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19. März 2017 15:30 Uhr

Ersthelfer

Rettungskräfte in der Region klagen über Schaulustige

Ob es auf der Autobahn kracht oder ein Haus in Flammen steht: Sofort sammeln sich die Gaffer und zücken ihre Smartphones. Polizei und Rettungskräfte in der Region beklagen die wachsende Schaulust.

  1. Schaulustige mit Smartphone gehören an Unfallorten zum Alltag. Foto: dpa Deutsche Presse-Agentur

Es war diesen Montag in Freiburg-Herdern, als auf dem Balkon im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses ein Brand ausbrach. Die Flammen drohten auf die Wohnung überzugreifen, Feuerwehrleute und Nachbarn versuchten, dies nach Kräften zu verhindern.

Dabei störten Gaffer massiv die Löscharbeiten. "Viele Schaulustige mussten mehrfach ermahnt werden, weil sie sich im Gefahrenbereich bewegten", teilte die Polizei danach mit. Eine Anwohnerin habe gar verlangt, dass ein Feuerwehrauto mitten im Einsatz weggefahren wird, weil es ihr die Ausfahrt aus der Tiefgarage versperrte.

"Bei vielen ist jegliche Hemmschwelle gefallen." Ralf Götz, DRK
"Gaffer mit Smartphones haben in den letzten zwei, drei Jahren stark zugenommen", sagt Ralf Götz, der den Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Freiburg leitet. "Bei vielen ist jegliche Hemmschwelle gefallen, sie gehen so nah wie möglich ran und halten sogar ihre Kinder hoch, damit sie besser sehen können." Inzwischen treffe man bei so gut wie jedem Einsatz in der Öffentlichkeit auf Schaulustige. "Wenn wir ankommen, sind die Gaffer meist schon da", sagt Walter Veeser.

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Der erfahrene Beamte ist bei der Verkehrspolizei verantwortlich für die Koordination der Unfallaufnahme in der Stadt Freiburg, den Kreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Emmendingen sowie auf der Autobahn A 5. Manche Katastrophentouristen ließen sich auch nicht durch die rot-weißen Flatterbänder der Polizei abhalten, sondern schlüpften unten durch, um Verletzte oder Verstorbene besser ablichten zu können. "Es ist eine Art Seuche", sagt Veeser. Und die beschränke sich nicht auf Unfall- und Tatorte: Immer mehr Gaffer machen Fotos und Filmaufnahmen, die sie danach ins Internet stellen. Eine Rettungskraft des DRK Freiburg berichtet von einem Fall, in dem Bilder eines Verunglückten schneller im Netz die Runde machten, als die Angehörigen über seinen Tod benachrichtigt werden konnten.

Kommen die Ersthelfer nicht durch, geht wertvolle Zeit verloren

Zur Katastrophe hätte es kommen können, als am Mittwoch auf der A 5 bei Weiterstadt in Hessen ein Bauarbeiter von einer Brücke stürzte: Weil Autofahrer die Rettungsgasse als Überholspur nutzten, blieben die Einsatzfahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und Notarzt stecken. So verloren die Rettungskräfte wertvolle Zeit, die letzten 800 Meter liefen sie in voller Montur zwischen den Autos hindurch zum Unfallort, wie sie später der dpa berichteten. Dass sie dabei von den Gaffern auch noch verhöhnt wurden, empörte die Feuerwehrleute so sehr, dass sie Beweisfotos machten und gegen 30 Verkehrsteilnehmer Anzeige erstatteten. Laut Polizei droht jedem Blockierer nun ein Bußgeld – in Höhe von 20 Euro.

Der Fall zeigt: Die Möglichkeiten, der Schaulust mit rechtlichen Mitteln zu begegnen, sind oft äußerst begrenzt. Theoretisch kämen für Gaffer, die Rettungskräfte in ihrer Arbeit behindern und so möglicherweise das Leid der Opfer verstärken oder verlängern, einige Straftatbestände in Frage. Die Palette reicht von unterlassener Hilfeleistung über Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung bis hin zu Körperverletzung und gar fahrlässiger Tötung, wie der Freiburger Oberstaatsanwalt Michael Mächtel erklärt. "Allerdings dürfte der Nachweis schwierig sein, dass tatsächlich eine von Schaulustigen verursachte Verzögerung der Grund für erhöhtes Leid eines Opfers war", so Mächtel. Bis zu zwei Jahren Haft drohen seit 2015 allerdings Gaffern, die Bilder von Verletzten aufnehmen, ins Netz stellen und damit deren "höchstpersönlichen Lebensbereich" verletzen (Paragraf 201a StGB).

"Wir konzentrieren uns im Einsatz auf die Patienten und haben keine Zeit, uns mit den Gaffern zu befassen", sagt DRK-Rettungsdienstleiter Ralf Götz. Schließlich zähle oft jede Minute. Sind besonders viele und drängende Schaulustige vor Ort, fordere man zusätzliche Kräfte an, sagt Polizist Walter Veeser: "Wir haben definitiv einen höheren Personaleinsatz wegen der Gaffer." Trotzdem reichten die Kräfte oft nicht, um auch noch die Personalien von Sensationsfreunden aufzunehmen – und sie von jenen zu unterscheiden, die wichtige Zeugen sein können. Götz plädiert für schärfere Gesetze: "Es wäre richtig, wenn schon die bloße Behinderung von Rettungskräften geahndet werden könnte." Bisher ist eine Strafe nur möglich, wenn dabei Gewalt angedroht oder angewandt wird.

Braucht es neue Gesetze, um die Gaffer zu bremsen?

Handlungsbedarf sah auch der Bundesrat und erarbeitete im vergangenen Sommer eine Gesetzesinitiative, die zwei Lücken schließen sollte: Zum einen sollte schon die passive Behinderung von Rettungskräften mit Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder Geldstrafe geahndet werden, zum anderen sollte der § 201a auf verstorbene Personen ausgeweitet werden. Doch in dem Gesetzesentwurf zur "Stärkung des Schutzes von Vollstreckungsbeamten und Rettungskräften", den das Bundesjustizministerium unter Heiko Maas (SPD) dem Bundestag nun vorgelegt hat, ist davon kaum etwas übrig: Strafbar soll weiterhin nur der "tätliche Angriff" sein. "Wir werden prüfen, was genau darunter zu verstehen ist, und das präzise formulieren", sagt Johannes Fechner, Bundestagsabgeordneter aus Emmendingen und rechtspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Es gebe in der Tat eine Gesetzeslücke, die noch vor der Sommerpause geschlossen werden solle. "Das geschmacklose Verhalten der Gaffer muss einem anderen Verfolgungsdruck unterliegen als bisher", sagt sein Lörracher Kollege von der CDU, Armin Schuster. Maas’ Entwurf gehe ihm nicht weit genug, er befürworte den des Bundesrats: "Dahinter stehen die Landesinnenminister – die wissen, was Sache ist", meint Schuster.

Die Rettungskräfte vor Ort versuchen sich derweil irgendwie zu behelfen. Aus Erfahrungen wie jener vom April 2015, als ein 60-jähriger Mann vor dem Cinemaxx in Freiburg zusammenbrach und rund 300 Schaulustige zusahen, wie Retter ihn zu reanimieren versuchten, hat man Lehren gezogen. Die Verkehrspolizei verfügt mittlerweile über ein Zelt, das Verstorbene vor Blicken schützt. Beim DRK versuche man, Verletzte so schnell wie möglich in den Krankenwagen zu bekommen, um sie abzuschirmen und dort weiter zu behandeln, sagt Götz: "Für die Betroffenen ist das Begafftwerden oft ganz schlimm."
Dieser Text ist am Sonntag, 19. März 2017, in unserer Wochenzeitung"Der Sonntag" erschienen.

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Autor: Sigrun Rehm, Der Sonntag