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18. September 2009
Schnelle Signale für die Zukunft
Neuer Schwerpunkt im Zeichen der Exzellenz: An der Freiburger Universität ist die biologische Signalforschung jetzt startklar
FREIBURG. Wissenschaft und Forschung brauchen eigentlich Zeit. Doch manchmal muss es ganz schnell gehen. Es ist die Exzellenzinitiative, die in den erfolgreichen Universitäten aufs Tempo drückt. Auch in der Universität Freiburg: Binnen knapp zwei Jahren wurde der neue Forschungsbereich – in der Sprache des Elitewettbewerbs ein Forschungscluster – namens Bioss vom schriftlichen Entwurf zur fast vollständig eingerichteten Institution mit rund 100 Arbeitsplätzen entwickelt.
Die Eile tut not: Nach fünf Jahren muss sich der neue Forschungsschwerpunkt der Universität in der Konkurrenz einer zweiten Exzellenzinitiative behaupten – mit neuen Projekten. Dabei geht es nicht nur ums Renommee der Universität als Eliteuniversität, das entscheidend an diesem Forschungscluster hängt, es geht vor allem auch um viel Geld: 32,5 Millionen Euro stehen für die fünf Jahre bereit.Bioss (der Name steht für Centre for Biological Signalling Studies) kommt nicht aus dem Nichts. Die biologische Signalforschung, die fragt, wie Informationen in den Zellen und zwischen den Zellen wandern und verarbeitet werden, ist schon länger an der Freiburger Universität etabliert, freilich bislang nicht in derart gebündelter und kompakter Form. Bioss setzt völlig neue Maßstäbe – und verändert damit das Forschungsprofil der Universität insgesamt. Dafür steht schon allein die Tatsache, dass hier sieben Fakultäten mit dem Max-Planck-Institut (MPI) für Immunbiologie und das Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik zusammenarbeiten.
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die Qualität der Mitarbeiter
Finanziert werden Neubau und Institutsmitarbeiter aus den Etats von Land, Universität und Bioss. Bewährt sich das Cluster in der nächsten Wettbewerbsrunde nicht – was derzeit niemand in Freiburg annimmt –, dann müsste es sich nach neuen Finanzquellen umschauen, was schwierig sein dürfte. Deshalb herrscht seit dem Start starker Leistungsdruck, und die Erwartungen an die wissenschaftliche Qualität der Mitarbeiter sind entsprechend hoch.
Das gilt natürlich vor allem für die vier zentralen Professuren. Mit den bisherigen Ergebnissen der Berufungen zeigt sich Reth hochzufrieden. Mit Prasad Shastri von der Vanderbilt University in Nashville im US-Staat Tennessee wurde eine internationale Kapazität der Polymerchemie gewonnen. Für die synthetische Biologie, in der Reth den Erfolgsfaktor von Bioss im Elitewettbewerb sieht, kam mit Wilfried Weber der Wunschkandidat von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich nach Freiburg. Für den dritten Bereich Strukturbiologie wurde erfolgreich mit einer Professorin aus dem britischen Leeds verhandelt, und im Fach Proteomforschung werden derzeit noch mit einer Kandidatin abschließende Gespräche geführt.
Die neuen Professoren und Professorinnen sind zum Teil noch vergleichsweise jung – wie ihre Disziplinen. Insbesondere aber, sagt Reth, ist es gelungen (wenn alle jetzigen Rufe zum Zuge kommen), die vier Professuren paritätisch mit Männern und Frauen zu besetzen. Denn Frauenförderung ist ein zentraler Aspekt in der Begutachtung der Projekte in der Exzellenzinitiative.
Die Konkurrenz um die besten Köpfe, die durch die erfolgreichen Cluster der Exzellenzinitiative bundesweit und darüber hinaus ausgelöst worden ist, hat Bioss laut Reth wenig zu spüren bekommen. Denn der Freiburger Forschungsschwerpunkt ist stark interdisziplinär ausgerichtet, suchte deshalb nicht Forscher aus nur einem Fachgebiet. Ein in den Berufungsverhandlungen entscheidendes Argument war zudem weniger das Gehaltsangebot als das Forschungsumfeld sowie die Geräteausstattung, die die Freiburger Labors zu bieten haben. Und die ist dank des Bioss-Gelds auf dem neuesten Stand. Das Cluster hatte gerade in seiner Startphase, als nur geringe Personalkosten anfielen, reichlich Mittel zum Kauf von teuren Apparaten. Zudem hilft sehr das Zentrum für Biosystemanalyse, das kürzlich eingeweiht worden ist und eng mit Bioss zusammenarbeitet.
Bioss hat eine eigenständige Geschäftsstelle, die seit einem Jahr von Johannes Kaiser geleitet wird. Sie bildet gleichsam die Basis des Clusters, das außer den vier Professuren fünf Juniorprofessoren (zum Teil schon besetzt) und fünf unabhängigen Wissenschaftlern (Postdoktoranden) Arbeit bietet – sowie einer Vielzahl von Nachwuchswissenschaftlern, die mit Projekten im Rahmen der Signalforschung betreut werden. Alles zusammen ergibt das, sagt Reth, eine Forschungseinrichtung von der Größe eines mittelständischen Unternehmens, die sich in denkbar kurzer Zeit formiert hat. Während dieser Aufbauarbeit lief aber von Anfang an auch die Forschung – über Projekte innerhalb des MPI und der Universität.
Im Herbst nun soll das gesamte Cluster arbeitsfähig sein und seine Besonderheiten ausbilden. Nämlich die Analytik herkömmlicher Biologie zu verbinden mit dem neuen Gebiet der synthetischen Biologie, die neue molekulare Schaltelemente schafft, an denen gezielt bestimmte Signalwege und deren Störungen untersucht werden können. Das ist zunächst biologische Grundlagenforschung, aber im Visier sind medizinische Therapien für Krankheiten, deren Ursachen in eben diesen biologischen Signalen liegen.
Für die synthetische Biologie wird ein Ressourcenzentrum eingerichtet, das biologische Materialien zu Forschungszwecken bereit hält. Auf dieser Grundlage, mit Bioss im Hintergrund, soll eines Tages ein internationaler Studiengang für Bioingenieure entwickelt werden, ein Fach, das bislang in Deutschland nicht angeboten wird. Die technische Fakultät spielt logischer Weise in diesen Überlegungen eine zentrale Rolle.
sollen die Elite-Jury
von den Sitzen reißen
Vorrangig ist aber selbstverständlich die Qualität der Forschung von Bioss: Erste Veröffentlichungen sind bereits auf dem Weg, und Reth ist hochzufrieden mit den Resultaten aus den 40 ersten Projektarbeiten, die 2008 angestoßen wurden. Sie zeigen, sagt er, welche Potenziale die Universität auf dem Gebiet der Signalforschung schon vor der Exzellenzinitiative besaß – und in dem sie nun, durch die organisierte Form des Clusters, "international sichtbar" werden soll, so Reth.
Das Forschungsfeld ist neu, seine Aspekte deshalb noch sehr vielfältig. "Es gibt noch nicht die zwei, drei drängenden Fragen", sagt Michael Reth. Diese Komplexität werde sich mit den Jahren verringern. Dann auf der richtigen Fährte zu sein, wird über die Zukunft von Bioss mitentscheiden. Im Herbst will Reth die ersten neuen Forschungsideen sammeln. Und er hofft, dass sich darunter vielleicht schon die "Wow-Projekte" finden, die die Gutachter im zweiten Elitewettbewerb von ihren Sitzen reißen – und sie vom Antrag aus Freiburg erneut überzeugen.
Autor: Wulf Rüskamp


