Eine Chance für beide Regionen

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Mo, 18. Juni 2018

Südwest

Wie die grenzüberschreitende Politik die Zeit nach dem Akw am Oberrhein vorbereitet.

COLMAR/FREIBURG. Sollte es gelingen, die Wirtschaft im Südelsass und im Umland des Akw Fessenheim neu zu erfinden, wird dieser Erfolg maßgeblich der deutsch-französischen und insbesondere der elsässisch-südbadischen Kooperation geschuldet sein. Wider Erwarten. Denn solange in Paris der Sozialist François Hollande regierte, der dem Elsass die Abschaltung seines Akw verordnet hatte, erschienen die Südbadener mit ihrer Forderung nach der Abschaltung fast wie Hollandes Handlanger. Für die mehrheitlich konservative Politikerriege im Elsass musste die Ära Hollande durchgestanden, das Akw über dieses Zeitfenster hinübergerettet werden. Mit dem neuen Präsidenten Emmanuel Macron blieb der erhoffte Umschwung allerdings aus.

Sébastien Lecornu, Macrons Mann im Umweltministerium, der sich nun mit der Causa Fessenheim befasst, reiste zu Jahresbeginn ins Elsass – ohne Patentlösung, aber mit der Bereitschaft, hinzuhören.

Was jetzt als Zukunftsprojekt im Raum steht, hat sich die Region am Oberrhein selbst ausgedacht. Trotz des deutsch-französischen Schulterschlusses ist klar, dass die elsässischen Partner nicht urplötzlich zu Atomkraftgegnern wurden. "Wenn es Möglichkeiten gibt, die Schließung hinauszuzögern, ist dies im Elsass natürlich willkommen", räumt die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer ein.

Unterdessen stellen die Verzögerungen auf der Baustelle des neuen Reaktors EPR in der Normandie, von dessen Inbetriebnahme die Abschaltung der Reaktoren in Fessenheim abhängt, die Geduld der Südbadener immer wieder auf die Probe. Derzeit sorgen undichte Schweißnähte im Sekundärkreislauf dafür, dass der Antrag des Akw-Betreibers EdF auf die Stilllegung Fessenheims um weitere Monate nach hinten rückt. Immerhin werde das Freiburger Regierungspräsidium bei solchen Entwicklungen aus der Präfektur in Colmar stets schnell informiert, versichert Schäfer.

Grenzüberschreitend läuft es also eher gut, so dass deutsche Vertreter nicht nur in dem Anfang 2018 gegründeten Lenkungsausschuss, sondern auch in allen relevanten Arbeitsgruppen vertreten sind, die sich mit der Erschließung eines deutsch-französischen Gewerbeparks nördlich von Fessenheim und der Zugverbindung Colmar-Freiburg befassen. Den Wiederaufbau der im 19. Jahrhundert errichteten Bahnlinie über den Rhein bei Breisach, die im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, brachte das Regierungspräsidium mit einer Machbarkeitsstudie schon vor bald 20 Jahren auf die Agenda. Die Zeit war damals wohl noch nicht reif. Jetzt haben hingegen beide Seiten ein erhebliches Interesse, dass der Plan gelingt.

Der geplante Gewerbepark könnte mit der Produktion von Batterie- und Solarzellen Arbeitsplätze im Elsass schaffen und so den Verlust an Wirtschaftskraft nach der Abschaltung des Akw kompensieren. Die deutsche Seite sucht gleichzeitig dringend entwicklungsfähige Gewerbeflächen. Ohne gute Verkehrsanbindung würden diese Bemühungen versanden. Deshalb steht der Neubau einer Eisenbahnbrücke im Fokus. Eine von deutscher Seite mitfinanzierte Machbarkeitsstudie geht noch vor der Sommerpause in Auftrag. Diese müsse zeigen, sagt Bärbel Schäfer, "welches Potenzial wir auf die Schiene kriegen". Die Brücke würde immerhin eine grenzüberschreitende Regionalbahn zwischen Schwarzwald und Vogesen ermöglichen. "Auch jene, die nicht zum Arbeitsplatz pendeln", sagt Schäfer, "werden profitieren."Für die Verbindung nach Colmar müssten 22 Kilometer Gleisstrecke zum Teil modernisiert, zum Teil neu gebaut werden.

Im Elsass begreifen viele die Entwicklung als Chance. Zum einen will Paris in Fessenheim zeigen, wie die Energiewende funktionieren kann. Zudem ist den politischen Akteuren bewusst, dass die Laufzeiten der Reaktoren endlich sind.