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20. August 2016 00:01 Uhr

Prävention

Klebe-Tattoo soll potenzielle Grapscher abschrecken

Versehentlich berührt oder gezielt begrapscht? Das Thema sexuelle Belästigung im Schwimmbad ist ein Dauerbrenner. Viele Bäder wollen helfen – aber ohne hysterische Debatte.

  1. Ein kleines aufkleb- und abwaschbares Tattoo soll Warnung sein. Foto: dpa

  2. Sicherheitsdienst in einem Stuttgarter Bad Foto: dpa

Nicht glotzen und vor allem: Finger weg. In vielen Schwimmbädern am Bodensee sollen zwei kleine Flügel und der Schriftzug "No" auf der Haut künftig genau das ausdrücken. Ein kleines Klebe-Tattoo – aufkleb- und abwaschbar – soll eine Warnung sein an potenzielle Grapscher, zugleich aber auch eine Bestärkung für Kinder und Jugendliche, sich zu wehren, wenn ihnen jemand zu nahe tritt. "Nein! Nicht mit mir!" lautet das Motto einer Präventionskampagne gegen sexuelle Belästigung des Bodenseekreises in Frei- und Hallenbädern und Thermen.

Veronika Wäscher-Göggerle hat sie ins Leben gerufen. Die Frauen- und Familienbeauftragte des Kreises sieht darin in erster Linie eine Hilfestellung vor allem für junge Badegäste. "Ich glaube, die sind sehr verunsichert", sagt sie. Was ist normal im täglichen Miteinander, was muss man sich nicht gefallen lassen – und vor allem auch melden? Das soll eine Art Comic erläutern, der künftig in den Bädern ausliegt.

Seit der Silvesternacht von Köln und ähnlichen Vorfällen in den Wochen danach sind sexuelle Belästigungen ein Dauerthema – in den Sommermonaten stehen Schwimmbäder besonders im Fokus. Sicherheitsdienste patrouillieren über Liegewiesen, regelmäßig gibt es Berichte von Fällen, in denen Mädchen und junge Frauen im Wasser begrapscht und bedrängt werden. Nach mehreren sexuellen Übergriffen in einem Freibad in Kirchheim/Teck engagierte die Kommune private Sicherheitsleute, auch in Stuttgarter Bädern sind jetzt welche unterwegs.

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Die Bäder in Südbaden klagen über ein anderes Problem: pöbelnde, respektlose und teils randalierende Jugendliche. René Derjung, Sprecher der städtischen Wohnbaugesellschaft Freiburger Stadtbau, deren Tochter Regio Bäder GmbH die Bäder in Freiburg betreibt, berichtet, dass das Aufsichtspersonal und Badegäste mitunter beleidigt oder gar bedroht würden. "Um dem zu entgegnen, aber auch zur Prävention, haben wir externes Sicherheitspersonal beauftragt, das täglich Kontrollgänge im Bad vornimmt." Auch in Kehl gibt es schon länger einen Sicherheitsdienst im Freibad. Die benachbarte Großstadt Straßburg hat kein eigenes Freibad, viele Franzosen kommen. Und einige, darunter Jugendliche mit maghrebinischem Hintergrund, haben immer wieder für Ärger und Randale gesorgt.

Nicht mehr Vorfälle, aber mehr Aufmerksamkeit

Die Gewaltbereitschaft in Bädern ist also ein relativ neues Phänomen, die Fälle von sexueller Belästigung hingegen nicht, betonen die Betreiber der Bäder im Südwesten. Lediglich die Aufmerksamkeit sei gestiegen. Das Innenministerium betont, die Zahl der erfassten sexuellen Übergriffe in Schwimmbädern schwanke zwar, sie habe sich in den vergangenen fünf Jahren aber nicht nennenswert geändert. "Es gibt keine Auffälligkeiten", sagt auch Joachim Heuser von der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, weder bei der Zahl der Taten noch bei der Beteiligung von Flüchtlingen. Deren fehlende Erfahrung mit Schwimmbädern sei ein viel größeres Problem, die richtige Badekleidung, die Einschätzung der Wassertiefe – und dass viele gar nicht schwimmen könnten. Inzwischen habe sich das aber eingespielt. Dazu hätten unter anderem die in mehrere Sprachen übersetzten Baderegeln beigetragen, die in vielen Bädern aushingen. Unter anderem im Freiburger Lorettobad, dessen Damenbad von vielen muslimischen Frauen und Familien besucht wird, sind die Regeln mehrsprachig dargestellt.

Im Lörracher Bad haben in dieser Saison sogar zwei junge Flüchtlinge, einer aus Gambia, einer aus Nigeria, den Dienst angetreten. Sie sorgen für Sauberkeit auf der Wiese, kümmern sich um die Grünpflege – und vermitteln anderen Flüchtlingen, wie man sich im Bad verhält.

Autor: dpa