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07. Dezember 2011

"Es gab keine Knappheit"

BZ-INTERVIEW mit Franz Untersteller, Umweltminister, über Stromversorgung bei Windstille.

  1. Auch Windkraft braucht Leitungsnetze. Foto: dpa

  2. Franz Untersteller Foto: dpa

FREIBURG. Nun drehen sie sich wieder, aber wochenlang war im November nur Flaute für die Windräder, und Wasserkraftwerke liefen auch auf Halblast. Wie verlässlich sind die regenerativen Energien? Darüber sprach Stefan Hupka mit dem baden-württembergischen Umweltminister und Grünen-Politiker Franz Untersteller (54).

BZ: Herr Minister, nach der Energiewende und diesen windstillen und trockenen Wochen machen sich viele Sorgen um die Versorgungssicherheit beim Strom. Haben Sie Verständnis dafür?
Untersteller: Das war sicher ungewöhnlich für einen November, ein voller Monat Sonne, dafür kein Wind. Damit hatten wir andererseits aber auch eine höhere Solarstromeinspeisung, sogar höher als beispielsweise im vergangenen Juli.
BZ: In absoluten Zahlen kann, wie jeder weiß, Solarstrom fehlenden Wind- oder Wasserstrom nicht ersetzen.
Untersteller: Stark drosseln mussten die Wasserkraftwerke ja nicht. Es gab insgesamt jedenfalls keine Stromknappheit.
BZ: Musste man aber überdurchschnittlich Kohlestrom einspeisen?

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Untersteller: Sieht man sich die Jahresmenge 2011 bisher an, hatten wir Phasen von Stromimport und -export. Am Jahresende werden wir wohl nicht wie in vergangenen Jahren einen großen Exportüberschuss haben. Fünf Jahre lang hatten wir einen Überschuss von 20 Terawattstunden. Das entspricht vier großen Kernkraftwerken. Diese Zeiten sind vorbei, jetzt gehe ich von einer ausgeglichenen Bilanz aus.
BZ: Sie mussten der Bundesnetzagentur eine Kaltreserve anbieten, ein Kohlekraftwerk bei Mannheim. Wie sicher sind Sie, dass Sie die jetzt im Winter nicht in Anspruch nehmen müssen?
Untersteller: Das ist Vorsorge für Extremsituationen, also extrem kalte Wintertage mit null Windenergie und gleichzeitig einer störfallbedingten Abschaltung konventioneller Kraftwerke. Wir sind verpflichtet, für einen solchen Fall eine Reserve zur Verfügung zu stellen.
BZ: Es gibt Gegenden in Deutschland, wo der Wind immer weht. Jetzt schlug die Bundesnetzagentur Alarm: Man habe auf absehbare Zeit nicht genug Leitungen, um diesen Strom von der Küste zum Verbraucher zu bringen. Was tun Sie dagegen?
Untersteller: Es gibt in der Tat enorme Probleme beim Ausbau der Netze. 2010 wurden nach Angaben des Bundesverbandes Windenergie bis zu 150 Millionen Kilowattstunden Windstrom erzeugt, die nicht eingespeist werden konnten, aber dennoch vergütet wurden, was eher nicht im Sinne der Erfinder (des Energieeinspeisegesetzes, d. Red) ist. Die Bundesregierung spricht von knapp 130 Millionen Kilowattstunden. Das zeigt, wie dringend notwendig ein beschleunigter Netzausbau ist. Mit dem Netzausbaubeschleunigungsgesetz, das auf Bundesebene im Frühsommer verabschiedet wurde, ist ein wichtiger Anfang gemacht.
BZ: Muss ein derart forciertes Ausbautempo nicht zu Lasten von Bürgerbeteiligung gehen?
Untersteller: Im Gegenteil: Man wird die Bürger früher und intensiver einbinden. Und wir wollen Bürgerwindkraftwerke fördern, von denen die Leute auch ökonomisch etwas haben. Mit einem Windrad, das man mitbesitzt, kann man sich besser identifizieren als mit dem eines anonymen Investors. Übrigens bezweifle ich manche Zahlen, die da herumschwirren. So erwähnt der Chef der Energieagentur, nötig seien 4500 Kilometer neue Leitungen von Nord nach Süd. Das hängt aber sehr stark davon ab, ob uns in den kommenden Jahren ein dezentraler Netzausbau in Süddeutschland gelingt.
BZ: Was heißt das?
Untersteller: Je mehr Ausbau von Windkraft, Photovoltaik und auch konventionellen Gaskraftwerken uns im Land in den kommenden Jahren gelingt, desto weniger Fernleitungen brauchen wir von Nord nach Süd. Dass wir auch die brauchen, steht aber außer Frage.
BZ: Welche Zahl schwebt Ihnen vor?
Untersteller: Ich werde mich da nicht festlegen.
BZ: Auch zur regionalen Stromversorgung brauchen neue Windparks neue Hochspannungsleitungen.
Untersteller: Nicht überall, aber wir werden mit Sicherheit auch regional einen Netzausbau haben.
BZ: Ein solches Ausbauprogramm wirft die Frage auf: Sind die Grünen im Begriff, die eine ihrer Wurzeln, den Naturschutz, ihrem anderen Anliegen, dem Klimaschutz, zu opfern?
Untersteller: Nein, das sind sie nicht. Aber wir brauchen eine neue Debatte über das Verhältnis von Naturschutz und Klimaschutz. Der Naturschutz hat eine starke Rolle in heutigen Verfahren, das ist eine Errungenschaft. Der Klimaschutz dagegen hat eine eher schwache. Wir müssen ihn besser verankern. Es darf nicht dazu kommen, dass Maßnahmen zum Klimaschutz überall mit naturschutzrechtlichen Argumenten ausgestochen werden. Klimaschutz ist Naturschutz, langfristig auf jeden Fall. Ohne Klimaschutz wird sich die Artenvielfalt im Schwarzwald bei Flora und Fauna dramatisch verändern.

Autor: hup