Im Zwiespalt der Loyalitäten

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 08. Juli 2018

Südwest

Der Sonntag Zwei Musliminnen und viele Fragen: Seyran Ates und Lale Akgün stellen sich in Freiburg der aktuellen Islam-Debatte.

Toni Nachbar
Seyran Ates ist eine Meisterin darin, ihre Zuhörer ins Dilemma zu führen. 90 Minuten lang lauscht im vollen Hörsaal 1010 der Freiburger Universität ein überwiegend junges Publikum der Frauenrechtlerin gebannt, um von ihr mit diesem Fazit in den Sommerabend verabschiedet zu werden: "Es sollte euch, Nicht-Muslimen, vielleicht bereits reichen, wenn ihr wisst, wie sehr wir, Muslime, wegen des Kopftuchs streiten."

Zuvor hat die 55-jährige in Istanbul geborene Mitbegründerin der liberalen Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee den Zwiespalt ihrer eigenen Biografie aufgezeigt: "Ich erhalte Morddrohungen, weil ich mich dafür einsetze, dass Frauen und Männer gemeinsam beten dürfen", sagt sie und zeigt auf drei Leibwächter des hauptstädtischen Landeskriminalamtes, die sich in der Nähe des Rednerpultes aufhalten.

Die Muslimin Seyran Ates wird seit vielen Jahren rund um die Uhr geschützt, anonym ist sie wüstesten Beschimpfungen ausgesetzt, eine ihrer jüngsten WhatsApp-Nachrichten lautet: "Fürchte Allah, Weib!" Dennoch sagt sie in Freiburg: "Hier in Deutschland bin ich frei zu sagen, was ich möchte, obwohl viele nicht damit einverstanden sind. In der Türkei würde ich dafür ins Gefängnis geworfen werden."

Also beklagt sie bitter, dass Multikulturalität und Integration der Muslime am Scheitern sind, auch weil eine mutverlassene Politik auf die islamischen Verbände setze und nicht auf einen liberalen Islam, der die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime vertrete – oder vertreten könnte. Als Seyran Ates den Finger hebt und vor einer europäischen Entwicklung warnt, die es Katar ermöglicht, für viel Geld ein Islamisches Zentrum in Slowenien zu errichten, und Saudi-Arabien nicht daran hindert, einen wahhabitischen Islam in Bosnien-Herzegowina ("Das war das Land mit dem liberalsten Islam") zu verbreiten, kommt aus dem Publikum der "linke" Einwand, eine derartige Islam-Kritik sei Wasser auf die Mühlen der AfD.

Seyran Ates lässt sich nicht beirren: In der dritten Reihe vor ihr sitzt eine junge Frau mit Kopftuch, die Berlinerin bezweifelt, dass sie es freiwillig trägt: "Auch dann, wenn Studentinnen das Kopftuch tragen, muss ich mich fragen, ob nicht ihre Erziehung sie dazu zwingt." Seyran Ates hat noch nie ihren Stolz darüber verborgen, dass es ihr schon als Jugendliche gelungen sei, sich von ihrem traditionalistischen Elternhaus zu emanzipieren. Der westliche Feminismus war und ist eine Säule ihres politischen und gesellschaftlichen Weltbildes, für den "komplizierten" Freiheitsbegriff der Hannah Arendt wirbt sie während des Abends in Freiburg. Folgerichtig macht sie ein junger Zuhörer darauf aufmerksam, ob es nicht intolerant sei, so unnachgiebig gegen das Kopftuchtragen zu argumentieren. Seyran Ates hält dagegen und sagt schließlich: "Den Musliminnen, die in TV-Talkshows versichern, sie tragen das Kopftuch freiwillig, muss ich erwidern, dass die vielen Musliminnen, die es nicht freiwillig tragen, keinen Weg in Fernsehstudios finden, um dies sagen zu können."

Seyran Ates: "Auch ich habe eine Spiritualität"

Der Weg ist sofort frei ins nächste Dilemma: Wäre es nicht besser, wird die Frauenrechtlerin gefragt, wenn man in Deutschland konsequent säkular wäre und alle religiösen Symbole aus der Öffentlichkeit verschwänden? Seyran Ates entgegnet lächelnd: "Schon der Dalai Lama sagte, wir bräuchten weniger Religion, dafür aber mehr Ethik."

Dabei hat sie sich vor gar nicht langer Zeit zur Imamin ausbilden lassen: "Weil auch ich religiös bin und meine Spiritualität habe. Und weil ich mich dafür einsetze, dass auch Frauen predigen und zum Gebet rufen dürfen."

Die ARD dreht gerade einen längeren Dokumentarfilm zu Seyran Ates, in Freiburg entstehen Aufnahmen, die sie im vertrauten Gespräch mit dem hiesigen Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi zeigen. Zusammen mit ihm wollte sie auch in Freiburg eine Moschee gründen. Davon ist an diesem Abend keine Rede, doch Seyran Ates sagt unbeirrt, für liberale Moscheen in Wien und Brüssel trete sie weiterhin ein.

Ebenfalls aus Istanbul stammt Lale Akgün, die seit 1963 in Deutschland und derzeit in Köln lebt. Doch während für Seyran Ates ein gewisser "Bruch" mit dem kurdischen Elternhaus unvermeidlich war, sagt Lale Akgün, die Tochter einer Mathematikerin und eines Zahnarztes: "Ich kenne den liberalen Islam aus dem Elternhaus. Mein Großvater war in der Türkei islamischer Gelehrter und Schulleiter, schon meine Großmutter trug kein Kopftuch mehr."

Mit den politischen Zielen der Seyran Ates kann sich Lale Akgün identifizieren, obwohl ihre Biografien nicht unterschiedlicher sein könnten. Denn während die Juristin Seyran Ates auf ihre Leibwächter zeigt und fragt: "Wer möchte schon so leben wie ich?", hat die Diplom-Psychologin Akgün in der SPD eine beachtliche politische Karriere gemacht. Für die Sozialdemokraten saß sie zwei Legislaturperioden im Deutschen Bundestag, in Solingen war sie fünf Jahre Leiterin des nordrhein-westfälischen Landeszentrums für Zuwanderung, später in der Düsseldorfer Staatskanzlei die Referatsleiterin für "Internationale Angelegenheiten und Eine-Welt-Politik". Heute leitet sie in NRW eine "Kompetenzstelle für nachhaltige und faire Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen".

In der Islam- und Zuwanderungsdebatte ist Lale Akgün nicht weniger gefragt als Seyran Ates. In Freiburg geben sie sich die Klinke in die Hand, am kommenden Freitag, eine Woche nach dem Ates-Vortrag, wird Lale Akgün in der Katholischen Akademie mit dem baden-württembergischen Landesbeauftragten gegen Antisemitismus, Michael Blume, diskutieren. Der Psychologin und dem Religionswissenschaftler wird mit Fragezeichen die These "Verunsichert durch Muslime – Verunsicherte Muslime" vorgelegt.

Die Flüchtlings- und Migrationskrise, so Lale Akgün in einem Gespräch, habe viel von dem in Frage gestellt, was in Deutschland an Integrationsarbeit gegenüber Migranten – und nicht zuletzt Muslimen – geleistet wurde. Schuld daran seien vor allem zwei medial geführte Propaganda-Feldzüge ideologisch konträrer Lager: "Da sind zum einen die, die behauptet hatten, die Flüchtlinge brächten eine kulturelle Bereicherung. Das ist Verarschung", sagt Akgün. Man müsse die Wahrheit sagen: "Die Flüchtlinge und die Migranten sind eine Herausforderung. Und weil es so viele in einer so kurzen Zeit sind, ist ein Kulturschock die Folge. Damit aber schüren die anderen die große Panik, die nun zu einer Asylpolitik der Abschottung führt, die an der Realität und am europäischen Recht vorbeigeht."

Wer sich nur ein wenig über die Geschichte der Sozialdemokratie beugt, wird im bundesrepublikanischen Parteiensystem keine zweite Partei finden, die sich so intensiv mit den Detailmühen der Integration von Migranten in Deutschland beschäftigt hat wie die SPD. Dies ist das Themenfeld, das Lale Akgün beharrlich beackert hat. Bei Fortschrittlichen und Konservativen dürfte sie mit einer ihrer Grundüberzeugungen angeeckt sein: Denn kulturelle Nischen für Zugewanderte waren nie ihr Herzensanliegen. Lale Akgün war stets davon überzeugt, wenn man in Deutschland integriert sein möchte, müsse man im Wertesystem und in der Arbeitswelt des Mainstreams ankommen. Was daran hindere, sei abzuwerfen, im besten Fall dürfe es Folklore bleiben.

Republikanisches und ethnisches Denken

Doch heute muss Lale Akgün sich der Frage stellen, warum in Deutschland Türken der dritten Generation den autoritären Recep Tayyip Erdogan wählen, obwohl sie selbst einst überzeugt war, dass bei den Migranten irgendwann das republikanische das ethnische Denken ersetzen werde. Und sie wird konfrontiert mit der Frage, ob die SPD sich im Asylstreit richtig verhalte. "Nein", sagt Lale Akgün entschieden "ganz und gar nicht."

Binnen nur dreier Jahre sei die Politik zum zweiten Mal dabei, sich in die Tasche zu lügen. Gegen den Migrationsdruck, so Lale Akgün, helfe nur eine richtige "Nachhaltigkeitspolitik des 21. Jahrhunderts", die mit der "Entwicklungspolitik aus Opas Zeiten" nichts mehr gemeinsam habe: "Wir müssen unseren Lebensstil wesentlich verändern, und unsere gesamte Wirtschaftspolitik, die die Ressourcen der Dritten Welt zerstört und zur Klimakatastrophe führt, reformieren", sagt Akgün. Doch dafür gebe es in der deutschen und europäischen Politik keine Mehrheit: "Nicht mal in der SPD."
Diskussion "Verunsichert durch Muslime!? Verunsicherte Muslime!?" mit der Psychologin und SPD-Politikerin Lale Akgün und dem Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume am Freitag, 13. Juli, 19 Uhr, in der Katholischen Akademie Freiburg, Wintererstraße 1.
Feminismus und Muslime ist außerdem das Thema einer Debatte zwischen der Wiener Wissenschaftlerin Amani Abuzahra, der Künstlerin Furat Abduelle, der Studentin Nabila Bushra und der Berliner Aktivistin Farah Bouamar bereits am Dienstag, 10. Juli, 18 Uhr, im Hörsaal 1015, Kollegiengebäude I, Universität Freiburg

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