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30. Juni 2012

MENSCHEN VON HIER: Zu couragiert, um sich zu verstecken

Benjamin Soussan, der Landesrabbiner der Israeliten Badens, wird verabschiedet.

  1. Benjamin Soussan – hier beim feierlichen Eröffnen des Chanukkafestes in der Freiburger Synagoge 2008 Foto: Thomas Kunz

Er wirkt wie einer, den so schnell nichts umhaut, kräftige Statur, hohe Präsenz. Das Jüdische an ihm? Es ist weit mehr als eine religiöse Grundausstattung, es ist die Lebendigkeit, mit der er erzählt und lehrt, mit großer Geste und kleinen Andeutungen, Schalk und Charisma: Benjamin Soussan (69), der Mann, der jetzt als Landesrabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden abtritt.

Als Jugendlicher war Benjamin Soussan mit 20 anderen aus dem heimatlichen Marokko aufgebrochen nach London, der dortigen Talmudschule wegen; es war im Winter 1955. In seiner Geburtsstadt Fes war sein Großvater ein berühmter Rabbiner. Was lockte ihn nach London? Das Lernen, gewiss, aber auch der Glamour: "London war in unserer Vorstellung wie Hollywood – die Queen, die große Welt." Doch die Ordinierung als Rabbi kam später. "Das klingt vielleicht eitel", sagt er, "aber ich fühlte mich noch nicht reif, Rabbiner zu werden."

Erst kam Dublin, Paris, schließlich Freiburg – denn in Paris hatte er seine spätere Frau kennengelernt, eine Freiburgerin. Und auch in deren Heimatgemeinde Kirchzarten, "dieses kleine grüne Dorf", hatte sich der junge Mann sofort verliebt. Seine nichtjüdische Freundin konnte Soussan seiner Familie nicht vorstellen, eine Konvertierung war unerlässlich. Und damit auch viele gemeinsame Fahrten – oft per Autostopp – zu den Lehrstunden beim Frankfurter Rabbiner.

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Damals jobbte Soussan als Textilarbeiter bei der Firma MEZ. Bald avancierte er jedoch zu einem Promi der Gastroszene in Freiburg, wurde Geschäftsführer des legendären Studentenclubs "Le Caveau" am Schwabentor, auch Horst Ehmke, Ralf Dahrendorf und – ein Freund fürs Leben – Rolf Böhme kehrten bei ihm ein.

Die Familie, die Kinder waren es, die mit ihren Fragen aus dem jüdischen Religionsunterricht bei ihm den Wunsch weckten, wieder als spiritueller Lehrer zu arbeiten. Er nahm Studien in Heidelberg und London auf, engagierte sich in der mit etwa 170 Mitgliedern recht kleinen Freiburger Gemeinde, trat zu den Vorstandswahlen an und wurde prompt gewählt. 1983 war die provisorische Synagoge noch eine Wohnung am Stadtrand. Der Neubau einer Synagoge mitten in der Stadt war sein persönlicher Erfolg – bei hohem Konfliktpotenzial in seiner Gemeinde: "Meine größten Gegner gegen diesen Neubau waren diejenigen alten Gemeindemitglieder, die schlichtweg Angst hatten, so sichtbar mitten in der Stadt aufzutreten." Er selbst stand für eine selbstbewusstere Generation, die sich "nicht verstecken" wollte.

So versteckte er sich 1993/94 auch nicht vor den Auseinandersetzungen mit dem ultraorthodoxen Rabbinatsgericht in Zürich. Es sollte nicht sein letzter Konflikt bleiben: Von der Konferenz der europäischen Rabbiner hatte er 1989 das Rabbinische Diplom erhalten und später wieder entzogen bekommen, die 2003 gegründete Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland jedoch bescheinigte ihm die Ordinierung, und 1998 wurde er Gemeinderabbiner in Freiburg – da war er bereits vier Jahre Landesrabbiner in Baden. Die Zusammenarbeit mit der Freiburger Gemeinde endete 2011. "Nach vielen Jahren großartigen Wirkens bei stetig wachsender Mitgliederzahl", wie ihm sein Freund Rolf Böhme bescheinigt.

Auch als Landesrabbiner in Sachsen-Anhalt war Benjamin aktiv gewesen – von 1995 bis 2004 führte er eine Art berufliches Doppelleben zwischen Südwest- und Ostdeutschland. In einem großen Festakt in Karlsruhe wird Soussan am Sonntag verabschiedet. Was er getan hat, sagt Böhme, "war außerordentlich verdienstvoll". Unausweichlich schienen jedoch auch die Konflikte. "Ich war immer zu naiv", sagt Soussan, "bin immer auf alles zugegangen, auch wenn es mir vielleicht geschadet hat." Deshalb bleibt nicht nur der Stolz ("Ich habe immer mehr gelernt als jeder andere!") und die Freude an der richtigen Wahl seines Berufs ("Ich war nicht umsonst da!"), die Zufriedenheit über viele Erfolge – nicht zuletzt auch den Synagogenbau.

Es bleiben auch Kummer und Wunden, aber auch der Blick nach vorn, denn: "Ich bin ein Kämpfer und ich glaube an Gott. Das gibt mir Kraft." Die Geschichte, die Soussan in Sachen Berufswahl gerne erzählt, hat er damit selber widerlegt: "Eine Mutter, deren Sohn Rabbiner wird, bekommt von ihren Freundinnen gesagt: Rabbi? Das sei doch einfach kein Beruf für einen jüdischen Jungen!" Für ihn, Benjamin Soussan, war es der beste.

Autor: Julia Littmann