"Hier kann ich Kraft tanken"

Nina Lipp

Von Nina Lipp

So, 28. Januar 2018

Südwest

Der Sonntag In der Fachklinik Münstertal in Staufen finden Eltern Erholung – Diese Woche wurde der Anbau und die Renovierung des Altbaus gefeiert.

Laurin ist ein lebensfroher Jugendlicher, der es liebt, Fußball zu spielen, gerne Musik hört oder sich mit Gleichaltrigen trifft. Das Verhältnis des 16-Jährigen zu seinen Eltern ist ein besonders enges, denn Laurin ist geistig behindert. Bei fast allem, was er tut, ist er auf Unterstützung angewiesen, er braucht viel Aufmerksamkeit und Zuwendung. Weil er Gefahren schlecht erkennt, lässt ihn seine Mutter nicht gerne allein.

Anders als im Alltag im hessischen Oberursel stehen in der Eltern-Kind-Fachklinik Münstertal in Staufen die Bedürfnisse von Mutter Simone Krausgrill im Vordergrund, hier macht sie mit Laurin eine Mutter-Kind Kur. Zuhause besucht der Teenager eine Förderschule, ein Fahrdienst holt ihn morgens ab und bringt ihn nach Unterrichtsschluss gegen zwei Uhr wieder nach Hause. An zwei Nachmittagen der Woche besucht Laurin einen Hort.

Um für ihn da zu sein, hat seine Mutter ihren Beruf als Frisörin aufgeben müssen. "Jeden Tag stehe ich in der Verantwortung, rund um die Uhr. Bringe Laurin zum Arzt, zur Ergotherapie oder Logopädie. Oder er will zum Training, dann fahre ich ihn natürlich dorthin." Laurins großer Bruder ist 22 und berufstätig, wohnt aber noch bei der Familie. Die trifft sich jeden Abend zum Essen, "ich koche immer warm, wenn die Männer heimkommen, haben sie Hunger", erzählt Simone Krausgrill lachend.

Seit fünf Jahren arbeitet sie wieder, zu Hause sei ihr die Decke auf den Kopf gefallen. Doch die Doppelbelastung zehrt an ihren Kräften: Immer abrufbereit, dazu berufstätig zu sein und ständig auf Anforderungen zu reagieren: "Irgendwann ist der Akku leer."

Vor sieben Jahren wandte sich Simone Krausgrill deshalb an den Verein Deutscher Arbeitskreis für Familienhilfe, einem gemeinnützigen Träger von Eltern-Kind-Fachkliniken, der nach der Genehmigung von Krausgrills Krankenkasse die Kur in Staufen in die Wege leitete. Seit eineinhalb Wochen ist Simone Krausgrill wieder Kurgast in Staufen, mit Laurin ist sie bereits zum dritten Mal hier. 2010 und 2015 haben die beiden noch im Altbau der Klinik gewohnt, nun sind sie in einem der 34 Appartements des zum Teil viergeschossigen Neubaus untergebracht. Der hat den Deutschen Arbeitskreis für Familienhilfe rund sieben Millionen Euro gekostet, mit rund 50 Quadratmeter großen Appartments sind diese nicht nur barrierefrei, sondern auch rollstuhlgerecht. Zusätzlich sind Räume für die Kinderbetreuung, die Behindertenbetreuung, ein Bistro, Ergotherapie- und Physiotherapieräume entstanden.

Als der Neubau im Oktober 2017 bezogen wurde, kam das Bestandsgebäude, das 1969 gebaut wurde, an die Reihe: Dort wurde der Speiseraum erweitert, ein zusätzlicher Multifunktionsraum geschaffen und die bestehenden Appartements vergrößert und modernisiert.

"Enorm hohe Nachfrage"

"Nach der Rekordbauzeit von drei Monaten sind wir froh und dankbar, dass die Arbeiten jetzt abgeschlossen sind", sagt Klemens Wehr, der Geschäftsführer des Deutschen Arbeitskreises für Familienhilfe mit Sitz in Kirchzarten. In die Sanierung des Bestandsgebäudes wurden laut Wehr etwa 800 000 Euro investiert. Gestern hat der Verein zum Festakt nach Staufen eingeladen, um den Erweiterungsanbau und die Renovierung nun auch offiziell einzuweihen.

Die Eltern-Kind-Fachklinik Münstertal in Staufen mit ihren 130 Mitarbeitern ist die einzige in Baden-Württemberg, die Familien mit mehrfach behinderten und schwerstbehinderten Kindern und Jugendlichen bis Pflegegrad fünf aufnimmt. Für solche ist die Hälfte der insgesamt 67 Appartements reserviert. Nach solchen Vorsorge- oder Reha-Maßnahmen für Eltern mit Schwer- und Schwerstbehinderten gebe es eine enorm hohe Nachfrage, so Wehr.

"Hier kann ich Kraft tanken", sagt Simone Krausgrill. "Laurin und ich fühlen uns hier sehr wohl. Wie jedes Kind mit Behinderung hat er eine konstante Bezugsperson, die ihn an den Wochentagen betreut." Die vielen Freizeitangebote gefielen dem 16-Jährigen so gut, dass er oft gar nicht mit seiner Mutter nach oben kommen will. "Und ich kann mich zu 100 Prozent darauf verlassen, dass er gut versorgt ist", schwärmt Krausgrill. "Hier habe ich die Muße, mal ein Buch zu lesen, mal für mich zu sein. Dinge tun, die im stressigen Alltag zu kurz kommen, Belastendes kann ich mit einem Therapeuten besprechen, außerdem finde ich den Austausch mit anderen Eltern wertvoll."

Ruth Bumen, die vor einem Jahr die kaufmännische Leitung der Fachklinik übernommen hat, erklärt, dass auch an die häufig mitreisenden Geschwisterkinder von Behinderten gedacht sei, die die größeren Belastungen häufig mittrügen. In einer eigenen "Geschwistergruppe" haben sie die Möglichkeit, sich auszutauschen. Die Kosten von Eltern-Kind-Kuren werden bis auf einen geringen Eigenanteil auf Rezept von den Krankenkassen übernommen. Für die Ausstattung, so Bumen, sei der Verein zusätzlich auf Spenden angewiesen. "Behinderte Kinder brauchen individuelle Hilfsmittel wie zum Beispiel einen Reha-Buggy, eine Art Kinder-Rollstuhl."Nina Lipp