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07. März 2010 20:37 Uhr

Amoklauf

Jahrestag von Winnenden: Die Normalität ist weg

Längst nicht alle haben die Lektion gelernt, und längst nicht alle Wunden sind verheilt: Am Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden bleiben die Nachbarschulen geschlossen – aus Angst vor Trittbrettfahrern.

  1. Ein Jahr nach dem Amoklauf ist an der Albertville-Realschule in Winnenden noch immer keine Normalität eingekehrt. Foto: dpa

Es gibt, sagt der Tübinger Jugendpsychiater Gottfried Barth, derzeit rund 100 Jugendliche im Land mit Amokphantasien, wie konkret auch immer. Den ersten sichtbaren Schluss, den die Polizei aus dieser Erkenntnis zieht: Am Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen bleiben die Nachbarschulen geschlossen – aus Angst vor Trittbrettfahrern. Denn nichts wäre schrecklicher für die Schüler, die Angehörigen und die Helfer, als wenn sie erneut den Schrecken des vergangenen Jahres durchleben müssten.

Vor einem Jahr haben an der Albertville-Realschule in Winnenden acht Schülerinnen, ein Schüler sowie drei Lehrerinnen ihr Leben verloren – ungezählt sind jene, die das Grundgefühl verloren haben, dass eine Schule ein sicherer Ort ist. Daran haben die Bemühungen der zusätzlichen Lehrer und Psychologen, Seelsorger und Betreuer wenig geändert. Wie brüchig die Gewissheiten noch immer sind, beschreibt Christine Forster, die stellvertretende Schulleiterin der Albertville-Realschule, anhand einer alltäglichen Szene: "Wenn es zieht und irgendwo eine Tür oder ein Fenster knallt, dann zucken die Kinder zusammen, manche zittern, einige suchen unter dem Tisch Schutz, man blickt in total verängstigte Augen." Letzteres, aber das sagt Forster an dieser Stelle nicht, gilt nicht nur für Schüler.

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Angehörige fürchtend en Jahrestag

Es gibt Hinterbliebene, die die Öffentlichkeit suchen. Gisela Mayer zum Beispiel, die Mutter einer getöteten Referendarin und Mitbegründerin des "Aktionsbündnisses Winnenden". Ihre Trauerarbeit liegt seit wenigen Tagen in einem Buch vor, für das sie ebenso öffentlich wirbt wie Hardy Schober, der Vater einer erschossenen Schülerin, für die Stiftung, die ein Teil der Eltern gegründet hat. Aber die meisten Angehörigen wollen einfach in Ruhe gelassen werden, sie fürchten den Jahrestag, für den nur eine einzige öffentliche Rede vorgesehen ist – die des Bundespräsidenten.

Einen Teil der Medien wird das wenig kümmern, sie werden erneut in Massen auftreten. So wie sie vor einem Jahr angerückt sind mit gemieteten Pickups, auf deren Ladefläche Leitern standen für Fotografen und Fernsehkameras. Die Stadt Winnenden hat für das Umfeld der Schule ein Fotografierverbot und für die Trauerfeier strenge Auflagen erlassen. "Wir möchten, dass die Menschen in Ruhe trauern können", heißt es in einer Erklärung der Stadt. Das Staatsministerium verbreitete eigens Verhaltenstipps, denn Rücksichtnahme ist nicht selbstverständlich: "Fotografieren und filmen Sie bitte nicht Gesichter von Menschen, die weinen." Und es werden viele weinen, wenn das Gedenken ihre traumatischen Erfahrungen wiederbelebt. Die intensive Erinnerung kann zu einer Re-Traumatisierung führen und den therapeutischen Prozess zurückwerfen. Auch deshalb wurden Medien gebeten, keinen Kontakt zu Betroffenen oder Angehörigen aufzunehmen.

Entsetzen über tote Kinder

Der Besuch in Winnenden, sagt der frühere Kultusminister Helmut Rau, sei ihm bis heute unverändert detailliert präsent. Er musste das Kollegium vom Tod dreier Lehrerinnen unterrichtete. "Die schwersten Minuten meiner Amtszeit waren das. Das kann und will man nicht vergessen", sagt Rau. Innenminister Heribert Rech wurde damals von Polizeibeamten zu den toten Kindern in das Klassenzimmer geführt. Das Entsetzen darüber hat er bis heute nicht verwunden, trotzdem kommt er zur Gedenkstunde.

Das Land hat seither viel getan: vor allem im Stillen und in Zusammenarbeit mit den Psychologen, die ähnlich wie die Schulgemeinschaft untereinander ungewohnt verbunden blieben. Die Polizei-Psychologin Regina Gentsch schildert, wie der Einsatz den Zusammenhalt der Kollegen, der Betreuer und Helfer bis heute verstärkt. Das Heer der Psychologen hörte sich nahezu pausenlos die aufgewühlten Lebensgeschichten der Überlebenden an, und mancher arbeitete durch, weil er auch in der Freizeit nicht abschalten konnte.

Geblieben ist die intensive Betreuung: Nach wie vor versehen drei Psychologen an der Albertville-Realschule ihren Dienst, und es stehen anderthalb mal so viel Lehrer bereit wie rechnerisch notwendig. Nicht zuletzt, um überraschend wirkende Ausfälle beim schwer traumatisierten Lehrerpersonal ausgleichen zu können.

Polizisten fielen über Monate aus

Geblieben ist, dass das Geschehen Eltern, Schüler und Lehrer zusammengeschweißt hat, wie die Vorsitzende des Elternbeirates es nennt. "Ich empfinde die Schulgemeinschaft deutlich intensiver, wir gehen offener miteinander um, man lässt mehr Persönliches raus. Die Distanz ist geschrumpft." Geblieben ist aber auch bei einigen Lehrern, dass sie hier nicht mehr unterrichten können und vereinzelt Schüler noch nicht am Unterricht in den ausgelagerten Containern teilnehmen können. Selbst auf dem Polizeirevier, sagt dessen Leiter Peter Hönle, ist der Krankenstand in den vergangenen Monaten deutlich erhöht, einige der damals eingesetzten Beamten fielen über Monate aus.

"Nichts ist mehr, wie es war", sagt er. Er stelle dies hin und wieder in scheinbar beiläufigen Bemerkungen fest, wenn sie zu einem Einsatz gerufen wurden. Wenn sie mit großem Ernst ihre Schutzwesten und Helme nehmen, wenn sie zurückkehren und erleichtert sind. Hönle erinnert an die schwierige Situation, vor der seine Mitarbeiter damals standen. "Es gab Passanten, die sind einfach weggelaufen vor der bedrohlichen Situation und wurden von uns verfolgt und überwältigt. Wir wussten ja nichts über den Täter." Er spricht von großem Glück, dass in dieser nervösen Situation nichts weiter passiert ist.

Zurück in die Normalität

Unverändert blieb bislang das Gebäude. Es steht leer, aber noch in diesem Jahr beginnt der knapp sechs Millionen Euro teure Umbau, für den sich auch der Bund engagiert und der unter anderem ein spezielles Alarmsystem für die gefühlte Sicherheit umfasst. Im Sommer 2011 ziehen die Schüler wieder ein. Man dürfe, so eine Lehre aus dem Erfurter Amoklauf, auch nicht zu lange warten mit solchen Schritten zurück in die Normalität.

Der Vorwurf mancher Hinterbliebenen, die Politik habe die Trauer instrumentalisiert, ist erklärbar mit der Enttäuschung über unerfüllte Forderungen. Ein tiefgreifend schärferes Waffenrecht gibt es ebenso wenig wie das Verbot großkalibriger Schusswaffen in Privathand, eine Gewaltquote im Fernsehen oder ein Verbot von Killerspielen. Aber gleich zwei Kommissionen (eine externe und ein Landtagsausschuss) haben sich mit großem Ernst und ohne die gewohnte Hektik des kurzatmigen Politbetriebs des Themas angenommen.

Die Parlamentarier werden am Dienstag ihre Ergebnisse präsentieren, im Sommer wird ein Nachtragshaushalt das Nötige finanzieren. Dazu werden Summen von rund 20 Millionen Euro werden genannt. Zusätzliche Psychologen, Gewaltprävention als Studienfach, Sicherheitsmaßnahmen an den Schulen sind nur einige der gut 100 Vorschläge. Es fehlen: Das ohnehin wohl illusorische Verbot von Killerspielen und eine weitere Verschärfung des Waffengesetzes, für das der Bund zuständig wäre.

Gefälschte Ankündigung im Netz

Damit ist die Aufarbeitung längst noch nicht beendet. Erst seit voriger Woche steht zum Beispiel fest, dass der Amokschütze Tim K. seine Tat nicht im Internet angekündigt hat, sondern die Ermittler einer nachträglichen Fälschung aufsaßen. Im Februar übergab das US-Justizministerium zwei Festplatten mit Daten, aus denen sich immerhin der Zeitpunkt des im Internet publizierten Beitrags rekonstruieren ließ. Der Autor selbst konnte nicht ermittelt werden. Und eine Antwort auf die Frage, was im Kopf eines Menschen vorgeht, der Stunden nach einer solchen Tat eine gefälschte Ankündigung ins Internet stellt.

Auch anderes liegt noch im Dunkeln: Welche psychologische Betreuung genoss der 17-jährige Amokläufer vor der Tat, was wussten seine Eltern darüber und was unterließen sie, was die Eskalation hätte verhindern können? Dies wird erst der Prozess gegen den Vater zeigen, der vermutlich im Herbst eröffnet wird. Die Anklage: fahrlässige Tötung in 15 Fällen. Schließlich hatte er die Waffe nicht vorschriftsmäßig weggeschlossen. Dieser Prozess, sagen Gisela Mayer und Hardy Schober vom Aktionsbündnis Winnenden, sei für sie extrem wichtig. Weil er endlich Klarheit bringt über die Verantwortung.

Reine Taktik des Vaters?

Es gab eine Phase nach dem 11. März, da waren Gisela Mayer und Hardy Schober sogar bereit, ein Gesprächsangebot des Vaters von Tim K. anzunehmen. Sie haben bei allem Schmerz nicht vergessen, in welch schwieriger Situation sich die Eltern befinden. "Ich wollte seine Augen sehen, nur um zu wissen, ob er es ernst meint", sagte Schober bei einer Tagung in Bad Boll. Inzwischen hat er seine Zweifel, unterstellt K., sein Verhalten sei reine Taktik und ausgerichtet auf die mögliche Wirkung in dem Prozess.

Diese juristische Aufarbeitung ist ein beispielloses Unterfangen: "So einen Fall hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Wir hatten noch nie einen Strafprozess, bei dem jemand Drittes in Bezug auf einen Amoklauf belangt worden ist", sagte der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger der Nachrichtenagentur dpa. Die Hinterbliebenen der toten Kinder und der drei erschossenen Lehrerinnen weigern sich, mit dem Vater des Täters, der sich am Ende des Amoklaufes das Leben nahm, zu reden. Aber sie wollen den Prozess keinesfalls als Akt der Rache missverstanden sehen, sondern suchen eher einen präventiven Aspekt.

Den fordert auch der Sonderausschuss: Mehr Staatsanwälte zur Verfolgung von Internetkriminalität, mehr Gewaltprävention im Jugendsport, mehr Beratungsangebote für Familien. Das ist alles so sinnvoll wie die jüngst beschlossene Stellenvermehrung für Schulpsychologen. Ein Patentrezept jedoch gibt es nicht. Jeder Amoklauf, so Helmut Rau, habe bislang immer zuvor gewonnene Erkenntnisse über den Haufen geworfen. "Wir können solche Taten nur be- aber nicht verhindern".

"Wir wollen nicht nur zurückblicken, sondern eher in die Zukunft."
Im Ort, hat Hardy Schober festgestellt, sei man zusammengerückt, "da spürt man die Verbundenheit, der ganze Ort fühlt mit". Allerdings gebe es eben auch jene, die finden, das Leben in Winnenden dürfe sich nicht auf diesen Tag und diese Tat beschränken. Sie wollen die alte Normalität zurück und sind überzeugt, dass zu viel Gedenken und Erinnern auf dem Weg zurück eher hinderlich ist. Diese Stimmen kennt auch Reimar Krauß, Pfarrer von Winnenden. Details darf und will er nicht ausführen.

Zu den Neuerungen an der Albertville-Realschule gehören regelmäßige Projekttage und feste Plätze im Schulalltag, in denen die Schüler über sich und ihre Bedürfnisse reden können. Eine der wichtigsten Forderungen, die dabei formuliert wurde: "Wir wünschen uns, dass alles wird wie früher und wir ganz normal zur Schule gehen können." Und Astrid Hahn, die Leiterin der Schule, meinte mit Blick auf den bevorstehenden Jahrestag: "Wir wollen wieder eine Schule, in die die Schüler ohne Angst kommen und für ihre Zukunft lernen können." Und eine 15-jährige Schulsprecherin verlangte unlängst: "Wir wollen nicht nur zurückblicken, sondern eher in die Zukunft."

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Autor: Andreas Böhme und Franz Schmider