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23. Juni 2009 06:48 Uhr
Datenschutz
Google Street View späht Südbadens Straßen aus
Ein schwarzer Opel fährt durch Südbaden – und hält jeden Straßenzug, jeden Passanten im Bild fest. Bald werden die Bilder aus Freiburg und Lörrach in aller Welt zu sehen sein.
Der schwarze Opel Astra, der Südbaden im Internet verewigt, parkt im Freiburger Stadtteil Rieselfeld am Straßenrand. Seit Wochen steht das Auto immer wieder an dieser Stelle und startet von hier aus seine Fahrten durch Freiburg. Die Anwohner haben sich an den seltsamen Anblick gewöhnt. Über dem Autodach, auf einem armdicken Mast, sitzt eine Kamera mit mehreren Objektiven in drei Metern Höhe. Aus dieser Perspektive sind Gartenzäune und Hecken keine Hindernisse.
In einer Erdgeschosswohnung auf der anderen Straßenseite hat Mario Schmid seine Anwaltskanzlei. Er sitzt gerade an seinem Schreibtisch, die Terrassentür steht einen Spalt weit offen. Würde jetzt das Google-Auto vorbeifahren und Fotos machen, wäre Schmid später sogar in seiner Kanzlei gut zu erkennen – samt möglicher Mandanten.
Bisher hat Schmid sich darüber keine Gedanken gemacht, denn bisher wusste er nicht, was das schwarze Auto mit dem Mast auf dem Dach genau macht. "Ich dachte, das sei ein Peilwagen." Nur wenige wissen, was sich hinter dem ungewöhnlichen Wagen verbirgt.
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Schmid lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und überlegt kurz. "Wenn die mit ihrem Auto einfach alles fotografieren, ohne vorher zu fragen, verstößt das gegen die informationelle Selbstbestimmung und damit gegen Paragraf zwei des Grundgesetzes", sagt der Anwalt entschlossen. "Zumindest wenn Google aus drei Metern Höhe über den Gartenzaun meine Terrasse knipst."
Millionen Aufnahmen hat der Internetkonzern Google bereits für seinen Dienst Street View, also Straßenblick, von speziellen Kameraautos fotografieren lassen. Dann puzzeln Ingenieure die Einzelbilder zu 360-Grad-Stadtansichten zusammen. Zu sehen ist, was man auf und neben den Straßen der Welt so sehen kann: Häuser, Autos, Menschen, Hunde.
Die Nutzung ist ganz einfach: Man geht im Internet auf die Seite maps.google.com und zieht mit der Maus ein kleines orangefarbenes Männchen auf den Stadtplan. Und schon ist es, als stünde man mitten auf der Straße und schaue sich um. Per Klicken und Ziehen verändert sich die Perspektive; ein Doppelklick bringt einen voran, als würde man zu Fuß eine Straße entlangwandern.
Der neue Dienst ruft nicht nur Begeisterung hervor. Nirgendwo gab es derart große Einwände von Datenschützern und eine öffentliche Debatte wie in Deutschland. "Über ein Jahr haben wir mit den Datenschutzbeauftragten verhandelt", sagt Stefan Keuchel von Google Deutschland. Der Satz klingt so, als sei Google mit seinen Zugeständnissen am Ende recht großzügig gewesen. Dabei hatte der Internetkonzern einfach fotografiert, ohne zu fragen und die gesammelten Daten schnell in die USA geschafft. Dahin, wo sie außer Reichweite deutscher Datenschützer sind.
Wann genau Google wo fotografiert, sei Firmengeheimnis, heißt es beim Internetkonzern. So freiheitsliebend Google beim Fotografieren ist, so zurückhaltend reagiert er auf Nachfragen. Nicht einmal im Freiburger Rathaus ist bekannt, ob das fahrende Googlemobil noch in der Stadt unterwegs ist oder nicht. Es ist! Google fehlen noch Aufnahmen aus einigen äußeren Stadtteilen.
Darf Google einfach so Menschen auf der Straße ohne ihr Einverständnis fotografieren und die Fotos dann ins Internet stellen? Google-Sprecher Keuchel zögert keine Sekunde: "Wir machen das, was viele Menschen ohnehin heute machen: Fotos im Netz veröffentlichen. Aber wir schießen keine Porträts. Deshalb sind die Menschen rechtlich gesehen nur Beiwerk, und eine Genehmigung ist nicht notwendig."
Verpixelte Gesichter
Die Datenschützer und Google haben sich vorige Woche geeinigt. Google wird wie überall Gesichter und Autokennzeichen auf den Fotos unkenntlich machen. Zudem können Menschen, die sich später auf den Bildern wiederfinden, beantragen, dass diese gelöscht werden. Eines gibt es nur in Deutschland: Hauseigentümer können einen Antrag stellen, damit ihre Hausfassade nicht gezeigt wird. Eine andere Möglichkeit ist ein Poster mit dem Anti-Street-View-Logo und dem Schriftzug "Keine Bilder für Google Street View". Die nicht verpixelten Originaldaten werden – das hat Google zugesichert – nach maximal zwei Monaten vernichtet. Letzteres ist das Zugeständnis der jüngsten Verhandlungen, eingeräumt wohl nur, weil Google noch weiterfotografieren möchte. Das betrifft vor allem kleinere Städte, die größten sind bereits im Kasten. Noch in diesem Jahr wird man online durch Berlin, Hamburg und auch durch Freiburg und Lörrach wandern können.
Die Vorteile von Street View sind unbestritten. Wer heute einen Urlaub plant, kann sich je nach Ziel möglicherweise schon mal an dem Ort umschauen, wo sich das Ferienhaus oder der Campingplatz befindet. Auch auf der Suche nach einer neuen Wohnung kann man von zu Hause aus schauen, ob einem der entsprechende Stadtteil zusagt. Vielleicht hat der Makler gleich selbst einen Street-View-Link zu seinem Angebot hinzugefügt. Auch gewerblich werden sich die Online-Straßenansichten nutzen lassen.
Ein möglicher Nachteil: Street View könnte ein Service für Einbrecher sein. Ohne aufzufallen, können Ganoven die Umgebung für ihren nächsten Beutezug auskundschaften. Wo ist der beste Fluchtweg? Wo geht’s in eine Sackgasse?
In Emmendingen, Lörrach und Freiburg gab es zuletzt vermehrt Einbruchserien. Bei der Freiburger Polizei sieht man in Street View aber keine Gefahr, die das Problem noch verschärfen könnte. "Professionelle Einbrecher überprüfen im Vorfeld, ob es Hunde gibt, Bewegungsmelder, gekippte Fenster, eine Alarmanlage und ob die Bewohner im Urlaub oder bei der Arbeit sind", erklärt Pressesprecher Karl-Heinz Schmid. "Diese Informationen erhalten die Einbrecher von den Momentaufnahmen in Street View aber nicht." Der Katalog des Ausspähens werde lediglich um einen Punkt erweitert, aber keinen wesentlichen. "Street View wird die Welt nicht viel schlechter machen", ist Schmid überzeugt.
Absolute Diskretion ist das Firmengebot. Sich daran zu halten, sagt der Google-Fotograf, schaffe ihm weitere berufliche Perspektiven. Jede Information, die er rausgeben würde, sieht er als ernste Gefahr für seinen Job. Trotzdem lacht er immer wieder als Reaktion auf hartnäckiges Nachfragen. Und schweigt.
- Hintergrund: Google fotografiert Freiburg in 3D
- Diskutieren Sie mit: Was halten Sie von Google Street View
Autor: Arne Bensiek


