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18. April 2011 20:52 Uhr
Protest gegen AKW
Fessenheim-Gegner beginnen einen Hungerstreik
Im Kampf gegen das Atomkraftwerk in Fessenheim greifen Elsässer Aktivisten zu drastischen Mitteln. Sie haben einen Hungerstreik beschlossen, bis die Laufzeitverlängerung für das AKW vom Tisch ist.
Unbeugsam ist er, dieser Jean-Pierre Frick. 55 Jahre alt, Biowinzer der ersten Stunde im Elsass, asketisch, durchdringender Blick. Er ist der Kopf der etwa zehn Anti-Atom-Aktivisten aus dem Elsass und aus Baden, die vor der Präfektur in Colmar einen "Fastenstreik" begonnen haben. Mehrere Dutzend Gleichgesinnter wollen nach und nach für die, die den Anfang gemacht haben, einspringen. Für ein Übernachtungsquartier in der Nähe hat ein Verein gesorgt.
Als die Gruppe um Frick kurz nach 9 Uhr ein weißes Partyzelt im Park aufstellt, sind gleich Gendarme da, äugen kritisch, aber lassen es stehen – Bedingung: Es muss jeden Abend abgebaut werden. Neben Frick steht Henri Stoll, der grüne Bürgermeister von Kaysersberg, der rundliche Bauch unter der blau-weiß-roten Bürgermeisterschärpe.
Swann Gastinger aus Colmar ist mit seinen 20 Jahren mit Abstand der Jüngste hier. Den meisten sieht man an: Sie haben die Proteste der 70er Jahre gegen Fessenheim miterlebt. Dennoch stehen hier nicht nur die üblichen Verdächtigen aus der elsässischen Umweltbewegung, die dem Imperium eine gewaltlose Aktion entgegensetzen wollen. In einem Brief an den Staatspräsidenten fordern Frick und seine Mitstreiter nicht nur die sofortige Stilllegung des Dinosauriers im französischen Nuklearpark, dem im erdbebengefährdeten Oberrheingebiet gelegenen AKW Fessenheim. Sie verlangen auch ein Gesetz, das den Ausstieg aus der Atomenergie binnen zehn Jahren festschreibt. Bis das erreicht sei, sagt Frick, werde man bei Wasser und Kräutertee hungern.
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Einzelne treten vor und erklären den versammelten Journalisten und Passanten im Park mitten in Colmar, warum sie das tun: ein Akt des Bürgerengagements, von Solidarität mit den Opfern von Fukushima und, ja, auch von Spiritualität. Außerdem sei Tschernobyl in Frankreich lange genug heruntergespielt worden. "Der Ausstieg aus der Atomenergie", schließt Frick, " ist nach Fukushima eine Frage der Weisheit."
Spiritualität und Weisheit? Davon wird sich Sarkozy kaum erweichen lassen. Ein Zufall im Zeitplan der regelmäßigen AKW-Checks könnte den Aktivisten aber in die Hände spielen. Am Montag begann in Block II von Fessenheim die dritte Zehnjahresinspektion. Block I hat den Testmarathon hinter sich gebracht. Über seine Laufzeitverlängerung entscheidet die Atomaufsicht – und damit die Regierung – im Juni. Der Druck aus den Nachbarregionen und im Elsass selbst nimmt zu. Eine Verlängerung würde derzeit zumindest nicht geräuschlos über die Bühne gehen.
Für Frick ist der Protest auf eine ganz spezielle Weise eine Gewissensfrage. Von seiner Sorte dürfte es nicht viele geben in Frankreich. Als Twen machte der Mann, der auf seinem Weingut in Pfaffenheim seine Trauben nach der anthroposophischen Lehre anbaut, als Totalverweigerer auf sich aufmerksam. Im Herbst 2010 ging er für seine Überzeugung so weit, dass er beim landwirtschaftlichen Forschungsinstitut Inra in Colmar mit 60 anderen Aktivisten genetisch veränderte Rebstöcke vernichtete. Eine Tat, die ihn noch ins Gefängnis bringen könnte. Länger als drei Wochen, sagt er, könne er sich fürs Fasten nicht ausklinken.
Andere haben sich mehr vorgenommen. Inge Bertsch aus Heitersheim hat Frick bei einer Großkundgebung vor ein paar Wochen gegen Fessenheim mit seinem Vorschlag gehört. "Die Idee sprach mich sofort an." Inge Bertsch ist Französischlehrerin, 52 Jahre alt. Genauso viele Tage viel sie protestfasten. "Wie können wir uns beschweren, wenn wir nicht bereit sind, in unserem Leben etwas zu verändern", sagt sie und erzählt von den Kindern in ihrer 6. Klasse, die erschüttert seien von den Bildern aus Fukushima.
Immerhin: Als 1977 eine Gruppe aus dem Südelsass in einen Hungerstreik trat – damals gegen den Bau des AKW in Fessenheim – erreichte sie, dass die erste Überwachungskommission Frankreichs zur Information der nahen Bevölkerung eingerichtet wurde.
- Sicherheitskontrolle: 1600 Experten untersuchen das AKW Fessenheim
Autor: Bärbel Nückles
