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29. Mai 2017 15:13 Uhr

Ende eines Mythos

Landesbeamte waren unter dem NS-Regime willfährig

In welchem Maße haben die Beamten in den Länderministerien die Nationalsozialisten in Berlin unterstützt - und warum? Historiker haben dies nun anhand der Ministerien von 1933 bis 1945 in Baden und Württemberg untersucht - mit teils überraschenden Ergebnissen.

  1. Gab es Widerstand gegen Hitler in den Landesministerien? Foto: dpa

Es hörte sich so gut an - und viele wollten es nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmt auch gerne hören: dass die Beamten in den Landesministerien von Baden und Württemberg besonders widerständig oder gar oppositionell gegenüber den Nationalsozialisten in der "Reichshauptstadt" Berlin gewesen seien. Allein: Es stimmt nicht.

Das haben dreijährige Forschungen im Auftrag der Landesregierung gezeigt, deren Ergebnisse am Montag in Stuttgart vorgestellt wurden. Der Historiker Joachim Scholtyseck von der Universität Bonn spricht von einem Mythos, von reiner Folklore. Obwohl die Forscher gezielt danach suchten, fanden sie kaum Belege für Widerstand oder Opposition in den Landesministerien.

15 Forschungsprojekte zu dem Thema

Bundesweit sind nach Angaben des Stuttgarter Historikers Wolfram Pyta 15 Forschungsprojekte an den Start gegangen, um die NS-Vergangenheit in der Ministerialverwaltung zu betrachten. Die Projekte betreffen aber vor allem die Reichsebene - also die heutigen Bundesministerien. "Wir nehmen die Ebene der Länder ernst", sagt Pyta. Es sei mitnichten so, dass in Berlin alles entschieden worden sei und in der Provinz die Idylle geherrscht habe. In bestimmten Politikfeldern - vor allem in der Schulpolitik - habe es eigene Akzente der Länder gegeben.

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Die Landesministerien und die ihnen untergeordneten Behörden erwiesen sich als willfährige Diener der Nationalsozialisten. Wie der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum ausführt, nahmen sie politische Gegner wie zum Beispiel Kommunisten und Sozialdemokraten in Schutzhaft. Sie bauten einen Verwaltungsapparat zur Durchführung von Zwangssterilisationen auf.

Verwaltung agierte aus eigenem Antrieb

Sie bereiteten die Deportation von Juden vor, indem sie "Judenkarteien" anlegten. Die Beamten organisierten die "Euthanasie" - also die Ermordung Kranker. Sie führten Verfahren gegen Lehrer, weil diese den Hitlergruß nicht ordentlich ausführten, und sie prüften die Preise bei Zwangsverkäufen jüdischer Immobilien.

Und das alles größtenteils aus eigenem Antrieb heraus. Denn nach ihrer Machtergreifung hatten die Nationalsozialisten kaum Beamte in den Länderministerien ausgewechselt. "Ihre Umwandlung in Werkzeuge der Diktatur war vielmehr ein Prozess der Selbstgleichschaltung der Beamtenschaft und Ausdruck eines kollektiven politischen Opportunismus", sagt Wolfram.

Drei Viertel waren NSDAP-Mitglied

Er erklärt dies mit der Haltung der Beamten vor 1933: In ihrem Selbstverständnis seien sie eben nicht Vertreter der demokratischen Ordnung gewesen, sondern unpolitische Staatsdiener, deren persönliche Anschauungen häufig rechtsliberal oder konservativ und nicht frei von antijüdischen Ressentiments gewesen seien. Insgesamt dürften drei Viertel der badischen und württembergische Ministerialbürokraten NSDAP-Mitglied gewesen sein.

Bei missliebigem Verhalten gab es nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler eher subtile Formen, um Beamte zu maßregeln. Manche Staatsdiener seien in den Ruhestand gedrängt worden, anderen seien die Zulagen gestrichen worden. "Im Grunde genommen ist die Maximalsanktion, die Beamten gedroht hat, die Nicht-Beförderung gewesen", sagt der Heidelberger Wissenschaftler Frank Engehausen. Beamte, die wegen widerständigen Verhaltens im Gefängnis gelandet wären, seien jedenfalls in der badischen und württembergischen Ministerialbürokratie nicht entdeckt worden.

Demokratie ist verletzlich

Für Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) zeigen die Forschungsergebnisse, wie verletzlich die Demokratie ist. Unter dem NS-Regime habe es in den Ministerien in Baden und Württemberg eben keinen krassen personellen Schnitt, keinen Umbruch gegeben - das NS-Regime sei vielmehr auf Samtpfoten dahergekommen.

"Wenn es so mühelos gelingt, das alltägliche Verwaltungshandeln unter den neuen Machthabern anzupassen, dann muss uns das zu denken geben - gerade in einer Zeit, in der die Systemgegner von den Rändern unserer Demokratie her versuchen, Oberwasser zu gewinnen."

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Autor: Bettina Grachtrup, dpa