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11. Juli 2012

BZ-Interview

Forschungsprojekt: Wollen sich Migranten wirklich nicht integrieren?

Menschen, die nach Deutschland zuwandern, sind nicht genug integrationswillig. Diesem Vorwurf fühlen sich Migranten oft ausgesetzt. Völlig zu Unrecht, sagen Studierende der Evangelischen Hochschule Freiburg. In einem Forschungsprojekt haben zwölf von ihnen ein Vorintegrationsprojekt in der Türkei besucht. Nachholbedarf sehen sie weniger bei den Migranten, als bei den deutschen Einwanderbehörden.

  1. Beate Steinhilber, Arta Jakupi und Olga Lich (von links) von der EH Foto: rita reiser

Martina Philipp sprach mit der EH-Professorin Beate Steinhilber (56) und den Studentinnen Olga Lich (23) und Arta Jakupi (24).

BZ: Was ist Ihnen aufgefallen, als Sie in der Türkei Einblick in ein Vorintegrationsprojekt an Sprachschulen hatten?

Jakupi: Dass die Teilnehmer, von denen die allermeisten Frauen sind, die ihrem Mann nach Deutschland folgen, von sich aus hochmotiviert sind, die deutsche Sprache zu lernen.

BZ: Überrascht Sie das?

Lich: Zumindest, wenn man bedenkt, dass in Deutschland nach wie vor die Meinung verbreitet ist, dass Ausländer weder ein Interesse daran haben, Deutsch zu lernen noch sich hier ins gesellschaftliche Leben einbringen wollen.

Steinhilber: Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall: Die Migranten wünschen sich ganz dezidiert Kontakt zu Deutschen außerhalb ihrer Familie.

BZ: Sie kritisieren, dass Zuwanderer seit 2007 die sogenannte A-1-Deutschprüfung ablegen müssen, bevor sie ihr Visum erhalten. Warum? Die Sprache ist doch der wohl wichtigste Faktor bei der Integration.

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Jakupi: Der Deutschunterricht ist zu sehr auf den Test ausgerichtet. In der A-1-Prüfung werden ganze eingeschränkte Dinge verlangt, die Leute lernen beispielsweise Deutsch ohne Artikel.

Steinhilber: Sprachliche Vorbereitung ist natürlich richtig und wichtig, diese Prüfung allerdings tatsächlich kontraproduktiv. Zumal oft viele Monaten zwischen Prüfung und Visumerteilung liegen. In der langen Wartezeit geht einiges wieder verloren, und die Motivation der Menschen wird ausgebremst. Wir fordern auch deswegen eine Abschaffung der Visumspflicht.

BZ: Demnach halten Sie die Sprachprüfung als auch die Visumspflicht beim Versuch, Schein- und Zwangsehen zu verhindern, für unangebracht.

Steinhilber: Meiner Meinung nach verhindert das keines der beiden Instrumente, sondern sie verhindern vielmehr das Zusammenfinden von Familien. In 50 Jahren Migrationsgeschichte zwischen der Türkei und Deutschland sind doch so viele Netze und Familien entstanden. Entsprechend sinnvoll ist transnationale Beratung, also sowohl in der Türkei als auch hier in Deutschland. Wenn eine türkische Frau bereits vor ihrer Ankunft weiß, was sie hier erwartet und was ihre Rechte sein werden, dann ist das doch entscheidend. Stattdessen werden im Vorfeld der Migration 80 Prozent der beantragten Touristenvisa abgelehnt. Das heißt, dass eine Frau, die ihrem Mann nach Deutschland folgen will, keine Chance hat, sich vorher ein Bild von dem Land und den Verhältnissen zu machen.

BZ: Kennen Sie Beispiele, in denen das ein Nachteil war?

Steinhilber: Wir wissen von einer Hebamme, die in der Türkei einen sehr guten Job hatte, und die sich letztlich entschieden hat, nicht nach Deutschland zu kommen. Nicht, weil sie ihren Mann nicht liebt, sondern weil ihr das Risiko zu groß erschien, in Deutschland keine gute Stelle zu finden.

BZ: Was müsste sich möglichst schnell ändern, um Integration in Deutschland voranzubringen?

Steinhilber: Sowohl die Politik als auch die Soziale Arbeit müssen umdenken. Wir müssen weg von diesem Entweder-oder. Es kann auch eine doppelte Heimat geben. Zwischen beiden kann man Brücken schlagen, beide gilt es anzuerkennen und wertzuschätzen.

BZ: Was können kommunale Einrichtungen hierzulande tun, die sich mit Integration befassen?

Steinhilber: Integrationskurse in Deutschland sollten versuchen, die Migranten in der Stadt einzubinden, ihnen soziale Kontakte mit den Menschen vor Ort zu ermöglichen. Ein Zuwanderer hat erzählt, dass er sich das sehr wünscht, es aber gar nicht so einfach sei, Anschluss zu finden.

Jakupi: Patenschaften sind da eine gute Möglichkeit, gerade auch zwischen Zuwanderern, die schon länger hier sind, und welchen, die neu hier ankommen.

Steinhilber: Man muss sich bewusst machen, was für eine Umstellung das für die Migranten ist. Sie kommen in ein völlig unbekanntes Land, das sie oft vorher nicht mal sehen durften. Das Einleben gilt es zu erleichtern, und zwar, in dem man Beratung bereits im Ursprungsland anbietet und sie hier fortsetzt.

Lich: Wichtig ist auch, dass allgemeine Einrichtungen wie die Schwangerschaftsberatung verstärkt einen Blick gewinnen für die Anliegen von Einwanderer.

BZ: Wenn ich Sie richtig verstehe, liegt es Ihrer Ansicht am wenigsten an den Zuwanderern, wenn sie sich in Deutschland nicht schnell integrieren können. Sie fordern mehr transnationale Beratung, weniger Bürokratie und eine offenere Haltung der hiesigen Bevölkerung. Wem werden Sie Ihre Erkenntnisse und Forderungen kundtun?

Steinhilber: Unser 150-seitiger Fachbericht wird veröffentlicht und kann von Oktober an bestellt werden. Unsere Ergebnisse landen sicher nicht nur in unserer Bibliothek.

VORINTEGRATIONSPROJEKTE

Seit 2009 gibt es vom Bundesministerium für Migration und dem Europäischen Integrationsfonds geförderte Vorintegrationsprojekte in der Türkei, in Serbien und im Kosovo. In der Türkei erhalten Einwanderer an Sprachschulen in 22 Städten individuelle und Gruppenberatungen von Mitarbeiterinnen der Diakonie Baden und der Stiftung für Soziale Arbeit Sabev in Ankara. Es geht darum, ihre Integration in Deutschland schon vor ihrer Einreise vorzubereiten und zu erleichtern.  

Autor: phi

Autor: phi


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