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08. Juli 2011
Elsass
Giftmüll unter Tage wird zur Gefahr fürs Trinkwasser
Für das Unglückslager Stocamine haben Experten Sanierungsvorschläge gemacht: Den Giftmüll teils bergen, teils einschließen.
WITTELSHEIM. Wie man es dreht und wendet: Eine Patentlösung gibt es nicht für das Giftmülllager Stocamine, tief unten in der stillgelegten Kalimine beim elsässischen Wittelsheim. Am Donnerstag hat sich eine Expertenkommission nach einem halben Jahr der Prüfung sämtlicher vorliegender Gutachten im Auftrag des Betreibers geäußert. Zehn von zwölf Mitgliedern dieses Lenkungskomitees – französische Abkürzung: Copil – sehen in einer Bergung der besonders giftigen Abfälle wie Quecksilber und einem Verschluss der Galerien nach einer "selektiven Rückholung" den tragfähigsten Kompromiss.
"Eine Verschmutzung des Grundwassers wäre inakzeptabel", mahnte der Präsident des Copil, Pierre Bérest, in Wittelsheim vor der Überwachungskommission Stocamine; darin sitzen Lokalpolitiker, Umweltverbände und ehemalige Minenarbeiter. Zugleich müsse man die Entwicklung unter Tage an mehreren Kontrollpunkten jahrelang überwachen.
Was bei der Planung und Genehmigung von Stocamine in den 90er Jahren unterschätzt wurde, war die Rückkehr des Grundwassers in das Bergwerk, sobald der Betrieb eingestellt ist. Derzeit hat das Wasser erst die Schichten in 1000 Metern Tiefe erfasst. Das Niveau der Lagerstollen bei 500 Metern, wo der Sondermüll lagert, dürfte das Wasser erst in 200 oder 300 Jahren erreichen, schätzen die Experten. Wird das Grundwasser verseucht, trifft es künftige Generationen.
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Eine schnelle Entscheidung verlangt die Lage dennoch. Das Salzgestein bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von drei Zentimetern pro Jahr. Langfristig schließen sich die Hohlräume. Das Copil erwägt in seinem Gutachten auch, das Wasser abzupumpen, damit der Lagerbereich von Stocamine nicht geflutet wird. Sollte das Bergwerk mit Barrieren aus Materialien wie Bentonit, das quellfähigen Ton enthält, abgedichtet werden, trägt die natürliche Veränderung des Salzgesteins zu einer Stabilisierung bei.
Druck unter Tage lässt Salz nicht brechen, sondern macht es plastisch. So verschließt es in einem Jahrhunderte dauernden Prozess Hohlräume. "Kommt aber Wasser hinzu, verlangsamt das den Prozess deutlich", warnt Ralph Watzel vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau, angesiedelt beim Regierungspräsidium Freiburg. Watzel gehört dem Copil an. Eine Analyse, welche anderen Substanzen neben Quecksilber geborgen werden müssen, steht ohnedies noch aus. "Die Gefahr durch Quecksilber ist sehr hoch." Watzel fordert ein "toxikologisches Gefährdungsszenario".
In Stocamine wurden zwischen 1999 und einem verheerenden Brand 2002 Abfälle aus Kliniken, Chemiefabriken und anderen Industrieanlagen deponiert. Unter heute 44 000 Tonnen Sondermüll befinden sich auch Abfälle, die Quecksilber, Zyanid und Asbest enthalten. Vor der Gefahr des Quecksilbers habe der BUND schon in der Planungsphase gewarnt, kommentierte dessen Geschäftsführer Axel Mayer den Bericht. Wie schnell es zu einer Verseuchung kommen kann, das mag keiner genau zu bestimmen.
Für vollständige Rückholung spricht sich der Schweizer Geologe Marcos Buser aus (auch er Mitglied des Copil), der unlängst die Sanierung einer unterirdischen Deponie im schweizerischen Jura geleitet hat. Die Schichten, die sich in Stocamine ablösen, sagt Buser, ließen sich stabilisieren. "So ein Unterfangen", räumt Buser ein, "muss mit besonderen Schutzvorkehrungen für die Arbeiter einhergehen – die Logistik wird sehr anspruchsvoll."
Dass mit jeder weiteren Verzögerung die Risiken steigen, darin sind sich alle einig. Die Position des Copil dient nun dem Betreiber von Stocamine, den elsässischen Kalibergwerken MDPA als Richtschnur zur Entscheidung. Alain Rollet, bei MDPA verantwortlich für Stocamine, schätzt die Dauer einer Sanierung auf sechs bis zwölf Monate.
Damit wäre ein Zeithorizont von 2014 erreicht. Denn nach einer Entscheidung durch die MDPA durchläuft deren Vorschlag ein Genehmigungsverfahren inklusive Offenlegung und Einspruchsfrist. Erst dann kann die Ausschreibung beginnen. Die Kosten werden auf 40 bis 80 Millionen Euro geschätzt.
Autor: Bärbel Nückles
