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17. September 2011 15:46 Uhr

Ostbaar

Landwirt will Ferkelzucht zur größten Baden-Württembergs ausbauen

Zurzeit hat er 250 Sauen – jetzt will er verfünffachen auf 1250 Sauen. Auf der Baar will ein Landwirt eine der größten Ferkelzuchtanlagen Baden-Württembergs bauen. Anwohner fürchten sich vor Gülle und Schadstoffen.

  1. Sollen in Oberbaldingen bald zu Tausenden rumwuseln: Ferkel. Foto: fotolia.com/CNL IMAGE 360°

Wie bei allen Geschichten ist auch bei dieser die Frage, wie man sie erzählt. Man kann, wenn man will, damit beginnen, dass es da einen Bauern auf der Baar gibt, in einem Ortsteil von Bad Dürrheim, wo man zum Essen ins Rössle oder den Hirschen geht und wo es im einzigen Laden Butterbrezeln, Bier, Blumengestecke, Buntstifte und Wurst aus der Region gibt.

Landwirt Urban Messner hat fünf Kinder und man könnte meinen, die wollen weg, wenn sie groß sind, weil ihnen Oberbaldingen zu klein ist. Wollen Germanistik in Freiburg studieren, um dann was mit Medien zu machen, oder werden Elektroinstallateur. Die drei ältesten von Messners Kinder wollen aber bleiben und seine Ferkelzucht übernehmen. In Zeiten, da im Schwarzwald Höfe leerstehen und kaum einer mehr von der Landwirtschaft leben kann, klingt das nach einer wunderbaren Geschichte. Das sehen aber viele anders.

"Rettet die Baar – vor der großen Schweinegefahr!!!"

In der Turn- und Festhalle Sunthausen ist es schon stickig, bevor es losgeht. Wer noch kurz aufs Klo muss, stellt seinen Becher auf den Stuhl, damit sich kein anderer draufsetzt, hinten klappen Helfer noch Bierbänke auf, trotzdem werden einige an der Tür stehen müssen, auch um den Lautsprecher vor der Halle versammelt sich eine Traube Menschen aus den verschiedenen Ortsteilen von Bad Dürrheim. "Viel Spaß" ruft ein Mann einer Frau über die Stuhlreihe hinweg zu, als ob gleich die Laienspielgruppe aus dem Ort einen Schwank zeigt. Dabei ist der Anlass für die Versammlung nicht zum Lachen. Bedenken, ja, Sorgen haben die gut 400 Menschen in die Halle getrieben. steht an der Wand. Eine Bürgerinitiative hat gereimt und eingeladen. Sie erlebt die wunderbar klingende Geschichte vom Bauern auf der Baar ganz anders.

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Der Landwirt Urban Messner will nämlich in der Nähe seines Hofes, unweit der Autobahn, für seine Kinder die wohl größte Ferkelzuchtanlage Baden-Württembergs bauen. Zurzeit hat er 250 Sauen, jetzt will er verfünffachen auf 1250 Sauen und würde dann 30 000 Ferkel im Jahr verkaufen, wobei er so bauen möchte, dass er die Zahl eines Tages auch noch verdoppeln und verdreifachen könnte. Bei der Dimension, das ist auch dem letzten Romantiker klar, hüpfen die Ferkelchen bei den Messners sonntags nicht fröhlich quiekend über die Terrasse.

40 Kilo Schweinefleisch isst jeder im Schnitt jährlich

Es geht um Schweineproduktion im großen Stil. Um Massentierhaltung. Um Käfige, die Schnitzelesser nur ungern betrachten, weil sie ihnen so klein vorkommen. "Wir müssen auf dem Markt mithalten", sagt Messner. Keiner wolle mehr Geld für Ernährung ausgeben, aber er solle die Schweine noch halten wie früher. Das ginge nicht mehr: "Vor Jahrzehnten gab es in Oberbaldingen noch 120 tierhaltende Betriebe, heute leben noch drei davon."

Und dabei war die Ostbaar lange Zeit bekannt für ihre Schweinezucht – wurde liebevoll "Suländle" genannt.

Auch in ganz Baden-Württemberg züchten laut dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz immer weniger Landwirte immer weniger Schweine. 2010 gab es 2200 Zuchtsauenhalter, jetzt sind es 200 weniger. 40 Kilogramm Schweinefleisch isst jeder Deutsche im Schnitt jährlich. Der Marktanteil von Biofleisch liegt bei unter einem Prozent. Nur knapp die Hälfte des Landesbedarfs wird hier produziert, der Rest wird importiert, einiges aus dem Nordwesten Deutschlands.

Angst vor Gülle

Der ist an diesem Donnerstagabend in der Sunthausener Halle weit weg. Die Leute haben Angst vor der Gülle in ihrem Ort. Vor Medikamentenrückstände und Nitrat im Grundwasser. Davor, dass der Tourismus leidet, wenn’s im "heilklimatischen Kurort" ständig nach Schweinekot stinkt und sich das herumspricht. Davor, dass das Eigenheim an Wert verliert.

Rund 9000 Kubikmeter Gülle würden in Messners neuer fußballfeldgroßer Anlage anfallen. Die Gegner sprechen von neun Millionen Liter auf gut 200 Hektar. "Irgendwann rechnet noch einer aus, wie viel Milliliter das sind und wie viel davon zum Tod führt, wenn man sich das intravenös injiziert", sagt Messner bitter. Dem Landwirt ist klar, dass keiner ,Hurra’ schreit bei seinen Plänen. "Nichts gegen berechtigte Kritik, aber es ist wahnsinnig schade, auf welchem unsachlichen Niveau diskutiert wird." Wenn das Wetter mitmache, könne man die Hälfte der Gülle innerhalb einer Woche im Frühjahr verteilen.

Furcht vor multiresistenten Krankheitskeimen

Abstände zu Wohnhäusern, Filteranlagen, Grenzwerte, Normbereiche – "das ist doch alles geregelt", murmelt Messner. Die Bewohner aus den umliegenden Ortsteilen beruhigt das keineswegs. Sie misstrauen den Grenzwerten. Günter Ulmer, als Experte in Sachen Prävention eingeladen, kippt bei seinem Vortrag über Ammoniak in der Luft und Schadstoffe im Grundwasser irgendwann die Stimme. "Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch die Verseuchung von 20 000 organisiert", ruft der 81-jährige Vegetarier. Ob es Schadstoffmessungen vor Ort gebe, will ein Landwirt wissen. Messner betreibe ja schon Massentierhaltung. Nein, gibt es nicht, heißt es, aber von einer Untersuchung in Norddeutschland ist die Rede.

"Was können wir tun?", fragt eine Frau, nachdem sie viel über Bedenken gehört hat und multiresistente Krankheitskeime, die sich als Folge der Antibiotikabehandlung von Muttersauen bilden können. "Unterschriften sammeln und politischen Druck aufbauen", sagt Rainer Stolz, einer der drei Gründer der Bürgerinitiative und Geschäftsführer des Feriendorfs Öfingen, das keine zwei Kilometer Luftlinie von der geplanten Anlage entfernt liegt. Bad Dürrheims Bürgermeister Walter Klumpp muss Farbe bekennen ("Wir wollen alles dafür tun, dass diese Anlage verhindert wird") und beteuert, dass sich die Stadt längst juristisch beraten lasse. Der Geschäftsführer der Kur- und Bäder GmbH Bad Dürrheim, Thomas Bank, muss erklären, warum er sich öffentlich noch nicht geäußert hat, und beteuert, im Hintergrund gegen die Anlage aktiv zu sein.

Kaum einer hat Interesse an der Anlage

Politischer Druck wird sich aufbauen auf der Baar, das ist keine Frage. Außer der Familie Messner hat kaum einer Interesse an der großen Anlage. Auch nicht das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz unter dem neuen grünen Chef Alexander Bonde. "Die Landesregierung betrachtet die Entwicklung der Tierhaltung zu sehr großen Beständen, zu der die Landwirtschaft durch den hohen Wettbewerbsdruck im globalen Markt gedrängt wird, aus verschiedenen Gründen sehr kritisch", teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit.

Nur: Nicht mal das Ministerium kann die Anlage aus politischen Gründen ablehnen, die 13 000-Einwohner-Stadt erst recht nicht. Zuständig ist bei einer Anlage dieser Größe das Regierungspräsidium, das sie aufgrund des Bundesimmissionsgesetzes zu prüfen hat. Hält Messner alle Vorgaben und Auflagen ein – in wenigen Wochen will er den Bauantrag losschicken – , hat das RP zuzustimmen. Bad Dürrheim kann zwar sein Einvernehmen verweigern, das hat aber nur Relevanz, wenn ihnen beispielsweise im dicken Stapel an Unterlagen ein Verfahrensfehler auffällt, den das RP übersehen hat.

Es ist spät am Donnerstagabend in der Turn- und Festhalle Sunthausen, als eine Frau ans Mikrofon tritt. Es ginge nicht nur um Politik und "unser Ländle", sondern auch um Tiere und die Ethik: "Jeder Einzelne kann mitbestimmen, in dem er kein Billigfleisch vom Discounter kauft." Ein Mann fordert, dass diejenigen strecken sollen, die ihr Fleisch nur beim Metzger oder auf dem Markt kaufen würden. Einige heben ihre Hand blitzschnell und selbstbewusst in die Höhe, andere zögerlich. Viele Hände bleiben unten.

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Autor: Martina Philipp