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14. September 2017

"Ein Hauch von Wehmut"

28 000 Flüchtlinge wurden innerhalb von drei Jahren in der Erstaufnahmestelle Meßstetten aufgenommen – jetzt schließt die Einrichtung.

  1. In der Kantine ist die kommende Leere bereits sichtbar. Foto: dpa

MEßSTETTEN (dpa). Das Bild hat Symbolcharakter. Es ist der Blick in die Kantine der Landeserstaufnahme für Flüchtlinge in Meßstetten: Die langen Tischreihen sind verwaist, ein paar junge Afrikaner stellen die letzten Stühle auf die Tische. Langsam und bedächtig verrichten sie ihre Arbeit. Das Mahl ist beendet, der Raum ist leer. "Hier war schon mal mehr los", sagt Utz Remlinger, der Vize-Regierungspräsident aus Tübingen. Nach drei Jahren schließt die Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) Ende September ihre Pforten.

Der junge Schwarze, der im Speisesaal aufräumt, heißt Collins. Er ist erst seit ein paar Monaten in Meßstetten, Deutsch spricht er nicht, Englisch nur sehr gebrochen. Seine Miene ist ernst, er trägt dünne Plastikhandschuhe bei der Arbeit. 26 Jahre sei er alt, er komme aus Nigeria, er sei Christ, erzählt er schließlich. "Ja, ich weiß, dass ich das Lager bald verlassen muss. Nein, ich weiß nicht, wo ich hinkomme." Er habe nur einen einzigen Wunsch. "Ich will arbeiten."

Es waren bewegte Jahre in Meßstetten. Jahre, die nicht nur den kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb veränderten, sondern ganz Deutschland. Im Oktober 2014 wurde die Landeserstaufnahmeeinrichtung eröffnet. Ausgerichtet war sie auf 1000 Menschen. In den dramatischen Tagen, als im Spätsommer 2015 Tausende Flüchtlinge täglich nach Deutschland strömten, waren zeitweise mehr als 3500 Menschen dort untergebracht.

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"Zentimeter an Zentimeter lagen sie damals in ihren Faltbetten", erinnert sich Remlinger. Wo derart viele Menschen auf engsten Raum leben, breiten sich rasch Aggressionen aus, weiß Remlinger. "Da würde es bei Deutschen öfter krachen."

Spätsommer 2015 – "Willkommenskultur" auf der einen, wütender Protest und Fremdenhass auf der anderen Seite. Ausgerechnet im ländlichen Meßstetten verlief die Aufnahme von Flüchtlingen weitgehend reibungslos. 3500 Flüchtlinge auf 10 000 Einwohner – das klingt, als seien Spannungen programmiert. Warum verlief es in Meßstetten anders?

Andreas Binder, Chef der Einrichtung, hat einen Teil der Antwort parat. Die meisten Flüchtlinge seien aus Bürgerkriegsgebieten in Syrien, dem Irak, Afghanistan und Somalia gekommen und hätten somit gute Chancen gehabt, Schutz zu finden. Man habe gezielt darauf geachtet, dass keine alleinreisenden jungen Männer aus dem Maghreb nach Meßstetten kamen, die letztlich keine Chance auf Asyl hätten. Auch Remlinger spricht von einer "klugen Vereinbarung".

Bürgermeister Frank Schroft sieht noch einen weiteren Grund: "Die Ehrenamtlichen waren der soziale Kitt" zwischen den Flüchtlingen und der Bevölkerung. 250 Helfer hätten sich spontan gemeldet, als die Unterkunft eröffnet worden sei. Kinderbetreuung, Deutschunterricht – sie haben geholfen, wo sie konnten, wie Binder erzählt. Jetzt, da die Einrichtung schließt, habe er bei manchen Helfern einen Hauch von Wehmut bemerkt.

Zwar räumt auch der Bürgermeister ein, dass es anfangs durchaus auch Ängste und Vorbehalte in der Bevölkerung gab. "Es gab auch viele, die nicht einverstanden waren mit der LEA." Doch außer einer größeren Schlägerei unter Flüchtlingen in der LEA sei es niemals zu ernsten Zwischenfällen gekommen. Entscheidend sei auch gewesen, dass man die Bewohner Meßstettens stets eingebunden habe, etwa bei Bürgerversammlungen. "Die Menschen hatten sich nicht veräppelt gefühlt." Das habe sehr geholfen. "Ich habe letztlich keinen einzigen Protest-Anruf wegen der LEA bekommen." Bürgermeister Schroft sieht noch eine andere positive Entwicklung: "Die Stadt hat auch Vorteile gehabt." Beim Kommunalen Finanzausgleich wurden die Flüchtlinge gezählt, als seien sie Einwohner von Meßstetten. Und das ehrenamtliche Engagement will er in die Zukunft retten.

STICHWORT: Lea

Das Land plant für die Zeit nach 2020 mit je einer Landeserstaufnahmestelle (LEA) in jedem der vier Regierungsbezirke sowie einem Ankunftszentrum. Vorgesehen sind 8000 Plätze bei Regelbelegung mit der Möglichkeit, auf maximal 16 000 Plätze aufzustocken. Davon sollen 800 Plätze auf die LEA Freiburg entfallen. Bis Ende 2019 soll die Kapazität in den bisher noch bestehenden Einrichtungen zurückgefahren werden, Donaueschingen könnte die letzte sein.  

Autor: dpa

Autor: dpa