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08. August 2011

Bernd Haselmann über Inklusion

"So viel gemeinsamer Unterricht wie möglich"

BZ-INTERVIEW mit Bernd Haselmann zum Thema Inklusion.

  1. Bernd Haselmann, Ex-Regierungsschuldirketor Südbaden Foto: Anita Rüffer

FREIBURG. Drei Jahre lang war er im Regierungspräsidium Freiburg zuständig für die Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschulen in Südbaden. Jetzt wurde der Leitende Regierungsschuldirektor Bernd Haselmann in den Ruhestand verabschiedet. BZ-Mitarbeiterin Anita Rüffer wollte von ihm wissen, ob es für Kinder mit Behinderungen in der Region inzwischen leichter geworden ist, gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern in einer Regelschule für alle unterrichtet zu werden.

BZ: Herr Haselmann, als Sie vor drei Jahren die Leitung des Referats übernommen haben, sind Sie schnell mitten in die heiße Phase der Inklusionsdebatte geraten. Befeuert worden war sie durch die 2009 auch in Deutschland in Kraft getretene UN-Konvention, die Menschen mit einer Behinderung eine umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben garantiert. Seither macht sich eine Reihe von Initiativen dafür stark, Kinder mit einer Behinderung nicht mehr in Sonderschulen, sondern in Regelschulen für alle zu unterrichten. Wie weit wird das in den Schulen in Südbaden umgesetzt?
Haselmann: Die UN-Konvention schreibt ja nicht vor, wie gemeinsamer Unterricht organisiert werden soll. Die Zahl der Sonderschüler, die nicht ausschließlich in Sonderschulen unterrichtet werden, ist in den vergangenen Jahren in Baden-Württemberg deutlich gestiegen, auf 27 Prozent. Immer mehr Außen- und Kooperationsklassen von Sonderschulen werden an allgemeinen Regelschulen angesiedelt. Dort findet so viel gemeinsamer Unterricht wie möglich statt. Hinzu kommen 300 Sonderschuldeputate, mit denen die Einzelintegration von Schülern mit Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen so gefördert wird, dass die Einschulung in einer Sonderschule nicht erforderlich ist.

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BZ: Außen- und Kooperationsklassen sind aber nicht das, was die Verfechter von Inklusion darunter verstehen. Die behinderten Schüler bleiben einer Sonderschule zugeordnet und nicht einer Regelschule für alle. Gibt es Anstrengungen, daran etwas zu ändern?
Haselmann: Inklusion lässt sich nicht aufgrund von Verordnungen entwickeln. Die Schulämter suchen Schulen, die bereit sind, sich darauf einzulassen. Es wird aktiv dafür geworben. Wir bieten Fortbildungen an und stellen Schulen vor, die sie bereits praktizieren und die als Multiplikatoren dienen sollen. In jeder Grund- und Hauptschule gibt es einen Ansprechpartner für die Aufnahme behinderter Schüler.
BZ: Müssten den Schulen nicht auch Anreize geboten werden, wie kleine Klassen und Teamteaching, wovon alle profitieren würden?
Haselmann: In den Außen- und Kooperationsklassen wird der gemeinsame Unterricht jetzt schon von Lehrertandems gehalten. Ihn flächendeckend anzubieten, muss man auch unter dem Aspekt des finanziell Machbaren betrachten. Wir bevorzugen bei der Inklusion deshalb Gruppenlösungen: Nur wenn mehrere Schüler mit einer Behinderung von einer allgemeinen Regelschule aufgenommen werden, kommen genügend sonderpädagogische Förderstunden zusammen. Pro Schüler stehen je nach Art ihrer Behinderung drei bis sechs Stunden zur Verfügung.
BZ: Ist diese Arithmetik nicht ein Ausdruck für das Verharren im Denken eines gegliederten Schulwesens?
Haselmann: Nein, es ist ein Plädoyer für pragmatische Lösungen im Einzelfall. Es gibt viele Fallstricke bei der Inklusion, weil es so viele unterschiedliche Arten von Behinderung gibt. Die Regionen Konstanz und Freiburg wurden vom Ministerium ausgewählt, das genau zu beobachten. Gehörlose Schüler etwa haben optimale Bedingungen in der Sonderschule in Stegen. Wollte einer eine Schule in Titisee besuchen, müsste sie eigens für ihn mit Teppichboden und schalldämmenden Gardinen ausgestattet werden. In der Körperbehindertenschule in Wasser gibt es eine Krankenschwester, die auch mal einen Katheter wechseln kann. Wie wird das organisiert, wenn das Kind eine Regelschule besucht, und wer zahlt dafür? Vor allem auf dem Land stellt sich die Frage, wer die Fahrtkosten zu einer Wunschschule übernimmt. Da geraten die Landkreise an die Grenzen des Machbaren.
BZ: Bisher mussten Eltern, die ihr behindertes Kind gemeinsam mit nicht behinderten in einer Regelschule unterbringen wollten, hartnäckig darum kämpfen. Von der Schulverwaltung wurden sie eher blockiert. Hat sich daran etwas geändert?
Haselmann: Die Schulverwaltung hat dazu gelernt. Eltern, die Inklusion wünschen, werden heute von den Schulämtern positiv begleitet und betreut. Schon heute wird das Elternwahlrecht respektiert, auch wenn die Sonderschulpflicht erst im kommenden Jahr offiziell abgeschafft wird. Im Schulamtsbezirk Freiburg etwa wurden für das kommende Schuljahr 90 Anträge auf inklusive Beschulung gestellt. Die Elternwünsche konnten so gut wie alle erfüllt werden.

Autor: arü