Aufarbeitung

Nazijäger finden noch immer mutmaßliche nationalsozialistische Täter

dpa

Von dpa

So, 02. Dezember 2018 um 16:51 Uhr

Südwest

Von 30 Verfahren pro Jahr spricht die Zentrale Stelle der Länder zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Die Institution wird 60 Jahre alt – und sucht weiter nach NS-Tätern.

Die Taten sind lange her, die mutmaßlichen Täter sind heute Greise – sofern sie noch leben. "Was wollt ihr noch mit den alten Männern", hören die Staatsanwälte der Zentralen Stelle der Länder zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen deshalb immer wieder. Doch Mord verjährt nicht, deshalb wird weiter nach Tätern aus der NS-Zeit gesucht. Und das Land sichert den Fortbestand der Stelle zu, die am 1. Dezember vor 60 Jahren ihre Arbeit aufgenommen hat. An diesem Montag wird das mit einem Festakt im Ludwigsburger Schloss gefeiert.

Auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende finden die Nazijäger immer noch Verdächtige, die sich des Mordes oder der Beihilfe zur NS-Vernichtungsmaschinerie schuldig gemacht haben könnten. Nach wie vor gibt die Zentrale Stelle der Länder zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg rund 30 Verfahren pro Jahr an die zuständigen Staatsanwaltschaften etwa am Wohnort des Verdächtigen ab, wie Behördenchef Jens Rommel sagt.

Die Verdächtigen seien jedoch alle deutlich jenseits der 90 und meist nicht mehr verhandlungsfähig. Immer weniger Verfahren führten tatsächlich zu einem Prozess, so Rommel. Dennoch ist für Justizminister Guido Wolf (CDU) eine Abschaffung der Stelle undenkbar: "So lange noch potenzielle Täter unter uns sind, kommt eine Beschränkung oder gar Schließung der Zentralen Stelle für mich nicht in Betracht", sagte er. Die Idee der Gerechtigkeit, das Streben nach Gerechtigkeit sei losgelöst von Jahr und Zahl.

Seit der Gründung der Zentralen Stelle am 1. Dezember 1958 haben die Staatsanwälte in Ludwigsburg laut Rommel 7650 Vorermittlungsverfahren geführt. Darunter sind etliche Sammelverfahren mit einer Vielzahl von Tatvorwürfen und Verdächtigen. Unter dem Strich seien 120 000 Verdächtige im Visier der Ermittler gewesen. Auf irgendeine Weise sei Ludwigsburg immer dabei gewesen, entweder bei der Vorbereitung der Verfahren oder der Unterstützung.

Die beeindruckende sechsstellige Zahl schrumpfe jedoch recht bald zusammen, sagte Rommel, wenn man sich die Zahl von 17 000 Anklagen und dann rund 7000 Urteilen ansehe. Bei etlichen Verdächtigen habe sich herausgestellt, dass sie den Krieg nicht überlebt hätten, bis zum Verfahren gestorben oder erfolgreich untergetaucht seien. Eine Beteiligung an konkreten Straftaten sei eben schwer nachweisbar.

In den 50er und 60er Jahren sei auch der Elan offenbar nicht immer da gewesen, sagt Rommel: "Die Stimmung war so, dass man eher nach vorne schauen wollte und unter die düstere braune Vergangenheit lieber einen Schlussstrich ziehen wollte." Heute sei man aufgeschlossener. "Auch die Justiz hat einen Lernprozess durchlaufen."

Den Satz "Was wollt ihr noch mit den alten Männern" höre er schon immer mal wieder, erzählt Rommel. Jedoch habe sich der Gesetzgeber bewusst entschieden, dass Mord nicht verjährt. "Daraus folgt die Aufgabe, aufzuklären, so lange es möglich ist." Auch wenn es selten zu etwas führe: 2013 etwa seien 30 Verfahren zu Auschwitz abgegeben worden. Fünf führten zu Prozessen und zwei zu Urteilen.

Eigentlich lief kein Nazi-Prozess in der Bundesrepublik ohne Ludwigsburger Beteiligung: Rommel nennt die Frankfurter Auschwitz-Prozesse und die Verfahren gegen SS-Angehörige des Personals im Vernichtungslager Majdanek Ende der 70er Jahre.

Die Verurteilung von John Demjanjuk 2011 galt als Wendepunkt in der Rechtsprechung. Der KZ-Aufseher wurde wegen Beihilfe zum Mord an tausenden Juden verurteilt, obwohl ihm individuell keine Tat zugeschrieben werden konnte. Auch das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Mann in Auschwitz, Oskar Gröning, lief über Ludwigsburg. Das Landgericht Lüneburg befand ihn 2015 der Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen für schuldig – "weil er schon durch seine Dienstausübung die Tötungsmaschinerie aufrecht erhalten hat", wie Rommel erklärte.

Aktuell konzentriere man sich auf die verschiedenen Lager der Nazis, so Rommel. Nachdem im vergangenen Jahr mehrere Fälle aus den einstigen Konzentrationslagern Ravensbrück, Mauthausen und Buchenwald an die Staatsanwaltschaften gegeben wurden, versuche man in diesem Jahr speziell in Sachsenhausen, Groß-Rosen, Natzweiler und Mittelbau-Dora, Verantwortliche für Nazi-Verbrechen benennen zu können. Wenn überhaupt noch, lasse sich Mord oder Beihilfe zum Mord in einer Lagerorganisation eher nachweisen. Zudem seien die NS-Schergen dort damals vergleichsweise jung gewesen – womit die Wahrscheinlichkeit steige, dass sie überhaupt noch leben.