Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
11. Januar 2012
Eine Frage der Haltung?
Hähnchenmast gibt es in Baden-Württemberg kaum, antibiotikaresistente Keime in Fleischproben finden sich dennoch reichlich.
FREIBURG. Dass der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) bei Stichproben von Hähnchenfleisch antibiotikaresistente Keime gefunden hat, hat die Diskussion über zu viel Medikamente in der Tiermast neu entfacht. Auch in Baden-Württemberg ist das ein Thema. Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) hat in den vergangenen zwei Jahren 500 Milch- und Fleischproben auf diese mehrfachresistenten Keime hin kontrolliert. In rund der Hälfte der Proben wurden sie gefunden.
Hähnchenmast spielt in Baden-Württemberg keine nennenswerte Rolle. Es gibt 240 meist kleine Betriebe, die zusammen nur etwas mehr als eine Million Masthähnchen halten. Laut Edwin Ernst vom MLR werden in einzelnen Landkreisen in anderen Regionen wesentlich mehr Tiere gemästet als in ganz Baden-Württemberg. Entsprechend stamme das Geflügelfleisch, das die großen Supermarkt- und Discounterketten in Baden-Württemberg anbieten, überwiegend aus Norddeutschland. Die hiesigen kleinen Hähnchenmäster verkaufen laut Ernst ihre Tiere überwiegend direkt.
Werbung
So jemand ist Jochen Adam, der auf seinem Hof in Neuried-Altenheim in der Ortenau 20 000 Legehühner hat – davon 6000 Bio – und lediglich 100 Masthähnchen züchtet. "Wir haben noch nie Antibiotika einsetzen müssen", sagt der Landwirt. Er habe nur eine kleine Einheit, achte auf Hygiene und züchte eine robuste Sorte, die aber auch entsprechend langsamer wachse. Das sei der Grund, warum er seine Masthähnchen nur auf dem Wochenmarkt und im Hofladen verkaufen könne – "mit den großen Betrieben können wir nicht mithalten, dafür sind unsere Hähnchen zu teuer".
Wer also hierzulande in Supermärkten und Discountern Geflügelfleisch kauft, erhält Fleisch aus dem Norden oder Osten Deutschlands oder anderen EU-Ländern. Entsprechend ist davon auszugehen, dass die vier BUND-Stichproben, die im Stuttgarter Raum gekauft wurden, ebenfalls von dort stammen. Eine davon – bei Lidl erstanden – wies laut dem Landwirtschaftsreferenten des BUND Baden-Württemberg Gottfried May-Stürmer besagte antibiotikaresistente Keime auf.
Insgesamt enthielt die Hälfte der BUND-Stichproben diese Keime. Die Quote deckt sich mit derjenigen, die Kontrollen in Baden-Württemberg und anderen Bundesländern ergaben. Laut Edwin Ernst vom Referat Lebensmittel tierischen Ursprungs des MLR sind in den vergangenen zwei Jahren etwa 500 Proben auf mehrfachresistente Keime kontrolliert worden. Dabei handelte es sich um Geflügel-, aber auch Rind- und Schweinefleisch sowie Milch. Je nach Lebensmittel fanden sich in 25 bis 60 Prozent der Proben besagte Keime. Ernst betont, dass die Erreger in der Regel nicht über Lebensmittel übertragen werden, sondern durch Kontakt mit Tieren, beziehungsweise anderen Menschen. Geschwächten Menschen könnten die Keime gefährlich werden.
Was für Hühner schnell gefährlich werden kann, sind laut Edwin Ernst Magen-Darm-Infekte, an denen sie relativ schnell sterben können. Gibt ein Tierarzt bei den ersten Anzeichen eines Infekts ein Medikament – "dann ist das im Sinne des Tierschutzes und des Arzneimittelrechts legal". Werden Antibiotika aber rein prophylaktisch eingesetzt, sei das nicht erlaubt.
Doch welcher Tierarzt gibt Medikamente, die gar nicht nötig sind? In diesen Fällen erhielten Landwirte die Arzneimittel laut Gottfried May-Stürmer vom BUND von so genannten Autobahn-Tierärzten. Das sind unseriös arbeitende Tierärzte, die an konspirativ verabredeten Plätzen wie Raststätten das gewünschte Rezept ausstellen oder sogar selbst das Antibiotikum verkaufen – und daran verdienen. Für Baden-Württemberg will Ernst in der Hinsicht Entwarnung geben. Da es wenig Geflügelzüchter gebe, liege die Veterinärmedizin für den Bereich fast vollständig in öffentlicher Hand: "Ich gehe davon aus, dass die Antibiotikaverschreibung rechtskonform geschieht."
Landesagrarminister Alexander Bonde (Grüne) begrüßte am Dienstag die Initiative von Bundesministerin Aigner für schärfere Kontrollen und strengere Regeln: "Sie kommt aber spät." Die Länder hätten schon lange eine gesetzliche Grundlage gefordert, auf der sie den Antibiotikaeinsatz erfassen könnten. "Das hat Frau Aigner bislang verweigert." Die geplanten zusätzlichen Dokumentations- und Meldepflichten für Landwirte und Tierärzte könnten die Überwachung in Zukunft erleichtern, insgesamt packe die Ministerin das Problem nicht an der Wurzel. "Eigentlich geht es um die Haltungsbedingungen. Eine Massentierhaltung ohne den Einsatz von Antibiotika ist kaum möglich." Gefordert seien neben Politik und Wirtschaft auch die Verbraucher, die entscheiden, was zu welchem Preis auf dem Teller landet.
Autor: Martina Philipp
