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26. Juni 2012 08:01 Uhr
Nordwestschweiz
Vogel- oder Gewässerschutz? Naturschützer im Dilemma
Der Schutz von Vögeln oder jener von Fischen – was ist wichtiger? Der Schweizer Kanton Aargau ist in der Zwickmühle: Sein Vorhaben, einen Stausee von Sedimenten zu reinigen, wäre nicht für alle Tiere gut.
Mit ihrem Plan, zum Teil belastete Sedimente aus dem Klingnauer Stausee abzupumpen und in den Rhein einzuleiten, stößt der Kanton Aargau bei Fischereiverbänden auf Widerstand. Auch die Umweltbehörden des Landkreises Waldshut und das Regierungspräsidium Freiburg haben sich eingeschaltet.
Der Klingnauer Stausee ist, obwohl vor 75 Jahren künstlich angelegt, zu einem Naturreservat geworden. Und dies vor allem für Vögel, die hier nisten. 310 Arten wurden hier zuletzt nachgewiesen, vom Fischadler bis zum Neuntöter, dazu ist der Biber wieder heimisch geworden, zahlreiche Reptilien haben einen Lebensraum gefunden. In der Schweiz ist eine Auenlandschaft von nationaler Bedeutung, so die offizielle Formulierung, entstanden.
Der See liegt am Unterlauf der Aare, rund einen Kilometer von der Mündung in den Rhein entfernt, ist drei Kilometer lang und 500 Meter breit und steht unter Naturschutz. Seit einigen Jahren hat der See ökologisch betrachtet jedoch ein Problem: Aufgrund der geringen Fließgeschwindigkeit lagern sich verstärkt Sedimente ab, der See droht zunehmend zu verlanden. Deshalb plant das kantonale Amt für Landschaft und Gewässer, rund 3000 Kubikmeter Sediment abzusaugen beziehungsweise eine Fließrinne auszubaggern. Die Sedimente sollen in den Rhein geleitet werden.
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Im Prinzip ist das ein gängiges Verfahren. In Deutschland werden pro Jahr zwischen vier und fünf Millionen Kubikmeter Sedimente aus Flüssen und Seen abgeleitet, sagt Ulrich Wagner von der Umweltabteilung des Landratsamts Waldshut. Im Wesentlichen ist das heute auch kein Problem mehr, handelt es sich doch weitgehend um natürliches Geschiebe. Auch machen sich die Anstrengungen beim Gewässerschutz bemerkbar, denn die neu abgelagerten Sedimente sind recht sauber. Allerdings haben sich früher auch Gifte wie PCB oder polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe in dem Sediment abgelagert. Mit dem Ausbaggern des Sees könnten sie erneut in die Umwelt gelangen. Das zumindest ist die Befürchtung der Fischereiverbände. Sie fürchten vor allem, dass sich die Schwebstoffe ausgerechnet dort absetzen, wo die Fische bevorzugt laichen.
Und so sieht sich das Amt für Landschafts- und Gewässerschutz des Kantons in der Zwickmühle zwischen den Interessen des Vogel- und des Gewässerschutzes. Tue man nichts, werde der Stausee weiter zuwachsen und der Lebensraum der Wasservögel verschwinden, sagt Norbert Kräuchi, der Leiter des Amtes. "Wir machen das zum Erhalt des Vogelparadieses." Zu Details will er sich nicht äußern, da man noch in einem laufenden Verfahren stecke und längst nicht alle Einwände geprüft habe. Richtig sei aber, dass in den tieferen Sedimentschichten PCB und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe gefunden wurden – allerdings seien sämtliche gemessenen Werte unterhalb der Grenzwerte, die die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins festgelegt habe. Auch Kräuchi verweist darauf, dass es sich bei der Menge aus dem Klingnauer Stausee um weniger als zehn Prozent dessen handelt, was jedes Jahr in den Rhein eingeleitet wird.
Dennoch kündigt Kräuchi gegenüber der Badischen Zeitung an, man werde Sedimente, deren Belastung an den Grenzwert heranreicht, möglicherweise verbrennen. Ulrich Wagner hat zudem vorgeschlagen, nur solche Bereiche auszubaggern, in denen die sauberen, neuen Sedimente lagern, denn belastet sind vor allem 30 bis 40 Jahre alte Sedimente. Wagner betont, der Kanton Aargau habe die deutsche Seite früh über die Pläne informiert, man sei seit eineinhalb Jahren im Kontakt. Er sehe das Bemühen der Nachbarn, eine gute Lösung zu finden. Dass es sich lohnt, bewies der Lachs, der unlängst im Hochrhein gesichtet wurde.
- Erklär's mir: Was sind Sedimente?
Autor: Franz Schmider



