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12. Mai 2010

Menschen von hier

Kai Horschig, der Dauer(b)renner

Immer auf der Suche nach neuen Zielen – der 24-Stunden-Läufer Kai Horschig aus Schopfheim.

  1. Selbst Hund Figo macht im Duell mit Kai Horschig schlapp. Foto: A. Hönig

SCHOPFHEIM. "Grenzgänger": Kai Horschig gibt diesem Wort eine völlig neue Bedeutung. Nicht weil der 44-Jährige aus dem Schopfheimer Ortsteil Wiechs beruflich täglich in die Schweiz pendelt – das machen hier viele im Wiesental und am Hochrhein. Kai Horschig überschreitet seine Grenzen vielmehr in der eigenen Freizeit – die körperlichen: Der 44-jährige ist Ultramarathonläufer und steht jetzt vor seiner bisher größten Herausforderung. Er geht am 13. Mai bei der Weltmeisterschaft im 24-Stunden-Lauf im französischen Brive an den Start.

"Ich freue mich tierisch drauf, Deutschland offiziell vertreten zu dürfen", sagt der 44-Jährige und die Augen leuchten vor Vorfreude. Vorfreude auf etwas, was viele schlicht als brutale Tortur empfinden würden. 24-Stunden-Läufe sind mit das härteste, was es im Ultramarathon-Bereich gibt. 1440 endlos lange Minuten. Laufen, laufen und laufen. Mit einer horrenden Durchschnittsgeschwindigkeit von bis zu zehn Stundenkilometern – Marathonweltrekordler laufen in zwei Stunden jeweils 20.

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Kämpfen. Gegen die Uhr. Den Schmerz. Den inneren Schweinehund. Ohne Pause. Gestoppt wird nur, um Kleidung zu wechseln. Gegessen wird im Gehen. Extremste Herausforderung für Körper und Geist. Umso irritierender sind die Fotos, die Horschig zeigt. Auf ihnen sieht alles ganz locker aus. Kai Horschig mit einem Lächeln beim Zieleinlauf des 24-Stunden-Laufs von Basel. Horschig gewann ihn 2009. Ebenso wie im Dezember das 24-Stunden-Rennen von Barcelona. Auch hier gibt es Bilder. Horschig dreht nach 236 Kilometern eine Ehrenrunde und schwenkt freudestrahlend die Deutschlandfahne.

Die Fotos täuschen aber auch ein wenig. "Die letzten Stunden bei so einem Rennen sind ein echter Kampf. Und wenn der Körper streikt, der Magen nicht mitmacht, hast Du keine Chance. Hinterher habe ich Krämpfe, kann kaum noch einen Schritt gehen", bekennt Horschig.

Und doch sucht er sich, kaum ist das Rennen vorbei, die nächste Herausforderung. "Man braucht immer wieder neue Ziele im Leben", das ist seine Philosophie. Ihr verdankt er seine berufliche Karriere – Horschig ist bei Coop Schweiz zum Hauptverantwortlichen für die Technik von 160 Filialen aufgestiegen. Ihr verdankt er auch seinen sportlichen Erfolg. Im Dorf hat der Ortschaftsrat den Ruf als "Dauer(b)renner".

Eigentlich war Horschig lange Jahre Handballer. Dann kam der Hausbau. Horschig legte selber Hand an. Da war kaum Zeit für Mannschaftssport. Horschig legte an Gewicht zu. Was tun? Bekannte schwärmten ihm vom New York Marathon vor. Langstreckenlauf? Wieso nicht? Horschig probierte es aus. Zusammen mit Ehefrau Heike. Erst den Marathon in New York. Dann Berlin. Dann London.

Das Training wurde immer intensiver, die Zeiten besser, die Strecken länger. Doch Horschig spürte, dass er noch nicht an seine Grenzen gekommen war. 2007 wollte er wissen, wie "unverwüstlich" er ist: Er lief den berüchtigten Marathon des Sables. 230 Kilometer in sechs Etappen durch die Sahara. Kaum zurück, plante er die nächste Steigerung. Beim 24-Stunden-Lauf fühlt er jetzt, dass er angekommen ist. "Das ist genau mein Tempo."

Marathon oder 100-Kilometer-Läufe sind für Kai Horschig jetzt bessere Trainingseinheiten. Die 24-Stunden-WM "ist mein großer Traum." Dafür gibt er alles. "Du tust es für Deutschland", steht auf dem Bild, das sich Horschig neben den Kühlschrank gehängt hat. 77 Kilo wiegt er bei 1,83 Metern Körpergröße. Schlank, aber nicht zu schlank. Auch die Ernährung gehört zur Vorbereitung. "Ich hab noch nie so hart trainiert wie jetzt und mich noch nie so gut trainiert gefühlt." Nur einen Ruhetag gönnt er sich pro Woche, bis zu 40 Kilometer läuft er mal eben so nach Feierabend.

Selbst der schwarze Border-Collie Figo macht mittlerweile schlapp. Horschig muss nun seine Strecken auf dem Dinkelberg so planen, dass er den Hund zwischendurch zuhause abliefern kann. Eine gute Zeit abliefern will er natürlich jetzt auch in Frankreich. 30 Nationen sind vertreten. Horschig kennt die Konkurrenten und ihre Zeiten. Favoriten sind andere, die Japaner etwa. Doch wer weiß, was passiert, wenn Kai Horschig wieder mal seine Grenzen geht. "Letztlich", sagt er und lächelt vielsagend, "kommt es auf die Tagesform an."

Autor: André Hönig