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14. Mai 2011
Die Pforte des Himmels
Vor 850 Jahren wurde das Kloster Tennenbach gegründet. Von der einst mächtigen Abtei steht heute nur noch eine Kapelle.
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O-Initiale des Tennenbacher Güterbuchs Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe
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Das Kloster Tennenbach um 1790 auf einer Zeichnung des Emmendinger Heimatforschers Ludwig Köllhofer
Arbeitskreis für Heimatkunde Emmendingen Foto: Arbeitskreis für Heimatkunde -
Die frühgotische Kapelle im Tennenbachtal ist der letzte Rest des einstigen Klosters. Foto: hans-jürgen truöl
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Und führt sie in Versuchung: Marienvision Hugo von Tennenbachs im Fresko der Abtei Fürstenfeld Foto: Stahmann
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Wettinger Kreuz Bregenz_Mehrerau Foto: www.tretterfotografie.com Voralberger Landesmuseum_www.vlm.at
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Szene auf dem „Staufener Altar“, links das Wettinger Vortragekreuz Foto: Christian stahmann (2)
Ein kleines Kirchlein in einem weiten grünen Tal – mehr scheint nicht übrig zu sein von dem mächtigen Kloster Tennenbach, das hier vor 850 Jahren gebaut wurde. Die Anlage bei Emmendingen, zwischen 1158 und 1161 gegründet, zählte einst zu den bedeutendsten im südwestdeutschen Raum. Leider existiert bis heute auch keine umfassende Geschichte, die einen guten Überblick bis zur Auflösung im Jahr 1806 geben könnte. Doch wer sich anlässlich des Klosterjubiläums gen Tennenbach aufmacht, nach Spuren zu suchen, kann trotzdem vielfältige Entdeckungen machen.
Südlich des Stadtkerns von Emmendingen verbindet ein Kreisverkehr mit auffallendem Sandsteinarrangement die Verkehrswege zwischen City und den Vorbergen des Schwarzwalds. Nach Maleck geht es gemächlich bergauf bis zur Waldgrenze. Dort weist ein Hinweisschild links ab auf ein mittelstreifenloses Kreissträßchen: "4 km EM-Tennenbach". In Serpentinen zieht es sich durch dichten Laubwald, erst steil ansteigend mit Tiefblicken in die Breisgauer Bucht, dann einen Bergrücken entlang, bis es genauso steil wieder talabwärts führt. Die Waldhänge öffnen sich, der Blick wird frei auf einen gerodeten Talkessel. Rechts liegt erhöht das Gasthaus Engel; unterhalb an einem kleinen Bergsporn gelehnt, wird eine weiß getünchte Kapelle sichtbar. Zwei Bänke vor dem Kirchlein laden zur Rast ein. Hier soll also das berühmte Tennenbacher Kloster gelegen haben.
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Das frühgotische Gotteshaus erinnert in seiner Schlichtheit an die Prinzipien der zisterziensischen Architektur, und die kantigen Sandsteinquader mit ihren wiederkehrenden Steinmetzzeichen stammen sicher aus der Umgebung. Nicht nur Heimbach war berühmt für seine Steinbrüche, auch rund um das Tennenbacher Tal wurde Material für das Freiburger Münster und andere lokale Prestigebauten gewonnen. Doch irgendetwas stört die Ästhetik: Die Westfront wirkt wie ein Fragment – als wäre die Kapelle in einen längeren Vorbau gemündet. In diese Fassade sind Grabplatten aus dem 18. Jahrhundert eingelassen, die eine vergessene Klostergeschichte erahnen lassen. Über dem Eingangsportal ist die Jahreszahl 1721 zu lesen, zur Erinnerung an eine der letzten Renovierungen. Hier, wo in satten Feuchtwiesen Grillen zirpen, fließen das Aubächle und der Tennenbach zusammen. Die Hinweistafel vor der Kapelle lässt den Betrachter abtauchen ins 18. Jahrhundert, als dem Klosterkomplex nach einem Brand 1724 eine barocke Optik verliehen wurde. Der Lageplan zeigt im Zentrum den Kreuzgang und die langgestreckten Aufenthaltsräume der Mönche, daran angelehnt schließt die Klosterkirche den Komplex ab, ferner werden der Friedhof, das Tor gen Westen, Gartenanlagen, Ökonomiegebäude und die alles umfassende Klostermauer sichtbar. Auch diese Kapelle ist eingezeichnet. Sie hat als einziges Gebäude den Abbruch der Abtei nach der Säkularisation 1806 überstanden. Aber welche Funktion hatte sie?
"In honorem Sanctissimae Virginis Mariae hoc sacellum restauravit" ("Zu Ehren der gebenedeiten Jungfrau Maria ist diese Kapelle renoviert worden") ist in den Sandstein der Westfront eingraviert. Es gilt heute als sicher, dass diese Marienkapelle mittelalterlicher Bestandteil des klösterlichen Krankentraktes war, wie er in allen zisterziensischen Klöstern anzutreffen war. Das so genannte Infirmarium lag süd- oder nordöstlich vom Klausurkomplex, um den hygienischen Anforderungen zu entsprechen. Alte, Kranke und Gäste wurden in diesem separaten Gebäude untergebracht. Auf diese Weise wird die Lage der heutigen Kapelle verständlich und die merkwürdige Westfassade lässt sich erklären: Wo heute Besucher parken, ragte im Mittelalter ein lang gestrecktes Krankengebäude auf, dessen sakraler Abschluss als Einziger die Jahrhunderte überdauerte.
Einfacher als die funktionale Bestimmung ist die zeitliche. Die typisch gotischen Bögen verweisen auf das 13. Jahrhundert.
Und tatsächlich – das Gebäude und die Kapelle werden bereits in dieser Zeit erwähnt. In der mittelalterlichen Vita des seligen Hugo von Tennenbach wird erzählt, wie der Mönch seine letzten Stunden im Krankensaal des Konvents verbringt und dort die letzte Ölung empfängt. Sein Tod ist auf das Jahr 1270 datierbar. Das Original dieses Textes ist leider verschollen, aber die Universitätsbibliothek Heidelberg bewahrt einen Codex aus der Reichsabtei Salem auf, in dem neben vielen anderen Heiligenlegenden auch die Lebensgeschichte Hugos enthalten ist. Als Verfasser ist ein Schreiber anzunehmen, der sich Gottfried von Freiburg nannte, und im 13. Jahrhundert für die Abfassung von Urkunden im Breisgau verantwortlich war. Später ist dieser Gottfried dem Kloster Tennenbach beigetreten, hat das Ende Hugos erlebt und wohl im Auftrag des Abtes Heinrich von Falkenstein (1260 bis 1279) später die Biographie verfasst.
Es wird deutlich, dass die Spurensuche im Tennenbachtal bald an Grenzen stößt, und in den großen badischen Bibliotheken fortgesetzt werden muss. Die wichtigsten Handschriften für die Klostergeschichte lagern seit der Säkularisation im Karlsruher Generallandesarchiv und in der Badischen Landesbibliothek. Himmelspforte, Porta Coeli, war der offizielle, klangvolle Name der um 1161 gegründeten Abtei. Die sehr wahrscheinlich gefälschte und im 13. Jahrhundert verfasste Gründungsurkunde erzählt von zwölf Mönchen unter der Leitung des Abtes Hesso, welche vom schweizerischen Frienisberg an den Tennenbach kamen und gemäß der zisterziensischen Vorschriften das Tal urbar machten. Vielleicht spiegelt das manipulierte Gründungsdokument die kirchenpolitischen Spannungen zwischen den Vertretern des Klosters, dem Zähringer Hof und lokalen Adelsgrößen im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts wider. Jedenfalls durchzieht auch die Biographie des seligen Hugo der Dauerkonflikt mit dem Haus Zähringen und den Zisterziensern wie ein roter Faden. Wichtig war in jeden Fall neben den genauen juristischen Regelungen auch eine sakrale Grundsteinlegung des Klosters. Dafür kamen nur Adelheid von Teningen und Hugo von Tennenbach in Frage. Adelheid lebte nach dem Tennenbacher Totenbuch im verschwundenen Weiler Aspen oberhalb von Landeck als Klausnerin. Hugo begann seine Wirksamkeit unter Graf Berthold von Zähringen in Freiburg, bis er auf dem Wöpplinsberg antoninischen Versuchungen ausgesetzt wurde und nach Jahren des Offenbarungsempfangs ins Kloster eintrat. Über die Grenzen des Breisgaus hinweg sind seine Visionen im weit gespannten Kommunikationsnetz der Zisterzienser erzählt und jahrhundertelang überliefert worden. Besonders eindrücklich wird eine seiner Offenbarungen in dem barocken Deckengemälde des Cosmas Damian Asam in der Zisterzienserabtei Fürstenfeldbruck dargestellt. Der Künstler hält den Augenblick der berühmten Marienvision fest, als die Mönche im Tennenbacher Konvent zum Essen beieinander sitzen und der lesende Hugo in Trance Maria sieht, wie sie aus einem Gefäß versüßende Speise kredenzt. Ein kunstgeschichtliches Zeugnis dafür, dass im Talkessel von Tennenbach nicht nur mittelalterliche Wirtschaftsgeschichte geschrieben, sondern auch überregionale spirituelle Impulse gesetzt wurden.
Immer noch zählt das Tennenbacher Güterbuch zu den wichtigsten Quellen der Klostergeschichte. Zwischen 1317 und 1341 entstanden, umfasst die gedruckte Ausgabe fast 700 Seiten. Von A wie Adelshausen bis Z wie Zähringen werden Besitzungen, Rechtsverpflichtungen, Abgaben oder Verträge aufgeführt, die von Friesenheim in der Ortenau bis nach Bad Bellingen im Markgräflerland reichen. Der Text dieser Handschrift wird von wunderschönen Miniaturen verziert und ist in lateinischer wie deutscher Sprache verfasst. Der Inhalt bietet eine nahezu unübertroffene Landkarte für die südbadische Rechtsgeschichte im 14. Jahrhundert.
Um einen Eindruck vom damaligen Reichtum zu gewinnen, kann die Spurensuche am Bodensee fortgesetzt werden. Im Kloster Wettingen-Mehrerau endete die Odyssee des mit 169 Edelsteinen besetzten vergoldeten Altarkreuzes aus Tennenbach, dessen Datierung auf die Jahre zwischen 1280 und 1290 fällt. Mitte des 19. Jahrhundert jedoch wurde das Prunkkreuz veräußert und gelangte in den Vatikan, bis es 1964 dem "alten" Besitzer ausgehändigt wurde. Eine echte Reise ist notwendig, um das vergoldete Ziborium des Abtes Johannes Zenlin in Augenschein zu nehmen. Dieses kostbare Eucharistiebehältnis gelangte auf abenteuerlichen Wegen 1998 in den Besitz des Nürnberger Germanischen Nationalmuseums. Auf der Unterseite des Deckelrandes hat sich Abt Johannes Zenlin als Stifter eingravieren lassen, Teile des Güterbuchs sind von ihm verfasst.
Aber man muss nicht den Breisgau verlassen, um Spuren des Klosters Tennenbach zu finden. Auf die Überreste des einstmaligen Marienhochaltars stößt man im Freiburger Augustinermuseum. Unter der irritierenden Bezeichnung "Staufener Altar" geben dort acht Tafeln mit Marienszenen und drei weitere Passionstafeln einen Einblick in die sakrale Geschichte der Zisterzienser. Nach der Auflösung des Klosters kamen die um 1440 angefertigten Szenen unter ungeklärten Umständen in den Besitz des Staufener Pfarrers Peter Zureich und wurden deshalb der dortigen Pfarrkirche zugeschrieben.
Wer zu Fuß nach Tennenbacher Spuren suchen möchte, den führt ein wunderschöner Wanderweg von Emmendingen ins Tennenbacher Tal. Von der St. Bonifatius-Kirche aus schlängelt sich der Weg hinauf zur Gebrannten Eiche, linker Hand liegt der Wöpplinsberg mit seiner verschwundenen Pfarrkirche, die zur Zeit der Tennenbacher Blüte fest im Griff der Benediktiner aus Schuttern war. Der Wanderer kann nur erahnen, dass neben dem untergegangenen Eichberghof die im Tennenbacher Güterbuch erwähnten Hofgüter Studen, Corben und Laber den Weg zum Kloster säumten.
Bis hinauf nach Landeck war der Wald ein kulturell erschlossener Lebensraum und zum Teil mit einer wechselvollen spirituellen Geschichte aufgeladen – wie die mittelalterlichen Erwähnungen von Klausnerninnen auf dem Wöpplinsberg vermuten lassen und die rekonstruierte Einsiedelei unterhalb des Gasthauses "Stilzer Fritz" sichtbar macht.
Auch unter wissenschaftlichen Aspekten ist eine Intensivierung der Spurensuche reizvoll. Weil der Abbruch des Gebäudekomplexes im 19. Jahrhundert die historische Rekonstruktion der unterschiedlichen Bauphasen erschwert, wäre es spannend zu erfahren, welche Bausubstanz sich unter der Grasnarbe um Aubächle und Tennenbach verbirgt. Eine geomagnetische Prospektion könnte ungeahnte Tiefblicke eröffnen. Mit Hilfe der kaum erschlossenen Sakralgeschichte ließen sich die offenen Fragen zu den verschiedenen Bauetappen präzisieren. Auch eine Analyse der Handschriften in der Badischen Landesbibliothek ist lohnenswert, findet sich doch dort eine summarische Notiz aus dem Jahr 1450, in der 19 Altäre in Tennenbach aufgelistet werden. Neben der Krankenkapelle existierte eine bereits im Bauernkrieg zerstörte Torkapelle – sie wurde im 14. Jahrhundert von der Familie des Minnesängers Bruno von Hornberg reichlich ausgestattet. Besonders stolz waren die Mönche auf die Auflistung von 672 Reliquien und Heiligenpartikeln. Der Wert dieses Schatzes gewinnt im Vergleich mit Auflistungen aus der Reichsabtei Salem Gestalt. Der einflussreiche Konvent am Bodensee, seit 1180 Mutterkloster von Tennenbach, gibt für das 13. Jahrhundert die Zahl von 374 Reliquien an.
Der Autor: Christian Stahmann ist evangelischer Pfarrer in Emmendingen-Mundingen. Der promovierte Theologe arbeitet aber auch an einem Habil-Projekt über protestantische Kirche und Orientalistik im 19. Jahrhundert und forscht zur Regionalgeschichte. Im Jahrbuch des Kreises Emmendingen erschien 2010 ein 40-seitiger Aufsatz über Hugo von Tennenbach.
Das Kolloquium: "850 Jahre Zisterzienserkloster Tennenbach" lautet der Titel einer Tagung, die die Historischen Seminare der Universitäten Freiburg und Gießen und die Stadt Emmendingen aus Anlass des 850. Klosterjubiläums von 20. bis 22. Mai veranstaltet. Detailliertes Programm unter: http://www.emmendingen.de
Der Tennenbachtag: Nach Spuren des Klosters suchen kann man am Sonntag, 22. Mai. Nach einem Gottesdienst bei der Kapelle (10 Uhr) gibt es Führungen .
Autor: Christian Stahmann


