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14. Januar 2010 00:04 Uhr
Ursachenforschung
Stammen Ulmer Legionellen aus Kühlanlage?
Weiterhin ist unklar, wie sich im Raum Ulm 56 Menschen mit Legionellen infiziert haben, von den vier gestorben sind. Ist der Auslöser eine bakterienverseuchte Wolke aus einer Kühlanlage?
Stundenlang kreiste am Sonntag ein bayerischer Polizeihubschrauber mit einer Kamera an Bord über Ulm und Neu-Ulm. Bald erfuhren die verdutzten Einwohner der Doppelstadt an der Donau über Zeitungen und Radiosender, dass der Einsatz, der vom bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit geleitet wurde, mit der rätselhaften Ausbreitung von Legionellenerkrankungen zu tun hatte.
Die lärmenden Rotorblätter machten den Ernst der Lage mit einem Mal deutlich. Seither steht das Bürgertelefon, das die zuständigen Kreisverwaltungen gemeinsam eingerichtet haben, nicht mehr still. Doch die Amtsärzte an den Telefonapparaten haben im Grunde keine Vorschläge zur Vorbeugung parat. Wer Fieber spürt in diesen Tagen oder starkes Unwohlsein, dem wird geraten, umgehend einen Arzt aufzusuchen.
Die Experten hält das Ausbrechen der so genannten Legionärskrankheit schon seit dem 5. Januar in Atem. Die Universitätsklinik Ulm meldete besorgt, die Fälle infizierter Patienten häuften sich atemberaubend schnell. Allein von Samstag bis Sonntag stieg die Zahl der eingelieferten Kranken von 29 auf 43. Bis Mittwoch Abend waren es 59 Erkrankte. Vier Menschen sind inzwischen verstorben, drei Frauen im Alter von mehr als 80 Jahren und ein Mann Mitte 40. Die Patienten waren durch andere Leiden bereits stark geschwächt, der Einsatz von Antibiotika wirkte bei ihnen nicht mehr. Die Ärzte hoffen, dass es nicht noch schlimmer kommt. Im Bezirkskrankenhaus Günzburg ringt ein weiterer Mann um sein Leben. Er hat seine Arbeitsstelle in Ulm.
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Der Hubschrauber hat Fotos von Kühltürmen auf Dächern von Betrieben, Kaufhäusern und Krankenhäusern mitgebracht. Ist aus einer dieser Anlagen eine bakterienverseuchte Wolke aufgestiegen, die sich über die beiden Städte legte? Teams der Stadtwerke Ulm klappern die verdächtigen Gebäude ab und ziehen Nassproben, immer zwei Flaschen à 250 Milliliter. Die Proben werden in einem Labor der baden-württembergischen Landeswasserversorgung in Langenau (Alb-Donau-Kreis) untersucht. Das dauert. Die Kulturen, die angelegt werden müssen, brauchen rund eine Woche Zeit, bis sie Schlüsse zulassen.
Ob dann wirklich klar ist, woher die Bakterien kommen, ist aber fraglich. Ihre Quelle scheint versiegt. Sämtliche Patienten müssen sich, wie sich anhand der Inkubationszeit zurückrechnen lässt, in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr infiziert haben. Im Krankenhaus Esslingen liegt ein Kranker, der während dieser Zeit zweimal am Ulmer Hauptbahnhof den Zug wechselte.
Ein so rätselhaftes Phänomen hat es noch nie gegeben. Die Universität Duisburg-Essen hat fünf bisher bekannte Epidemien durch Legionellen untersucht. 1985 sind in Stafford, Großbritannien, 34 Menschen gestorben, weil die Klimaanlage eines Krankenhauses zum Brutherd geworden war. In der Stadt Kapellen in Belgien starben fünf Messebesucher, nachdem sie die Wassertröpfchen von Zierspringbrunnen eingeatmet hatten. In Harnef, Frankreich, töteten zum Jahreswechsel 2004/05 Legionellen aus dem Kühlturm eines Chemiewerks 18 Menschen. In allen Fällen hatten sich die Patienten an einem gemeinsamen Ort aufgehalten, der sich bald lokalisieren ließ.
Doch in Ulm und Neu-Ulm ist das anders. Zwar werden nun überall auch die Trinkwasseranschlüsse der Erkrankten überprüft, doch alle Indizien deuten auf eine andere Infektionsursache. Auf eine unheilvolle Wolke, auf etwas, das buchstäblich in der Luft lag.
Täglich tritt in Ulm der Krisenstab zusammen, besetzt mit Experten der Kreisverwaltungen sowie der Landesgesundheitsämter aus Baden-Württemberg und Bayern. Die jeweils zuständigen Ministerien in Stuttgart und München lassen sich ständig informieren. Alle niedergelassenen Ärzte der Region sind angewiesen, Patienten beim kleinsten Verdachtsfall auf eine Legionelleninfektion hin zu testen.
Immerhin: Zum ersten Mal seit dem 5. Januar waren gestern gute Nachrichten zu vermelden. Kein einziger Neuerkrankter wurde registriert. Und die Uniklinik Ulm entließ 13 Patienten als geheilt.
Autor: Rüdiger Bäßler
