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27. November 2009
"Sie malen zu sehr schwarz-weiß"
Heiner Schanz, Prorektor der Uni Freiburg, und die Studierendenvertreterin Julia Bohlen im Gespräch über die Studentenproteste
FREIBURG. Das Audimax der Universität Freiburg ist seit mehr als zehn Tagen von Studenten besetzt. Ihr Protest gilt der Hochschulpolitik insgesamt, den Studienbedingungen und konkret der Ausgestaltung der Bachelor- und Masterstudiengänge. Wulf Rüskamp bat den Prorektor für Lehre, Heiner Schanz, und die Studierendenvertreterin Julia Bohlen zum Streitgespräch.
BZ: Frau Bohlen, was läuft aus Ihrer Sicht falsch in der universitären Lehre?Bohlen: Die Verschulung des Studiums und die Überlastung der Studierenden. Dahinter steht das Problem, dass in relativ kurzer Zeit die Diplom- und Magisterstudiengänge umgewandelt worden sind und deshalb keine Diskussion stattfand, was an Stoff sinnvollerweise ins Bachelorstudium zu übernehmen ist und was in die weiterführenden Masterstudiengänge. Dadurch müssen die Studierenden eine Vielzahl von Seminaren und Vorlesungen einplanen, die sie in einen engen Stundenplan packen müssen.
BZ: Herr Schanz, das hört sich nach vielen handwerklichen Fehlern an...
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Schanz: Aufgrund der fehlenden Erfahrung, aber auch im Übereifer hat es in der Umsetzung sicherlich manche Fehlentwicklung gegeben. Deshalb haben wir uns in jeder Senatssitzung der vergangenen anderthalb Jahre mit neuen Prüfungsordnungen für einzelne Studiengänge befasst und so die einzelnen Studiengänge Schritt für Schritt verbessert. Ich würde dies aber nicht handwerkliche Fehler nennen.
Bohlen: Die Universität hat aber auch die Zeit nicht genutzt, die sie für diese Umstellung hatte. In vielen Fächern hat man erst kurz vor dem gesetzten Termin für die Reform erkannt, dass man umstellen muss. Es wäre durchaus Zeit gewesen, entsprechende Diskussionsprozesse in Gang zu bringen. Bei der Reform sind häufig auch die Studierenden nicht gefragt worden, also genau diejenigen, die wissen, was bei den Magister- und Diplomstudiengängen schief gelaufen ist. Deshalb sind viele Dinge, die dort schon falsch liefen, in die Bachelor- und Masterstudiengänge übernommen worden. Man hätte einfach mit den Studierenden und den Dozierenden sprechen müssen.
Schanz: Zum Ersten: Die Universität hat rechtzeitig mit der Umstellung der Studiengänge begonnen. Und zum Zweiten: Die Studierenden sind sehr wohl beteiligt gewesen. Die neuen Studiengänge sind ja nicht von oben verordnet worden, sondern wurden in Kommissionen ausgearbeitet. In diesen Studienkommissionen sind die Studierenden vertreten, sie sitzen im Fakultätsrat und sie sitzen im Senat.
Bohlen: Die Studierendenvertreter sind in diesen Gremien die absolute Minderheit. Es gibt sicher manche Studiengänge, bei deren Konzeption die Studierenden gut eingebunden waren. Aber es gibt viele Gegenbeispiele: In der Philosophischen Fakultät wurden die Entwürfe für neue Studiengänge in die Studienkommission eingebracht, ohne dass die Studierenden an der Ausarbeitung beteiligt waren oder in der Kommission eine Chance zu einer grundsätzlicheren Diskussion hatten. Und das gilt auch für den Fakultätsrat und erst recht für den Senat. Und wenn die Studierenden eingebunden werden, beruht das auf dem Goodwill der Beteiligten, hat aber nicht zwangsläufig Konsequenzen in den Studienordnungen und führt auch nicht zu einer Institutionalisierung echter Mitentscheidung.
Schanz: Das hat sich aber in den vergangenen anderthalb Jahren stark verändert. Ich würde mit meiner Kritik an einer ganz anderen Stelle ansetzen, als derzeit diskutiert wird: Das Bachelor-Master-System sollte man nicht grundsätzlich in Frage stellen, denn es funktioniert in anderen Ländern bereits sehr gut. Meiner Ansicht nach wurde bei der Umstellung aber übersehen, dass vor allem die Studienorganisation und nicht nur die Studiengänge umgestellt werden müssen.
Bohlen: Aber es hat viele Alibi-Kommissionen gegeben, die den Vorschlägen nur zustimmen konnten oder eben nicht.
Schanz: Wenn dem so wäre, dann müsste sich doch der gegenwärtige Aufruhr genau gegen solche konkreten Fälle richten. Und für solche Fälle gibt es den Jour fixe des Asta mit dem Rektor. Dort sind solche Fälle von den Studierenden aber nicht angesprochen worden. Dafür brauche ich kein besetztes Audimax.
Bohlen: Aber das sind doch nur Einzelne, die diese Gespräche führen. An dem jetzigen Protest ist doch das Schöne, dass die Studierenden sich politisieren und sagen, sie wollen direkt mitmachen.
Schanz: Aber vielleicht bewirkt das genau das Gegenteil. Bei den konkreten Umstellungsproblemen geht es doch nicht um Politisierung, sondern um Entpolitisierung auf einer sachlichen, inhaltlicher Ebene, auf der Ebene der Studienorganisation. Auf der politischen Ebene stellen Sie Forderungen, die eine Lösung durch die Politik verlangen. Dazu ist aber das besetzte Audimax das falsche Forum.
BZ: In der Öffentlichkeit wundert man sich über den Streit um die Präsenzpflicht der Studenten in den Seminaren...
Bohlen: Durch die Anwesenheitspflicht entsteht Druck auf die Studierenden. Außerdem muss ich für alle Lehrveranstaltungen eine Klausur oder eine Hausarbeit oder gar beides schreiben. Und das bedeutet eine extreme Verdichtung der Prüfungen – oder den Wegfall der Semesterferien, weil beispielsweise an deren Anfang und Ende die Prüfungen erfolgen. Da hat man keine Zeit mehr für Praktika oder für die eigene Weiterbildung.
Schanz: Der Begriff der Semesterferien...
Bohlen: ... ja ich weiß: Es heißt vorlesungsfreie Zeit. Aber die brauchen wir auch für Praktika.
Schanz: Ich bestreite nicht, dass die Frage, wie wir uns organisieren, zu erhöhtem Druck führt. Das hat aber nicht zwangsläufig mit der Menge des Stoffs zu tun, auch nicht mit der Frage, ob die Prüfungen nötig sind, sondern mit der Abstimmung der Fächer untereinander. Die aktuelle Untersuchung des Deutschen Studentenwerks zeigt: Das Staatsexamensstudium hat 41 Wochenstunden Belastung, Bachelor im Schnitt 36 Stunden, Diplom 34 Stunden. Und die Alternative zu den fortlaufenden Prüfungen wäre die eine große Folge von Prüfungen am Ende des Studiums. Das muss man abwägen. Und zum Thema Anwesenheitspflicht: Das ist nichts Neues, die hat es schon früher gegeben.
Bohlen: Aber heute haben viel mehr Veranstaltungen diese Anwesenheitspflicht. Dadurch entsteht der Eindruck von Verschulung.
Schanz: Wieso zeigen dann aber alle verfügbaren Absolventenstudien unter den Absolventen diesen hohen Grad von Zufriedenheit mit dem Bachelorstudium? In der Regel sagen zwei Drittel von ihnen, sie seien zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrem Studium. Ich glaube deshalb, dass Sie zu sehr schwarz-weiß malen.
BZ: Protestiert also derzeit nur eine kleine Minderheit?
Schanz: Nein, ich will den Protest nicht kleinreden, sondern nur einseitige und schematische Diskussionen vermeiden. Ich halte grundsätzlich die sachbezogene Diskussion der Studierenden für richtig, wichtig und hilfreich.
Bohlen: Nach meiner Wahrnehmung protestiert keineswegs nur eine kleine Minderheit. Vieles, mit dem manche zufrieden sind, stört andere sehr stark. Und ein Drittel Unzufriedene – das sind immer noch genug. Ich möchte dazu auch auf die Schwierigkeiten mit der Anerkennung von Studienleistungen im Ausland hinweisen. Es war Ziel der Bologna-Reform, dieses zu erleichtern. Doch das ist keineswegs der Fall. Die Bafög-Regelung erlaubt zudem nicht, einfach ein Auslandssemester einzubauen, weil man dann ein Semester länger studieren muss.
Schanz: In manchen Punkten war die Bolognareform zu blauäugig. Aber ich würde mich auch dagegen wehren, dass alle Studiengänge und deren Module zwischen den Universitäten angeglichen werden. Das würde eine Nivellierung der Ausbildungsinhalte und der Qualität bedeuten.
Bohlen: Aber die Vergleichbarkeit war eines der ausdrücklichen Ziele der Bolognareform. Hinzukommt, dass auch ein Hochschulwechsel erschwert wird, weil sich die Prüfungsordnungen in manchen Fächern komplett unterscheiden.
Schanz: Ich sehe auch, dass der Wechsel während des Bachelorstudiums schwieriger geworden ist. Aber die Frage der Mobilität sollte über die ganze Zeit des Studiums betrachtet werden. Wenn man Bachelor und Master zusammennimmt, kommt man zu einem anderen Bild der Mobilität.
BZ: Frau Bohlen, was muss geschehen an konkreten Schritten seitens des Rektorats, um die jetzige Konfrontation zu beenden?
Bohlen: Nachdem wir am Mittwoch unseren Forderungskatalog unter anderem an das Rektorat der Uni überreicht haben, müssen diese Forderungen erfüllt werden, bevor wir im Plenum über ein Ende der Konfrontation entscheiden werden.
BZ: Und was können Sie anbieten, Herr Schanz?
Schanz: Das, was wir schon länger anbieten – unser Gespräch in den Gremien und Arbeitsgruppen, wo wir die Studierenden sehr ernstnehmen. Und wir haben ja in der Vergangenheit schon zu gemeinsamen Lösungen gefunden. Ich nenne da nur die Kürzungsliste, als die Einnahmen aus den Studiengebühren eingebrochen waren: Dazu hat es zum ersten Mal in der 552-jährigen Geschichte der Universität eine gemeinsame Presseerklärung von Studierenden und Hochschulleitung gegeben.
Autor: amp


