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22. Juni 2017

Schrottreaktor

Die Überwachungskommission Fessenheim kann die Akw-Gegner nicht beruhigen

Seit Ewigkeiten sind die Fronten verhärtet. Auf der einen Seite die Befürworter der Atomkraft. Auf der anderen Seite ihre Gegner. An diesem Abend treffen sie sich, Deutsche wie Franzosen, in der Mehrzweckhalle von Fessenheim.

  1. Ein Aktivist demonstriert im März für die Schließung des Atomkraftwerks in Fessenheim. Foto: archivfoto: AFP

Einen bitteren Ton schlägt so mancher an, der die Gelegenheit nutzt, bei dieser zweiten öffentlichen Sitzung der Überwachungskommission des Akw (Clis) endlich einmal persönlich nachzubohren. "Ich bin französischer Bürger, ich finanziere EdF und habe ein Recht auf eine Antwort", beginnt ein Mann.

Die Stimmung ist also nicht nur wegen der hochsommerlichen Temperaturen aufgeheizt. Seit genau 40 Jahren ist das Atomkraftwerk in Betrieb. Fast 50 Millionen Euro Steuern pro Jahr fließen in die Kassen von Region und Kommune. Das Akw steht in den Augen etlicher Elsässer für 1200 direkte Arbeitsplätze, Wohlstand und soziale Sicherheit. Wer würde da nicht wie die Akw-Gewerkschafter – auch sie sitzen im Publikum, nachdem sie ihre Protestbanner eingerollt haben – am Status quo festhalten wollen?

Was aber ist mit der Sicherheit? Viel ist die Rede von Kontrollen und Investitionen, die in Zukunft noch mehr Sicherheit versprechen sollen. Akw-Direktor Marc Simon-Jean lässt einen Marketingfilm abspielen. Unterlegt ist er mit grotesk harmloser Musik. Bilder sind zu sehen von Menschen in Sicherheitsanzügen und mit Schutzbrillen sowie von einem sehr aufgeräumten Akw-Gelände. Dabei ist die Abschaltung von Fessenheim doch längst beschlossen. Die ehemalige Umweltministerin Ségolène Royal hatte noch kurz vor der Präsidentschaftswahl Ende April die Stilllegung verfügt. Die neue Regierung hält allem Anschein nach an den Plänen fest. Marc Simon-Jean aber trägt seine Jahresbilanz vor, gut eine Stunde, als gebe es Royals Dekret nicht. Die Wahrheit hinter der glänzenden Fassade sieht wie so oft komplexer aus. Vor allem: Sie verunsichert.

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Aufgeheizte Atmosphäre

in der Mehrzweckhalle

Pierre Bois, Chef der Straßburger Abordnung der französischen Atomaufsicht (ASN) greift zum Mikrofon. Bois, ein jugendlicher Mann in Jeans und Hemd, durchschreitet während seines Vortrags den vorderen Bereich des Saals. Was er zu sagen hat, sollte wirklich niemandem Grund zur Entspannung geben. Der Skandal um Schlampereien bei der Herstellung von Reaktorteilen in der französischen Schmiede von Le Creusot beschäftigt die Atomkontrolleure seit zwei Jahren. "In fast allen der 91 aufgedeckten Fälle", sagt Bois, "konnten wir aufgrund der Unterlagen Sicherheitsrisikenausschließen." In allen, bis auf eine Ausnahme: Fessenheim 2.

Das ist der Grund, warum dieser Reaktor seit einem Jahr stillsteht. Sorge bereitet einer von drei Dampferzeugern. Als er 2008 in Le Creusot geschmiedet wurde, ließ man entgegen den Vorgaben die minderwertigen Randbereiche mit höherem Kohlenstoffgehalt stehen. Zu viel Kohlenstoff macht Reaktorstahl brüchig, vermindert also die Belastbarkeit. "Man hätte das Werkstück ausmustern müssen", sagt Bois. Warum dies nicht geschehen sei? "Wir wissen, dass in Creusot häufig am Limit gearbeitet wurde", berichtet der Atomkontrolleur weiter und verweigert eine Prognose, wann Block 2 wieder in Betrieb gehe. Darüber hinaus hat sein Arbeitgeber auch die Dampfgeneratoren des anderen Reaktors nach dem Skandal in Creusot überprüfen lassen. Produziert wurden sie in Japan, einen erhöhten Kohlenstoffgehalt fand man dennoch. Wirklich bedenklich fand die französische Atomaufsicht diese Werte offenbar nicht.

Block 1 läuft seit Dezember 2016 wieder, allerdings unter drastischen Auflagen. Ein Vertreter der Umweltverbände spricht aus, was so mancher im Publikum denken dürfte: "Es wäre weise", schlägt Gilles Barthes vor, "beide Reaktoren so schnell wie möglich abzuschalten." Die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer will wissen, was geschehe, wenn Fessenheim 2 noch weitere Monate abgeschaltet bleibe – wohl wissend, dass nach zwei Jahren Stillstand in Frankreich ein Reaktor eigentlich als stillgelegt gilt. EdF müsse dann formell eine Verlängerung der Betriebsgenehmigung beantragen, erklärt man ihr. Pierre Bois gibt eine spürbar um Neutralität bemühte Antwort: "So lange nicht alle Zweifel ausgeräumt sind, bleibt der Reaktor abgeschaltet."

Autor: Bärbel Nückles