Offenburger in Südafrika

Schluckspecht auf Rekordjagd: 1200 Kilometer Batteriebetrieb?

Helmut Seller und dpa

Von Helmut Seller & dpa

So, 01. August 2010 um 18:56 Uhr

Südwest

Er ist klein, silberfarben und hört auf den ironischen Namen "Schluckspecht": Dabei ist das Energiesparmobil der Hochschule Offenburg genau das Gegenteil. Die neue Version des Batteriefahrzeugs soll den Weltrekord brechen.

OFFENBURG. Ohne ein einziges Mal die Batterie aufzuladen, hat im Mai ein japanisches Elektrofahrzeug 1003 Kilometer zurückgelegt – auf einem Rundkurs. Unschlagbar? "Wir meinen: Nein!", sagt das 15-köpfige Team der Hochschule Offenburg, rüstet seinen "Schluckspecht City" um und fliegt Mitte September zur "World Solar Challenge" nach Südafrika. Dort soll der Weltrekord der Japaner geknackt werden – unter echten Straßenbedingungen, Steigungen bis zu fünf Prozent und mit einem Schnitt von Tempo 40. "Laut unserer Hochrechnung müssten wir etwa 1200 Kilometer schaffen", sagt Ulrich Hochberg. Der Ingenieur leitet gemeinsam mit Claus Fleig vom Fachbereich Maschinenbau das Projekt.

Silberfarben lackiert ist das windschlüpfige Wägelchen, geschwungen angeordnete Scheinwerfer-Dioden geben ihm ein freundliches Lächeln. Beim Öffnen der leichten Flügeltür fällt der Blick auf einen Leichtmetallrahmen und ein blau leuchtendes Anzeige-Display mit farbigen Knöpfen inmitten des Lenkrades. Der Hartschalensitz kommt ohne Polster aus, und das schwerste Einzelteil im Innenraum dürfte der rote Feuerlöscher rechts im Fußraum sein. Bequem sieht anders aus – und ist es auch nicht: "Es ist schon gewöhnungsbedürftig", verrät die zierliche Studentin Sabine Binninger aus Kenzingen, die das Gefährt ins Foyer des Hochschultraktes B chauffiert hat und sich in Südafrika mit Kommilitonen bei der Fahrt über die 1400 Kilometer lange Solar-Challenge-Strecke von Johannesburg über Kapstadt nach Pretoria abwechseln wird.

Letzte Tests in Bühl

Rund 100.000 Euro kostet das von Sponsoren unterstützte Projekt – inklusive Schluckspecht, Batterien und Reisekosten. Auf dem Testgelände des Kupplungs-Herstellers LuK in Bühl werden in den nächsten Tagen bei einem 24-Stunden-Lauf praktische Erfahrungen gesammelt: "Da sieht man dann die Schwachstellen", so Hochberg. Viel Zeit bis zum Abflug nach Südafrika bleibt dann freilich nicht mehr: "Das ist in der Tat ein sehr, sehr kurzfristiges Projekt– aber das muss so sein, denn die nächste Studierenden-Generation wartet ja schon."

Seit 1998 wird in Offenburg an verschiedenen Schluckspecht-Modellen das theoretisch erworbene Wissen in die Praxis umgesetzt – bekanntlich mit Erfolg. Ein zigarrenförmiger, zuletzt mit einer Brennstoffzelle betriebener Schluckspecht fuhr beim Shell-Eco-Marathon zweimal auf den ersten und zweimal auf den zweiten Platz.

Der 160 Kilogramm leichte "Schluckspecht E" nimmt nun die automobile Zukunft vorweg und setzt auf Elektroantrieb. Zwei Radnabenmotoren mit rund 4 kW Leistung (etwa 5,4 PS) sorgen für einen Wirkungsgrad von 98 Prozent, wie Hochschulrektor Winfried Lieber gestern stolz berichtete. Wenn’s bergab geht, werden die Batterien wieder ein wenig aufgeladen. Für Lieber ist das Schluckspecht-Projekt auch ein tolles Aushängeschild – zumal es auf Google weit mehr Treffer erziele, als die Homepage der Hochschule selbst.

"Wir sind kein Autohersteller, wir sind lediglich daran interessiert, das technisch Mögliche auszutesten und voranzubringen." Ulrich Hochberg
Doch auch wenn den Offenburgern auf Südafrikas Straßen der neue Weltrekord gelingen sollte: In Serie gehen wird trotz seiner Straßentauglichkeit das schmale Gefährt ohne Feststellbremse und Scheibenwischer nicht. "Wir sind ja kein Autohersteller, wir sind lediglich daran interessiert, das technisch Mögliche auszutesten und voranzubringen", sagt der Hochschullehrer Hochberg. Seine Studenten profitieren freilich von dieser praktischen Forschungsarbeit: Über den Schluckspecht sind in Offenburg bereits diverse Bachelor- und Masterarbeiten geschrieben worden.

Für Wolfgang Weil vom Autozulieferer "Weil Engineering GmbH" aus Müllheim ist es am Beispiel Schluckspecht "schön zu sehen, wo die Zukunft hingeht". Abgastechnologie und Partikelfilter, wie sein Unternehmen sie noch produziert, brauche man eines Tages nicht mehr. Darauf müsse man sich einstellen: "Der Standort Deutschland lebt von dem Wissen, das wir hier aufbauen. Das ist die Zukunft."

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