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12. März 2016 00:00 Uhr

Baden-Baden

Eine Ausstellung widmet sich der Geschichte des Geldes

"Gutes böses Geld. Eine Bildgeschichte der Ökonomie": In Baden-Baden wird in einer großen Landesausstellung die Geschichte des Geldes aus der Sicht der Kunst erzählt.

Nur hier. Nur in Baden-Baden lässt sich die Geschichte des Geldes erzählen. In Stuttgart wird das Geld erwirtschaftet, in Baden-Baden wird es ausgegeben. Nirgendwo ist die Dichte an Millionären in Baden-Württemberg höher als hier. Man sieht es an den Geschäften und an den Hotels, den Straßen und den Parkanlagen.

Baden-Baden ist anders als andere Städte. Die Hässlichkeit der Armut ist ausgesperrt. Die Innenstadt von Baden-Baden ist so etwas wie eine naturwüchsige Gated Community. Sorgenfreier Wohlstand. Reichtum, den alle wollen. Das Geld zieht die Glücksritter an. Die Verführungskraft des Geldes hat ihren Ort nirgendwo stärker als im Baden-Badener Casino, dem traditionsreichsten Deutschlands. Schon Fjodor Michailowitsch Dostojewski spielte sich hier um Kopf und Kragen.

Das Casino dominiert in Baden-Baden

Das Casino ist ein mächtiges, breit hingelagertes Gebäude im klassizistischen Stil. Es dominiert die Stadt an der Oos wie andernorts das Rathaus oder seine Vorgänger, die Residenzen. Nur in Baden-Baden kann man darauf verfallen, die Geschichte des Geldes erzählen zu wollen. Johan Holten, der Direktor der Kunsthalle, der zwei Jahre lang an der großen Landesausstellung "Gutes böses Geld. Eine Bildgeschichte der Ökonomie" gearbeitet hat, spricht zwar nicht vom Spiritus Loci. Aber wo sonst ließe sich ein Parcours einrichten, der aus dem musealen Raum hinaus direkt hinein in die surreal anmutende Wirklichkeit der Roulettetische im luxurierenden Ambiente des Casinos und der einarmigen Banditen im tristen Kellergeschoss darunter – Spielhimmel und Spielhölle – führt?

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Das Problem eines solchen Unterfangens besteht darin, dass Geld eigentlich unsichtbar ist. Es ist eine abstrakte, immaterielle Größe. Am Anfang, so beginnt die Geschichte des Geldes nicht nur bei Karl Marx, tauschten die Menschen Sachwerte. Der Gebrauchswert eines Gegenstands wurde zum Tauschwert. Eier gegen Brot, Brot gegen Schuhe, Schuhe gegen Wolle. Im Notzeiten wie in denen des Zweiten Weltkriegs funktionierte das Prinzip wieder: Teppiche, Geschirr, Silberleuchter oder Gemälde gegen Milch, Eier, Brot und Fleisch. Die Bauern lieferten den Städtern, was diese auch für Geld nicht mehr kaufen konnten.

Am Anfang des Geldsystems stehen Schulden

Der Tauschhandel mit Waren bietet aber nur begrenzte Möglichkeiten. Was, wenn der eine nichts hat, das der andere gegen sein Angebot eintauschen könnte? Dann bezahlt er mit einem Schuldschein, der sich später gegen andere Gegenstände einlösen lässt. Am Anfang des Geldsystems stehen Schulden: Sie sind Optionen auf die Zukunft. Als symbolischer Wert kann das Geld vielerlei Gestalt annehmen.

In primitiven Gesellschaften wurde mit Muscheln oder Reis bezahlt. In der Ausstellung kündet eine Tontafel aus Mesopotamien aus dem 18./19. Jahrhundert vor Christus von den Anfangen des Geldsystems. Dass antike Münzen nicht gezeigt werden, auch keine anderen Zahlungsmittel, hat mit dem primären Kunstcharakter der Ausstellung zu tun: Es geht nicht um Dokumentation, sondern um Reflexion.

Erzählt wird durch Augen und Hände der Künstler

Wenn hier überhaupt die Geschichte des Geldes erzählt wird, dann durch die Augen und Hände von Künstlern. Mit weltlichen Vorgängen wie dem Geldverkehr beschäftigt sich die bildende Kunst erst in der Renaissance: Im Mittelalter blieb sie religiösen Themen und Motiven vorbehalten, einem engen ikonographischen Kreis: Madonna mit dem Kind, Christi Geburt und Tod, die Anbetung der heiligen drei Könige.

Was man weiß über die Geldgeschäfte und Geldflüsse, über die Rolle der Juden als Geldverwalter und die ersten Bankengründungen, findet in der Ausstellung keinen Niederschlag. Die Unsichtbarkeit des Geldes macht bis heute, wo in Millisekunden Milliarden virtuell verschoben werden, seine Unberechenbarkeit und Unheimlichkeit aus.

Es agiert hinter dem Rücken der so genannten Marktteilnehmer, ohne dass sie Einfluss auf seine rasende, von der Suche und Sucht nach seiner wunderbaren Vermehrung in Gang gesetzte Bewegung nehmen könnten. Wenn allerdings auf die Überhitzung der Finanzmärkte der zwangsläufige Absturz folgt, auf den großartigen Gewinn der verheerende Verlust, auf das sakral verklärte Wachstum die schnöde Pleite, dann muss von vielen ausgeglichen werden, was einige wenige riskiert und verloren haben. Es ist wie beim Glücksspiel. Es ist ein Glücksspiel: Alle Wege führen ins Casino, wo jeden Morgen die Tische aufs Neue penibel hergerichtet werden für den abendlichen Glamour, das Zauberreich mit seinen blendenden Verlockungen.

Wo die Kunst blüht, blüht auch der Reichtum. In der Renaissance waren es zuerst die reichen Venezianer und die Florentiner, die sich Maler leisten und diese fördern konnten. Zwei Buchdeckel aus Siena, so genannte Biccherne, erzählen vom entwickelten Finanzwesen in der reichen mittelalterlichen Stadt. Als sich die Niederlande zur Welthandelsmacht entwickelten, kam es auch dort zu einer glänzenden Entwicklung der Kunst: Die beiden "Zinswucherer", die am Beginn der Ausstellung mit grimmig-gierigen Mienen inmitten von Münzen sitzen, stammen von dem Antwerpener Maler Marinus von Reymerswaele. Zu den berühmtesten und vom Motiv her ungewöhnlichsten Gemälden dieser Zeit zählt "Das ungleiche Paar" von Lucas Cranach dem Älteren: Ein Greis greift so begehrlich wie schamlos nach der Brust einer jungen Frau, die gleichzeitig ihre Hand in die Hosentasche des Alten steckt – dorthin, wo seit jeher der männliche Geldbeutel zu finden ist.

Gier gegen Gier: Selten wurde in dieser Zeit die Käuflichkeit der Liebe beim Altersunterschied der Geschlechter so drastisch dargestellt wie auf dieser um 1530 entstandenen Leinwand. Mit seinem ökonomischen Aufstieg konnte es sich das niederländische Bürgertum leisten, nach Herrscherart Porträts in Auftrag zu geben. Eine Reihe von Marktbildern aus dem 17. Jahrhundert belegt, wie durch den Tausch von Waren das Geschäft entscheidend belebt wurde – in der Mitte des Raums thront dazu passend die Bibel aller Anhänger der Marktwirtschaft: Adam Smiths "Wohlstand der Nationen".

Interessant ist, dass das 18. Jahrhundert, das Jahrhundert des Rokoko und der Aufklärung, in der Schau mit keinem einzigen Bild vertreten ist. Offenbar dachte man in dieser philosophisch und kulturell so reichen Zeit vorherrschend nicht ans liebe Geld.

Der Sprung in die Gegenwart gelingt bruchlos

Das tritt als Mangel der Nichtbesitzenden ab Mitte des 19. Jahrhunderts wieder auf den Plan: Mit der Industrialisierung begann der Aufschwung des Kapitals und der ökonomischen Theorien. Natürlich darf eine Ausgabe von Karl Marx’ Hauptwerk "Das Kapital" nicht fehlen. Damit gelingt – wen sollte es wundern – bruchlos der Sprung in die Gegenwart: Die in Berlin lebende Künstlerin Christin Lahr überschreibt seit sieben Jahren das "Kapital" dem Bundesfinanzministerium Tägliche Überweisungen von 1 Cent begleitet sie mit fortlaufend abgeschriebenen Sätzen aus Marx’ wirkungsmächtiger Schrift.

In 43 Jahren – dann ist sie 89, und sie ist angesichts familiärer Langlebigkeit zuversichtlich, dieses Alter zu erreichen – ist das gesamte Werk auf 18.250 Zetteln in den Händen der Bundesbank, die jede einzelne Cent-Überweisung händisch bearbeiten muss. Von ähnlicher serieller Konsequenz ist die Arbeit der Hamburger Künstlerin Hanne Darboven, die die Bilanzbücher eines jüdischen Kaufmanns aus dem Jahr 1933, dem Jahr von Hitlers Machtergreifung, dokumentiert und mit eigenen Eintragungen versehen hat. An das heikle Feld "Die Juden und das Geld" will Kurator Holten allerdings zu Recht nicht rühren. Diese Auseinandersetzung bedarf seiner Meinung nach einer eigenen Ausstellung.

Dass Geld nur dann gut und sinnvoll ist, wenn man es "arbeiten" – vulgo: sich vermehren – lässt, gehört zu den Grundfesten der Ökonomie der Neuzeit. Die Künstlerin Maria Eichhorn hält dem eine Aktiengesellschaft von ganz eigenem Charakter entgegen: Ihr Honorar für einen Beitrag auf der Biennale in Venedig investierte sie in die Gründung einer AG, die darauf verpflichtet ist, keinen Gewinn zu machen.

Kunst schafft Distanz zu vermeintlich Selbstverständlichem

Dass die Kunst dazu da ist, Wahrnehmungen zu verändern, Abläufe zu stören, Fragen aufzuwerfen, Distanzen zu vermeintlich Selbstverständlichem zu schaffen, stellt die Baden-Badener Ausstellung an allen Ecken und Enden aufs Schönste unter Beweis. Wer die Kunsthalle verlässt – nach einem letzten Blick auf "Middlemen" von 2001, die famose Videoinstallation von Aernout Mik, die Börsianer nach einem fiktiven Crash in ratloser Verwirrung und depressiver Auflösung zeigt – und sich auf den kurzen Weg zum Casino im Kurhaus macht, ist schon vorbereitet für eine andere Sicht auf das Zockerparadies.

Im Entree empfängt den Besucher Liu Jianhuas Installation "The Virtual Scene", ein Modell der Stadt Shanghai, das ganz aus quietschbunten Jetons besteht. Plastischer lässt sich nicht zum Ausdruck bringen, worauf die Metropolen der Gegenwart gebaut sind. An verschiedenen Orten im Gebäude – nur nicht in den Räumen mit den Spieltischen – sind Kunstobjekte implantiert. In die Kaminattrappe des sogenannten "Salon Pompadour" hat die Berliner Bildhauerin Alicja Kwade eine Reihe von vergoldeten Briketts gelegt: "Kohle" eben.

Interessant geformte kleine Blumenkübel in den Ecken des "Florentiner Saals", aus denen Sukkulenten mit halluzinogener Wirkung wachsen, sind berühmten Bankinstituten wie Goldman Sachs oder JPMorgan nachempfunden, die in dieser Bonsaiform geradezu lächerlich wirken. Interessant auch eine Arbeit des französischen Künstlerkollektivs RYBN.org, die einen in eine Sohle einmontierten Kleincomputer präsentiert: als ob mit eingeschmuggelten Algorithmen das Spielglück gezwungen werden könnte! Das ist ja auch der Traum der Wirtschaftswissenschaften: mit extrapolierten Zahlen Entwicklungen voraussagen zu können. Wie gut das funktioniert, hat die Bankenkrise von 2008 vorgeführt.

Das mit pompösen Lüstern, viel falschem Stuck und Gold garnierte Paradies der Glücksritter hat eine arme, hässliche Kehrseite: Im lichtlosen Kellergeschoss des Casinos stehen die Glücksspielautomaten in trister Reihe. Hier wird rund um die Uhr um kleine Beträge gespielt. Die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich findet ihre gespenstisch exakte Abbildung: oben die lässigen Spieler mit den weißen Kragen, den Seidenkrawatten und den süffigen Cocktails in der Bar, unten die spielsüchtigen Zombies, das scheue Gelichter der durch ein Drehkreuz erreichbaren Unterwelt. Dass dabei der Blick von einer plakativen Arbeit von Anahita Razmi angezogen wird, passt: Eine weißblonde Barbieschönheit räkelt sich wie Onkel Dagobert in einem Bad aus Münzen und Scheinen.

Auf dem Weg in die weiträumige Tiefgarage kommt man an manchen Auswüchsen der Baden-Badener Konsumpalette vorbei: Das Geschäft "SamtPfotenHerz" weist auf sein exklusives Angebot für Katzen und Hunde hin. Natürlich sind auch Leinen mit Swarowski-Steinen dabei. Die würde man am liebsten mit auf das Förderband der lärmigen Installation "Jackpot" von Benedikt Braun legen: Hier werden 1-Cent-Stücke wieder und wieder "gewaschen", bis sie zerrieben sind. Auch eine Art von Geldvernichtung: sichtbarer als bei den Banken, bei denen dieser Vorgang lautlos im Verborgenen abläuft.

Einem ganz eigenen Thema widmet sich das Stadtmuseum am Ende der Lichtentaler Allee. In der Ausstellungshalle im Erdgeschoss ist ein mannsgroßes Monopoly-Spiel aufgebaut – Edition Baden-Baden. In der oberen Etage wird die Geschichte der beliebten Immobilienmarktsimulation erzählt und dabei eine Korrektur vorgenommen. Nicht der Amerikaner Charles Darrow war 1935 der Urheber von Monopoly, sondern fast 30 Jahre früher seine Landsmännin Elizabeth Magie, die mit "The Landlord’s Game" für die Ungleichheit der Besitzverhältnisse sensibilisieren wollte, die sich durch Immobilienspekulation in den boomenden Städten verstärkte.

Es gab zwei Versionen: Bei der einen wurde jede Monopolbildung verhindert, bei der anderen, der bösen, nahm der Gewinner alles. Man weiß, welche sich durchgesetzt hat. Magies Spiel verschwand von der Bildfläche und aus dem Gedächtnis. Das einzige und letzte kostbare Exemplar ist jetzt in Baden-Baden zu sehen. Dass Magie mit ihren Befürchtungen richtig lag, dokumentieren eindrückliche Fotoserien von Jacob A. Riis und Dorothea Lange: Riis fotografierte das verheerende Elend der Einwanderer ins vermeintlich gelobte Land: enge Kammern, Schmutz und Unrat, Leben auf der Straße. Lange widmete sich den durch die Weltwirtschaftskrise verarmten Farmer und Arbeiter.

Ein knappes Jahrhundert später hat sich nichts zum Besseren gewendet: In der Diskrepanz zwischen Apartments für mehr als 100 Millionen Dollar auf der Upper Eastside in New York oder im europäischen Banken-Hotspot London und den südamerikanischen Favelas oder den Flüchtlingslagern in Nahost feiert das Geld seinen obszönen Sieg. Der Erfolg von "Monopoly" ist sein Spiegel: Darrow kaufte Lizzie Magie das Patent für "The Landlord’s Game" für lausige 500 Dollar ab – und wurde selber Millionär. Die ursprünglich moralisch-pädagogische Absicht des Spiels, die Versionen wie "Inflation" oder "Finance" hervorbrachte, wurde hinweggefegt von den trügerischen Verlockungen des "Easy Money" – auch eine Monopoly-Variante. An den Versionen des Spiels lässt sich eins ablesen: Nicht das Geld ist lieb oder böse, sondern der Gebrauch, den Menschen von ihm machen. Und: Moralische Läuterung ist bis auf weiteres nicht in Sicht.

Bis 19. Juni. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8 a, Di – So, 10 – 18 Uhr. Casino Baden-Baden, Kaiserallee 1., täglich ab 14 Uhr (Mindestalter 21 Jahre, Herren benötigen Sakko und Hemd, Krawatte erwünscht, Ausweispflicht). Stadtmuseum Baden-Baden, Lichtentaler Allee 10. Di – So, 11- 18 Uhr.

Autor: bs