Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. November 2014

Erinnerungen an ein Wunderjahr

Werner Schulz von den Grünen spricht im Landtag zum Mauerfall.

STUTTGART. Mit einer Feierstunde erinnerte der Landtag am Donnerstag an den Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren. Am Ende gab es ein seltenes Bild im Plenarsaal: Stehend applaudieren die Abgeordneten aller Fraktionen dem Redner, dem früheren DDR-Bürgerrechtler und Bundestags- und Europaabgeordneten der Grünen, Werner Schulz.

"Bis zum Überdruss" sei in den vergangenen Wochen an den Mauerfall am 9. November 1989 erinnert worden, beginnt Werner Schulz, 64, seine Gedenkrede an das "Wunderjahr" 1989. Schulz zeichnet den Systemzusammenbruch nach, der eine lange Vorgeschichte gehabt habe. Er erinnert an den frühen, weitgehend vergessenen antikommunistischen Widerstand in der DDR. An drei Leipziger Studenten, die wegen ihres Protestes 1951 hingerichtet worden waren. "Ihr mutiger Widerstand gegen die zweite totalitäre Diktatur auf deutschem Boden ist vergleichbar mit dem, was Hans und Sophie Scholl taten." Auch deshalb könne man sagen: "Was lange gärt, wird Mut." China, Nordkorea oder Kuba zeigten, dass Gesellschaften nicht einfach zusammenbrächen. Vielmehr ereigneten sich Revolutionen, "wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen".

Werbung


Mit "Bürgermut" seien Ostdeutsche friedlich und erfolgreich gegen "Unfreiheit, Bevormundung, Willkür, Lüge und ein bis an die Zähne bewaffnetes Regime" aufgestanden. Ob die DDR ein Unrechtsstaat sei oder nicht – Schulz spricht von einer bizarren Diskussion. "Schon die Ablehnung und verschwiemelte Umschreibung des Begriffs reiht sich ein in die dummschlaue Ostalgysi."

Verdrängung, Verklärung, Verharmlosung wirft Schulz dem Linken-Fraktionschef Gregor Gysi und dessen Partei vor und warnt davor, "die Unrechtsnatur des Systems" mit seiner "kollektiven Freiheitsberaubung" verblassen zu lassen. "Wir sollten dem Bundespräsidenten dankbar sein, dass er die Wertegrundlagen unserer offenen Gesellschaft verteidigt und die Relativierung von Unrecht nicht durchgehen lässt." Am Ende nennt es Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) "einen goldrichtigen Entschluss", den Zeitzeugen Werner Schulz zur offiziellen Gedenkfeier eingeladen zu haben.

Autor: Bettina Wieselmann