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03. Juni 2017

Kinderschutz über den Rhein hinweg

Richter und Behörden müssen immer häufiger grenzüberschreitende Sorgerechtsfälle schlichten / Neues Handbuch soll ihnen helfen.

  1. Zu Papa oder zu Mama? Foto: dpa

STRASSBURG. Eine Konfrontation mit dem deutschen Jugendamt hatte Christiane P. nicht erwartet, als sie mit ihrem Lebensgefährten und der gemeinsamem Tochter in ein Dorf bei Kehl zog. Wie manch andere Straßburger Familie lockte die günstige Miete. Dann trennte sich das Paar. Christiane P. zog mit dem Kind nach Straßburg zurück. "Ich hatte nie auf dem Land leben wollen", sagt sie heute. Ein Streit begann: Der Vater beantragte das Sorgerecht für die Tochter bei den deutschen Behörden – die Mutter bei den französischen.

Ein Kehler Richter ordnete schließlich ein geteiltes Sorgerecht an. Die Regelung habe mit einem abwechselnden Aufenthalt des Kindes einigermaßen funktioniert, berichtet P. – bis ihre Tochter, heute sieben Jahre alt, im Jahr 2016 eingeschult werden sollte. Sie will, dass ihre Tochter in Straßburg zur Schule geht. "Sie ist Französin, sie soll in Frankreich die Schule besuchen." Die Eltern trafen sich erneut vor Gericht, wieder in Kehl, der Vater setzte sich durch. Christiane P. sieht ihr Kind deshalb nur noch jedes zweite Wochenende und in einem Teil der Ferien. Ihr Ex-Partner halte sich oft nicht an Absprachen, klagt sie, immer wieder komme es vor, dass sie ihre Tochter nicht wie abgemacht zu sich holen könne.

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Die Geschichte sei dramatisch, eher nicht alltäglich, kommentiert ein leitender Mitarbeiter des Jugendamtes im Ortenaukreis, der anonym bleiben möchte. Dennoch sei der Fall beispielhaft dafür, wie der grenzüberschreitende Aspekt im Bereich Kinderschutz in den Fokus gerückt ist. "Tatsächlich nehmen am Oberrhein seit Jahren die Fälle zu, in denen beide Länder involviert sind", sagt die Sozialwissenschaftlerin Sibylle Fischer von der Evangelischen Hochschule Freiburg.

Sie gehört zum Autorenteam eines Handbuchs zum Thema, an dem die Straßburger Hochschule für Soziale Arbeit (Estes), der Departementsrat Bas-Rhin und der Ortenaukreis mitgewirkt haben. Ausgehend von Erfahrungen der Behörden hatte sich diese Kooperation offenbar aufgedrängt. Viele Fälle zeigen: Sozialarbeiter und Richter müssen besser verstehen, wie auf der anderen Rheinseite gearbeitet wird. Im "Vademecum für einen grenzüberschreitenden Kinderschutz" finden sich neben Adressen, einem zweisprachigen Glossar und Handlungshilfen etliche Beispiele.

So das eines Dreijährigen, der mit seiner Mutter aus dem Raum Freiburg nach Frankreich gezogen war. Der Vater wendete sich an das deutsche Jugendamt, dass nachforschen wollte, ob es dem Kind gut gehe und Kontakt mit den französischen Behörden aufzunehmen versuchte. Kümmerlicher Ausgangspunkt: die Faxnummer eines französischen Amtes.

Das Handbuch soll auch verhindern, dass nationale Behörden isoliert und ohne Dolmetscher entscheiden. Christiane P. war zum Beispiel mit dem Besuch einer Gutachterin des deutschen Jugendamtes konfrontiert, die, berichtet sie, "in etwa so gut Französisch sprach wie ich Deutsch". Sie schildert einen weiteren Termin beim Jugendamt, bei dem letztlich der Vater ihrer Tochter, der zwar Franzose, aber zweisprachig ist, gedolmetscht hat.

Christiane P. ließ nicht locker. Inzwischen gibt es einen neuen Kontakt bei den Behörden. Sie fasst Hoffnung. "Man hat mir versprochen, meinen Fall zu prüfen", sagt sie, "und einen neuen Sachbearbeiter mit meinem Fall zu beauftragen."

Die Broschüre im Netz: http://mehr.bz/vademecum

Autor: Bärbel Nückles