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15. Juni 2012

Elitewettbewerb im Land

Uni Tübingen: Alles konsequent umgekrempelt

Zweimal ging Tübingen leer aus, dieses Mal ist die Universität zuversichtlich.

  1. Tübingen, hier mal ganz wild und chaotisch beim traditionellen Stocherkahnrennen voriges Wochenende. Die traditionsreiche Eberhard-Karls-Universität hingegen hat sich neu geordnet. Foto: dpa

TÜBINGEN. An diesem Freitag wird in Bonn die zweite Runde der Exzellenzinitiative entschieden: Welche Universität gehört weiter zur Elite, welche kommt neu hinzu, welche steigt ab. In einer Serie stellt die Badische Zeitung die vier Konkurrenten der Universität Freiburg im Land vor. Heute der letzte Teil: die Universität Tübingen.

Der Schock nach der erste Runde des Exzellenz-Wettbewerbs um die besten Forschungsprojekte und Hochschulen Deutschlands ist den Tübingern noch gut in Erinnerung. Mit Karlsruhe, Heidelberg, Freiburg und Konstanz waren gleich vier baden-württembergische Landesuniversitäten in der Elite-Klasse vertreten. Doch die eigene Universität war nicht darunter. Die Hochschule konnte 2007 lediglich Fördermillionen für ein neurowissenschaftliches Exzellenzcluster an Land ziehen: Das Centrum für integrative Neurowissenschaft (CIN) hat inzwischen ein eigenes Forschungsgebäude bekommen. Das junge, internationale Team von Grundlagenforschern will selbstverständlich weitermachen: Sein Antrag auf Weiterfinanzierung muss sich in der Konkurrenz mit 64 Exzellenzclustern bundesweit behaupten.

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Verzettelte Strukturen, fachliche Eigenbrötelei, zu wenig Kooperation mit den Max-Planck-Instituten am Ort: Aus der bitteren Analyse der Faktoren des Scheiterns 2007 hat das damals gerade neu gewählte Tübinger Rektorat unter Bernd Engler in den vergangenen fünf Jahren Konsequenzen gezogen. Die Organisation der traditionsreichen Eberhard-Karls-Universität wurde umgekrempelt: Zehn Fakultäten wurden zu drei Großfakultäten für Geistes-, Natur- und Wirtschafts-/Sozialwissenschaften vereint – mit Medizin, Jura und den beiden Theologien sind es jetzt sieben statt vorher 14. Orchideenfächer wie Sinologie, Japanologie oder Koreanistik wurden in einem Asien-Orient-Institut zusammengefasst.

Die Universität ordnete sich auch äußerlich neu. Der Standort Morgenstelle auf dem Berg über der Stadt wird zum naturwissenschaftlichen Campus ausgebaut. Für den Tal-Campus wurde ein städtebaulicher Rahmenplan auf den Weg gebracht. Vor allem aber bekam Tübingen ein drittes Max-Planck-Institut (für intelligente Systeme) und ein Leibniz-Institut für Wissensmedien; die Universität erhielt zudem den Zuschlag für eines von bundesweit vier neuen Islamzentren.

Ein neuer Wille zur Kooperation mit den außeruniversitären Forschungsinstituten zeigte sich beispielsweise in der Berufung der Tübinger Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard (Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie) in den Universitätsrat. Für ihre Exzellenz-Schwerpunkte konnte die Universität, spürbar gestützt vom damals noch CDU-geführten Wissenschaftsministerium, international renommierte Wissenschaftler berufen wie den empirischen Bildungsforscher Ulrich Trautwein, den Schlafforscher Jan Born und den Linguisten Harald Baayen.

Zur aktuellen und voraussichtlich letzten Runde der Exzellenzinitiative ist Tübingen neben dem bestehenden Cluster mit drei neuen Anträgen am Start: Die Linguisten haben mit Psychologen und Informatikern ein Forschungsprojekt (als Exzellenzcluster) zur Entstehung der Bedeutung in der Sprache entwickelt. Außerdem sind zwei Graduiertenschulen zur Bildungsforschung und zur molekularen Zellbiologie im Rennen. Und dann natürlich das Zukunftskonzept, das der Universität den Elitetitel verschaffen soll: Es zielt vor allem auf die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern in den zukunftsträchtigen Forschungsfeldern, wobei Interdisziplinarität, Internationalität und Gleichstellung von Frauen versprochen werden.

Dieses Mal soll es klappen. Zumindest die Signale, die sie bei den Ortsterminen der Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Wissenschaftsrats und bei der Präsentation ihrer Projekte in Bonn bekam, stimmen die Hochschulspitze zuversichtlich: Unter dem "Research, Relevance, Responsibility" (Forschung, Relevanz, Verantwortung) kann sie, so die Überzeugung, in die schmale Elite der deutschen Leuchtturm-Unis aufrücken – möglicherweise zu Lasten eines anderen baden-württembergischen Titelinhabers wie Freiburg oder Konstanz. Aber mit solchen politischen Spekulationen hält sich das Tübinger Rektorat selbstredend vornehm zurück.

Autor: Ulrike Pfeil