigen Nachmittag wiederholt sie, wofür sie seit Jahren kämpft: Der Platz soll ein Platz für alle werden – eine Go-Area sozusagen. An diesem Tag ist trotz Kälte viel los, junge Mütter mit Kinderwagen, Studentinnen auf den Kirchenstufen beim Essen.

Ist die Polizei weg, kommen die Gambier zurück

Eine Fußstreife – ein Polizist und eine Polizistin – patrouilliert quer durch die Anlage. Kaum sind die Uniformierten unter der Stadtbahnbrücke aus dem Sichtfeld verschwunden, kommen zwei junge Gambier und setzen sich auf eine Bank. Die kommunizierende Röhre eben. Fünf Minuten später kommen die Polizisten mit dem Streifenwagen zurück. Sie halten an der Bank, kontrollieren die Männer, suchen deren Taschen ab, prüfen die Dokumente. Dann fahren sie weiter.

"Immer nur Kontrolle, Kontrolle", stöhnt Ibou (28). Er zeigt auf die andere Seite. Die Araber da drüben würden nie kontrolliert. Immer nur die Gambier! "Wir sind in Ordnung, wir handeln nicht mit Drogen." Doch schnell bessert sich seine Laune. In drei Wochen werde er Vater, seine Frau in Bremen erwarte ein Kind, erzählt er und strahlt. "Das können wir jetzt glauben oder nicht", meint Gabi Rolland im Weggehen.

Gastronomie unter der Stadtbahnbrücke?

Sie hofft, dass der Platz mehr für Veranstaltungen genutzt wird. Und sie findet die Idee der Stadtverwaltung gut, unter der Stadtbahnbrücke eine kleine Gastronomie anzusiedeln. Es gibt da auch schon Ansätze. Gabi Rolland hat auf dem Handy ein Filmchen gespeichert: Menschen, die mit großen leuchtenden Kopfhörern, auf dem Stühlinger Kirchplatz tanzen – jeder zu seiner eigenen Musik.

Die "stille Disko" veranstaltet ein Australier, der sein Equipment mit einem Lastenfahrrad und zwei Anhängern transportiert. "Wir sollten öfter so eine Party machen", sagt die Sozialdemokratin. So könne man sich den Platz zurückerobern. Ganz leise. Den Jungs, die sonst zu der Zeit unter der Brücke "sssst, sssst" raunen, sagt sie, habe das Tanzen so ganz und gar nicht gepasst.
Ein besonderer Platz

An der Rückseite des Freiburger Hauptbahnhofs im Westen liegt der Stühlinger Kirchplatz, in dessen Mitte die katholische Herz-Jesu-Kirche steht. Das Areal ist etwa vier Fußballfelder groß. Direkt an den Platz grenzen die Hansjakob-Schule und die Hebelschule. Vor zweieinhalb Jahren geriet der Platz in die Schlagzeilen, als es dort und ringsum eine Reihe von Raubüberfällen gab.

Als Täter hatte die Polizei eine Gruppe unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge ausgemacht, die sich täglich auf dem Platz trafen. Die meisten stammten aus Nordafrika. Zuletzt gab es weniger Gewalttaten auf dem Platz; es gibt jedoch an dieser Stelle weiter eine Dealerszene, die von jungen Männern aus Gambia dominiert wird.

Die Stadt Freiburg und das Land planen fürs kommende Jahr ein landesweites Pilotprojekt für eine Sicherheitspartnerschaft. In der Stadtverwaltung will man sich mit einer dezernats- und ämterübergreifenden Projektgruppe besser beim Thema Sicherheit aufstellen.

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Autor: Joachim Röderer, unter Mitarbeit von Sara Bogenschütz